Das kommende Zeitalter der Zwerge

Ein Panzer ist kugelsicher, weil er eine Kanone auf Gleisketten ist, geschützt durch Tonnen von Stahl. Das klingt logisch. Wie aber kann ein Mensch im Brust-, Bauch- und Unterleibsbereich kugelsicher werden, nur durch das Tragen einer recht unscheinbaren Weste? Er kann es werden – auch dank der Nanotechnologie. „Nano“ steht im Griechischen für Zwerg. Legt man zugrunde, daß der Nanobereich Größenordnungen ab 10-9 Meter bezeichnet, wäre selbst „Zwergchentechnologie“ wohl noch eine maßlose Übertreibung. Grundsätzlich geht es um Herstellung und Nutzung von Strukturen, gleich ob zwei- oder dreidimensional, in winzigen Maßstäben. Damit gewinnt die Ingenieurwissenschaft Zugang zur molekularen und atomaren Ebene. So wird es zum Beispiel möglich, Werkstoffe „maßzuschneidern“. Das kann heißen, die „Fähigkeiten“ synthetischer Fasern dahingehend zu erweitern, daß sie – in Schutzwesten eingebettet – den Träger kugelsicher machen. Die Technologie biologischer Waffen wird revolutioniert Für die Betrachtung von Militärtechnologie heute ist es wesentlich zu erkennen, daß eine technische Möglichkeit nicht für eine Realisierung in absehbarer Zeit und auch nicht für eine zukünftige Bedrohung stehen muß. Diese Einsicht sollte freilich nicht zu der Annahme verleiten, ein Akteur würde aus Gründen moralischer Überzeugung zwingend auf die Realisierung einer ihm Überlegenheit verleihenden, andere bedrohenden Idee verzichten. Es gibt im System bedeutungsvolle Handelnde, die diese Fragen vermittels einer Kosten-Nutzen-Abwägung entscheiden werden. Bereits erforschte wissenschaftliche Grundlagen würden es ermöglichen, Nanowaffen zu entwickeln, die die Lagerung, Ausbringung und Wirkung chemischer und biologischer Waffen maßgeblich erleichtern würden oder diese Kampfstoffe quasi-intelligent wirken lassen könnten. Es wäre möglich, bestimmte Personengruppen, aber auch Tier- und Pflanzenpopulationen für die Wirkung eines Kampfstoffes zu immunisieren oder aber sie besonders sensibel für diese Kampfstoffe werden zu lassen. Massenvernichtungswaffen erhielten so eine Freund-/Feindkennung. Gleichsam sind die Grundlagen bekannt, um theoretisch noch deutlich vor der Mitte dieses Jahrhunderts eine Art „Schwarmwaffe“ zu entwickeln, die ihre Schlagkraft gleich einem Bienenvolk nicht aus der Präzision und Wirkfähigkeit eines einzelnen – winzigen – „Kriegers“ schöpft, sondern erst durch deren Vernetzung und Koordination eine ganz neue Qualität von Wirkung bereitzustellen vermögen würde. Solche Waffen könnten über einem Zielgebiet ausgebracht werden, sich dort über einen so großen Raum verteilen, daß die „Individuen“ des Schwarms weder lokalisiert noch mit Aussicht auf Erfolg bekämpft werden könnten, um sich dann für den eigentlichen Einsatz zu formieren, und durch die Vielheit jeweils für sich kaum bedrohlicher Einzelner ein Ganzes darstellen, das über ein enormes Wirkungspotential verfügt. Ausgewiesenes Ziel wäre dabei sicher nicht die Durchschlagung von gepanzerten Gefechtsfahrzeugen und damit deren Zerstörung, sondern eher die Außerbetriebsetzung solcher oder stationärer Ortungssysteme, beispielsweise über das Lahmlegen elektronischer Teilsysteme. Die Ziele der teuren Waffen müssen „lohnend“ sein Ähnliche Waffen könnten im Weltraum genutzt werden, um Satelliten funktionsuntüchtig zu machen. Da schon heute ein Vielzahl von Waffensystemen zwingend auf die ständige Kursabgleichung mit den Satelliten angewiesen sind, die „metergenaue“ Navigation ermöglichen, ist leicht absehbar, welches Potential diese Waffen hätten. Hält man sich zur Illustration vor Augen, daß die USA 1999 den Briten dreißig Tomahawk Block IIIC Land Attack Missiles (TLAM) für einhundert Millionen US-Dollar angeboten haben, einer dieser auch über GPS gesteuerten Marschflugkörper also etwa drei Millionen Dollar kostet, liegt es auf der Hand, daß sich der Einsatz dieses Systems nur bezahlt macht, wenn bekämpfte Ziele einen entsprechenden Wert haben und die TLAM ihr Ziel auch trifft. Müßten aufgrund eines Ausfalls der GPS-Satteliten mehrere TLAM auf ein Ziel gerichtet werden, um statistisch einen Treffer zu erreichen, wären Ziele nicht mehr sinnvoll zu bekämpfen, deren Zerstörung einen nunmehr zu geringen Wert hätte. So wahllos, ja chaotisch das Bekämpfen und Vernichten in einer militärischen Auseinadersetzung auch wirken mag, tatsächlich ist es planvoll und wird entsprechend einem Kalkül realisiert. Zu berücksichtigen ist hierbei der erhebliche Unterschied zwischen einem Krieg, den man führt, um einen Angreifer zu stoppen und einem Krieg, der dazu dient, außerhalb des eigenen Staatsgebietes eigene Interessen durchzusetzen. Denn insbesondere letzterer muß sich lohnen. Die Nutzen müssen wenigstens langfristig die Kosten aufwiegen. Selbst die 379 Milliarden Dollar, die die USA 2004 für „Verteidigung“ ausgegeben haben, sind ein begrenzter Betrag. Die Entwicklung der Nanowaffentechnologie wird sich abhängig von der Leistungsfähigkeit der Volkswirtschaften, der Bereitschaft der Bürger, die Verteidigungshaushalte zu füllen, und letztendlich dem Verhältnis von Aufwand und Nutzen vollziehen. Die USA streben Führung bei der Nanotechnologie an Die USA handeln allerdings als weltweit einzige Nation nach dem Grundsatz der „full-spectrum dominance“. Sie werden mithin quasi gezwungen sein, jeden Technologiebereich zu vertiefen und entsprechende Anwendungen zu entwickeln, in dem ein anderer Akteur droht, sich einen Vorsprung zu verschaffen. Je nach Interessenlage anderer Akteure birgt dies Gefahren und Möglichkeiten. Bis wir Klarheit darüber erlangen, ob in zukünftigen Kriegen tatsächlich „Schwarmwaffen“ oder ähnliches Einfluß auf den Ausgang der Ereignisse nehmen werden, wird die Nanotechnologie vergleichsweise unscheinbar ihren Beitrag dazu leisten, bestehende Offensiv- und Defensivsysteme in ihrer Leistungsfähigkeit zu steigern. Sie wird über Beschichtungen Optiken verbessern, über Einarbeitung besonderer Werkstoffe Panzerungen leichter und gleichzeitig schützender machen, sie wird Feuerleit- und andere computergestützte Systeme dazu in die Lage versetzen, in kürzerer Zeit noch mehr Ziele auffassen und bekämpfen zu können, und sie wird dazu beitragen, Gefechtsköpfe noch genauer und mit noch mehr Wirkung ins Ziel zu bringen. Weiterführende Literatur: Jürgen Altmann, Mark Gubrud: Risks from military uses of nanotechnoloy – the need for technology assessment and preventive control. European Communities, Luxemburg 2002 Machmut Garejew: Konturen des bewaffneten Kampfes der Zukunft; Nomos Verlag, Baden-Baden 1996 Uwe Wiemken (Hrsg.): Militärische Nutzung ziviler Technologien: Problematik einer vorbeugenden Rüstungskontrolle / Fraunhofer-Institut für Naturwissenschaftlich-Technische Trendanalysen. IRB Verlag, Stuttgart, 1997 Foto: Versuch mit dem gebündelten Ionenstrahl für die Nanotechnologie im Forschungszentrum Rossendorf: Zugang zur atomaren Ebene

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