Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Himmelwärts, doch allzu bodenhaftig

Identitätsverlust durch Globalisierung zu konterkarieren, scheint aussichtsreich über eine Stärkung der Regionen. Auf „mittlerer Ebene“ läßt sich dem Geschichtsschwund – hierzulande jedenfalls – leichter begegnen, da Stadt-, Regional- und Landesgeschichte im Vergleich zum nationalen Diskurs wenig politisiert sind und sich direkter Anschauung und persönlicher Erfahrung verbinden. Das zeigt der wachsende Erfolg kultureller Dachkampagnen der letzten Jahre. Herausragend hierin Brandenburg, das auf die geschichtspolitische Verödung der DDR wie auf seine heutige Strukturschwäche mit einem großen Nachholbedarf kulturhistorischer Zurüstung reagiert hat. Seit 1998 stellt es alljährlich einen Strauß kultureller Initiativen unter ein attraktives Rahmenthema, beginnend mit „Theodor Fontane“. Es folgten das „Haus Oranien“ (1999), „Stationen der Industriekultur“ (2000), „300 Jahre Preußen“ (2001), „Romantik“ (2002), „Europa“ (2003) und „Landschaft und Gärten“ (2004). 2006 ist der preußische Baumeister Schinkel dran. 2005 blickt man auf tausend Jahre Christentum in Brandenburg zurück (und was davon übrigblieb), will in postreligiöser Zeit das Bewußtsein schärfen für die Verbindung von Glauben und Landschaft. Denkmalpflege seit der Wende kam vielen Kirchen und Klosteranlagen im Land zugute. Exemplarisch steht dafür die zwischen 1997 und 2005 aufwendig restaurierte Bischofsburg Ziesar in der Mittelmark. Die kunsthistorisch wertvolle, backsteingotische Burgkapelle wird von der katholischen Gemeinde genutzt, der Pallas hingegen umgewidmet in ein Museum zur Kirchen- und Kulturgeschichte Brandenburgs im Mittelalter. Parallel dazu will die große Landesausstellung im Potsdamer Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte, „Gott in Brandenburg“ (ab 17. September), „1.000 Jahre christliche Kulturprägung“ umfassend würdigen. Atheistische SED-Propaganda leistete ganze Arbeit Um falsche Hoffnungen abzuweisen, hat Kulturministerin Johanna Wanka (CDU) vorbeugend präzisiert: „Kulturland 2005 veranstaltet keinen Kirchentag, sondern ist ein Kulturprogramm, das sich durchaus auch kritisch und provokativ mit unterschiedlichsten künstlerischen und wissenschaftlichen Mitteln diesem Thema nähert.“ Der Erfurter Religionshistoriker Jörg Rüpke bezeichnet als leitenden Gesichtspunkt, das „religiöse Element einer regionalen Kulturgeschichte in eine allgemeine historische Selbstvergewisserung zu integrieren, ohne damit selbst eine religiöse Position zu beziehen“. Dies gibt die Marschrichtung vor und versteht sich auch als Replik kritischer Anfragen aus dem Kreis der Medien – so auf der Potsdamer Pressekonferenz, die die Polarität der Meinungen grell verdeutlichte. Erst hörte man: „Kulturevents“ – schön und gut, aber was leistet Kulturland zur geistlichen Vertiefung? – Dann aber: Was solle das christliche Tamtam, sei man doch selber Atheist und über 70 Prozent der Landesbevölkerung konfessionslos? Die Weltanschauungspolitik der SED war eben „überaus erfolgreich“, die Hoffnung auf einen Glaubensschub nach der Wende trog, so daß heute keine „andere Region Europas von einem so fundamentalen Bedeutungsverlust von Religion“ (Dippel) betroffen ist. Brandenburg wurde in historischen Wellen progressiv säkularisiert: Die Reformation, dann der rigide preußische Protestantismus, schließlich die atheistische SED-Propaganda haben ganze Arbeit geleistet. Nominell hat das Land heute noch 23 Prozent Protestanten und 3 Prozent Katholiken, LER ist seit 1996 Pflichtfach, die Jugendweihe absorbierte die Konfirmation fast vollständig und spielt heute noch eine zentrale Rolle. Die evangelische Kirche war in späten Ost- und Wendezeiten lediglich für die Bürgerrechtsbewegung als institutionalisierte Gegenöffentlichkeit funktional. So wurden im Kernland der lutherischen Reformation Glauben und Kirche bedeutungslos. Selbst wohlmeinende Kommentatoren verweisen die Kirche heute nur noch auf die Moderation „ethischer Grundsatzfragen“ und die „Verteidigung von Werten der pluralistischen Gesellschaft“. Legitimieren könne sie sich mit den Themen: „die Kluft zwischen Arm und Reich“, „Rechtsextremismus“ und „Embryonenforschung“ (Dippel). Vor der Ostkolonisation existierten in der Mark slawische Lokalkulte, die dann die ottonische Christianisierung des 10. Jahrhunderts verdrängt hat. Es entwickelte sich eine reiche Klosterlandschaft, die mit Reformation und Säkularisierung 1506-40 unterging. Das katholische Leben verschwand für lange Zeit, wenngleich der lutherisch-reformierte Zwiespalt den Keim zu konfessioneller Pluralisierung und Toleranz legte. Das Toleranzpatent des Großen Kurfürsten 1685 ermöglichte den Zuzug von Juden und Hugenotten, Katholiken erschienen dann mit dem Raub Schlesiens 1742 im Staat. Das katholische Element blieb indes schwach. Eine „preußische Staatsreligiosität“ (Eberhard Straub) bildete sich von Halle aus mit seiner Reformuniversität. Der praktische Pietismus verband sich dort mit Motiven der Stoa und des vernünftigen Naturrechts zu evangelischer Frömmigkeit mit nützlicher Ausrichtung. Sie taugte der Krone und prägte maßgeblich „preußischen Geist“. Daß es hinter Luther-Francke-Schleiermacher-Niemöller auch noch ein vergessenes Mittelalter gibt, will das Land verdeutlichen mit der ambitionierten Gründung des neuen Museums in der Bischofsburg Ziesar. Ziesar, ein an der Grenze zu Sachsen-Anhalt gelegener Flecken von 3.000 Einwohnern, war vom 14. bis 16. Jahrhundert Residenz der Bischöfe von Brandenburg. Als attraktives Denkmal einer dürftigen, von Abwanderung bedrohten Region konnte sie in den letzten Jahren bedeutende Fördergelder von Land, Bund und EU auf sich ziehen. Diese machten eine Rundumsanierung von Pallas, Burgkapelle und Bergfried möglich, bauliche Ergänzungen und eine Umnutzung des von der DDR verhunzten Pallas‘. Eben hier tat am 13. Mai das neue Museum zur Kirchen- und Kulturgeschichte Brandenburgs im Mittelalter – mit seiner Dauerausstellung „Wege in die Himmelsstadt: Bischof – Glaube – Herrschaft 800-1550“ – seine Pforten auf und eröffnete Kulturland 2005. Über das Themenjahr hinaus soll das mit Vorschußlorbeeren überhäufte Haus den Bürgern eine frühe Glaubens- und Geschichtsperiode nahebringen und den vergessenen Winkel touristisch aufwerten. Um so herber trifft den Besucher dann der Schock. Der neue Ort erfüllt kaum die hochgespannten Erwartungen: ein Museum ohne Objekte, ohne Farbe, ja selbst Anschaulichkeit! Befremdet starrt man auf kahle Wände und truhenartig hingeschmissene, schwarze Klötze am Boden. Das bunte Mittelalter wird uns zugemutet als gesichtslose Schwarzweiß-Askese, seine vielgestaltige Symbolwelt verschluckt von gekalkten Wänden und düsteren Pseudovitrinen. Durch leere Räume irrend, sucht man die Handvoll erborgter Exponate, stecknadelgleich. Ratlosigkeit und eine Öde, nicht überbietbar. Dabei ist die Konzeption anspruchsvoll genug! Sie bekennt ausdrücklich einen ästhetisch-didaktischen Purismus, will dabei nicht „nur“ eine Ausstellung bieten, vielmehr zwei miteinander verschränken. Als eigentliches „Exponat“ gilt das Bauwerk selbst, dessen Baubefunde die Restaurierung minutiös dokumentieren. Diese „burgseitige“ Führungslinie präsentiert uns beim Rundgang durch 21 Räume vertikal 73 „verbindliche Exponate“: inwändige Baubefunde, also putzfreie Stellen, die der Rückbau aussparte, um exemplarisch Älteres transparent zu machen. Als bautechnische Details signalisieren sie die typische Kompetenz von Architekten, Restauratoren, Archäologen, ohne dabei das kunsthistorisch reizlose Gebäude dem Laien interessant zu machen. Das skurrile Konzept gipfelt im luxuriös sanierten „Jerusalemsraum“, dessen pathetische Rauminszenierung eine ehemals freskierte Wand „kultisch“ präsentiert. Diese ist heute eine schmutzige Fläche, die Schemen einstiger Darstellung nur mehr entfernt ahnen läßt. Hatte das 19. Jahrhundert Verschwundenes wiederhergestellt, die DDR den Ruin gleichmütig überpinselt, wird die öde Leere jetzt zum kunsthistorischen Ereignis ausgerufen. Wobei man dem Skeptiker auftrumpfend mitteilt, die vormaligen „Motive entziehen sich dem ungeübten Blick des Betrachters ebenso wie das Numinose dem profanen Blick“ (Saalfeld). Das Mysterium des Heiligen ersetzt also durch das der Experten! Wo Glaube war, soll Wissenschaft werden! Tatsächlich liegt hier ein Schlüssel zum tristen Bau. Das neue Mittelaltermuseum ist Resultat einer hochprofessionellen Expertenkultur, von Wissenschaftsbetrieb und Verwaltungsstruktur, deren Angehörige beschäftigt werden müssen, bis hin zu den Designstudenten der Fachhochschule Potsdam, die – ebenso zeitgeistig wie provinziell – hier ihre ikonoklastischen Phantasien ausleben durften. So ist vor allem die eigentliche Themenausstellung mit Sterilität geschlagen. Hochgemut nennt sie sich „himmelwärts“ und muß doch mühsam am Boden gesucht werden. Horizontale, fast schwarze „Sockel- und Podestvitrinen“ sind spärlich zu „fragmentarischen Inseln“ in den kahlen Räumen gruppiert, verloren scheinen sie zu klagen – wie sinnlose Möbel im absurden Theater. Ausgetrieben ist das Thema, verprellt der Besucher, was bitte soll Familien anlocken, der Landes- und Religionsgeschichte hier spielerisch nachzugehen? Freilich soll man Eigenes schätzen und wuchern mit dem vorhandenen Pfund. Doch verliere man Vergleichsmaßstäbe nicht aus dem Auge – bei Denkmalsbefund wie Museumsästhetik. Eine feuchte Wand ist noch kein Fresko, und Museen werden nicht ausgebrütet in der Retorte, müssen sich messen lassen an dreißigjjähriger Erfahrung: Vom Blauen Kurfürsten (München 1976) und den Staufern (Stuttgart 1977) bis zu den Preußen-Retrospektiven (Berlin/Potsdam 2001) oder den Historischen Museen in Berlin und Bonn hat sich eine beachtliche Ausstellungskultur entwickelt. Das gilt auch fürs Kleinformat, denkt man nur ans Bayreuther Wagner-Museum und ans Schweizer Paracelsus-Museum; oder man gehe nach Jena ins Romantiker-Haus. Ist diesem eine perfekte Verschmelzung von systematischer Sachinformation mit erlebnisdidaktischer Vermittlung geglückt, zeigt jenes, was maximal möglich ist, auch ohne jegliches Original. Eine feuchte Wand ist noch kein Fresko Doch zieht Kulturland 2005 mit über 200 Veranstaltungen (total zwei Millionen Euro) auch ganz andere Register. Während „Gott und die Welt. Kirchen in den historischen Stadtkernen“ der Frage nach Architektur und sozialer Umwelt in acht Städten nachgeht (seit Mai), stehen beim Projekt „Interventionen. Stadt-Raum-Kirche“ mit sieben Kunststationen zwischen Prinzlauf und Cottbus die Wechselbeziehungen zwischen Kirche und Gegenwartskunst im Mittelpunkt (seit 21. Mai). Gleichzeitig geht eine Wanderausstellung zum Thema zeitgenössische Marienverkündigung („Der Himmel auf Erden?“, bis 16. Oktober) auf Tour, während im Lehniner Skulpturenpark „Transzendenz und Symbolik“ eine 14köpfige Künstlergruppe das Kreuz-Motiv in der Gegenwartskunst gestaltet (bis Oktober). Das Orgelfestival stellt (bis 30. Oktober) die Regionen mit ihren charakteristischen Instrumenten im Rahmen von Führungen und Konzerten vor, während an der Rheinsberger Musikakademie das Land einen Meisterkurs und Wettbewerb im Zeichen der Gregorianik jungen Komponisten offeriert (12. – 16. Oktober). Auch in Jüterbog wächst die Museenlandschaft; der Ort bekommt ein Haus zur Reformationsgeschichte: „Lutherwort und Höllenqual“ (ab 26. August). Trauerarbeit zur DDR leistet Eisenhüttenstadt ab 22. August („Kirchliche Einrichtungen nicht vorgesehen. Kirche und Politik in der ersten sozialistischen Stadt Deutschlands“). Während Oranienburgs KZ Sachsenhausen bis 31. Dezember den preußischen Querdenker Martin Niemöller würdigt, wird es in Lübben, Wilsnack (seit 25. Juni) und Heiligengrabe (ab 3. September) doch noch bunt: Wunder und Wallfahrten, blutende Hostien, Pilger und Heilige beschwören die exzentrische Volksfrömmigkeit vor Luther. Foto: Reiterstatue Karls des Großen in Ziesar: Das bunte Mittelalter in gesichtsloser Schwarzweiß-Askese, Bischofsburg Ziesar Literatur zum Thema: Der Himmel auf Erden – 1.000 Jahre Christentum in Brandenburg, Koehler & Amelang, 200 Seiten, 19,90 Euro. Weitere Titel: Mit Gottes Segen. Christliche Lebenszeugnisse aus Berlin und Brandenburg; Brandenburgisches Klosterbuch; 1000 Jahre Kirche in Brandenburg. Eine Entdeckungsreise. Info: Tel: 03 31 / 58 16-0, Internet: www.kulturland-brandenburg.de und www.hbpg.de

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