Vom Charme des Erforschens

Gackern über frischgelegte Eier gehört zum Geschäft, heute mehr als je zuvor. Mit einem riesigen Propaganda-Aufwand hat Hans Magnus Enzensbergers „Andere Bibliothek“ im Frankfurter Eichborn Verlag eine Neuausgabe der Werke Alexander von Humboldts begonnen. Empfänge und Pressekonferenzen, lange Interviews im Fernsehen und im Spiegel, extra flankiert von einer Titelgeschichte. Es wird so getan, als seien Humboldt und sein Œuvre hierzulande bis dato faktisch unbekannt bzw. vergessen gewesen, und des weiteren, als sei Humboldt zu seiner Zeit ein Solitär im deutschen Geistes- und Wissenschaftsleben gewesen, ein „Weltbürger“ inmitten von provinziellem, „typisch deutschem“ Mief. Humboldt und Enzensberger – zwei einsame Kämpfer wider die deutsche Misere. Von alledem kann natürlich in Wahrheit keine Rede sein. Was Humboldt betrifft, so war er ein typisches Gewächs des großartigen deutschen Kulturaufbruchs um 1800, Erbe der Aufklärung Kants und Lessings, Zeitgenosse und Geistesbruder der großen Naturbeobachter Goethe und Schelling, Universaldenker wie Hegel, empirischer Wissenschaftler wie Justus Liebig, Technikpionier wie Werner von Siemens, Forschungsreisender wie Nachtigall, Frobenius oder Schomburgk. Er war genial und von staunenswertem Charme und stupendem Fleiß, aber er fiel nicht vom Himmel, erwuchs vielmehr aus einem Humusboden, der gerade wissenschaftlichen Talenten ungemein günstig war und eine wahre Blütezeit deutscher Wissenschaft und Forschung ermöglichte. Humboldt (1769-1859) war in Deutschland auch nie unterschätzt oder gar vergessen. Er lebte glanzvoll und hochgeehrt jahrzehntelang als Hofrat des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm IV., seine Berliner Vorträge waren Gipfelpunkte des gesellschaftlichen Lebens, seine „Kosmos“-Bücher nach heutigem Begriff „Bestseller“. Die positivistische Wissenschaftsphase im zwanzigsten Jahrhundert verdunkelte seinen Ruhm zwar etwas, doch auslöschen konnte sie ihn nie. Weiterhin wurden Humboldt Denkmäler errichtet, wurden Universitäten und Wissenschaftsstiftungen nach ihm benannt. Nicht einmal die „Kulturrevolution“ von 1968 konnte viel daran ändern. Den Anfang der jetzigen Neu-Edition bei Eichborn machen die fünf „Kosmos“-Bände und, gleichsam als Extra-Leckerbissen und tatsächlich eine Trouvaille, die bisher nur auf französisch zu lesenden „Ansichten der Kordilleren und Monumente der eingeborenen Völker Amerikas“. Ob man gut beraten war, ausgerechnet mit dem „Kosmos“ zu starten, darüber darf man sich trotzdem streiten. Denn dieser „Kosmos“ ist, aus moderner Perspektive betrachtet, zweifellos Humboldts problematischstes Unternehmen: kein farbiger Report einer Forschungs- und Entdeckungsreise wie die meisten der übrigen Bücher, sondern der völlig ernstgemeinte Versuch, das „Weltganze“ in voller enzyklopädischer Ausdehnung und allein durch die Brille eines einzigen Temperaments zu Papier zu bringen, gewissermaßen von der gelben Post bis zur schwarzen Pest, der Sternenhimmel und die Tiefen des Universums einbegriffen. Ein solcher Plan war schon zu der Zeit, als er gefaßt wurde, vollkommen utopisch und antiquiert. Die Welt ist in Raum, Zeit und vertretbaren Denkmöglichkeiten unendlich, das hatten schon die „letzten Universalgenies“ Leonardo da Vinci und Leibniz einsehen müssen, und die ersten Enzyklopädisten und Lexikalisten im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert hatten daraus ihre Schlußfolgerungen gezogen. Sie hatten sich dazu entschlossen, die Phänomene nicht in einen einzigen Kontext hineinzuzwingen, sondern ihnen im Lexikon jeweils einzelne Spezialeinträge zu widmen, mit dem ausdrücklichen Bedeuten, daß es sich dabei um vorläufige, ad infinitum fortzuschreibende Einträge handle, keine ewigen Wahrheiten. Alexander von Humboldt ging mit seinem „Kosmos“ hinter die Enzyklopädisten zurück, auch wenn er im Untertitel, scheinbar bescheiden, vom „Entwurf einer physischen Weltbeschreibung“ sprach. Es war fast eine Tragödie. Er setzte sein gewaltiges Werk von vornherein dem Veralten und Überholtwerden aus, obwohl gerade in der Wissenschaft Veralten und Überholtwerden keinen Rang beanspruchen können. Sie setzen keine vornehme Patina an, reifen nicht wie edle Weine, werden statt dessen einfach falsch, putzig in ihren Erklärungen, unbrauchbar in ihren Handlungsanleitungen. Und das betrifft beileibe nicht nur den Inhalt des Mitgeteilten, sondern auch seine Form, die Sprache, in der es erscheint. Sowenig es eine Konsistenz der Sachverhalte selbst gibt, sowenig gibt es eine Konsistenz der ihnen gewidmeten Sprache. Das gilt sogar in der Literatur und in der Kunst, ganz besonders aber gilt es in der „physischen Weltbeschreibung“, also in der Wissenschaft. Eine absolute, vollkommen adäquate Sprache gibt es hier nicht, es gibt nur Sprachspiele, die von Zeit und Raum abhängig sind. Der große Traum der idealistischen deutschen Philosophie um 1800, insbesondere Schellings, daß die Poesie in der Lage wäre, die „absolute“, auch und gerade für die Wissenschaft ein für allemal gültige Sprache zu finden, blieb ein Traum. Humboldt, ganz ein Bruder des jungen Schelling, hat diesen Traum ebenfalls geträumt, und deshalb mußte sein „Kosmos“-Werk scheitern, scheitern an seinen eigenen Ambitionen. Es ist mittlerweile, von einigen Reststrecken abgesehen, nur noch als Märchen- und Sagenbuch lesbar. Die rechnende, auf angeblich real existierende „Teilchen“ reduzierende Wissenschaftssprache der positivistischen Moderne hat Humboldts Wissenschaftspoesie resolut außer Kurs gesetzt, und heute, da die positivistische Wissenschaftssprache ihrerseits außer Kurs zu geraten beginnt, sich vielerorts bereits in banalen Jargon verwandelt hat, der nichts mehr bedeutet, ist es offenbar nicht Humboldt, der Wegweisung bieten könnte. Erstklassige, auch literarisch hochbewanderte Wissenschaftskoryphäen wie Heisenberg und Schrödinger, Feynman und Wheeler hatten schon recht früh an der Unanschaulichkeit und hermetischen Abstraktheit ihrer Fachsprache gelitten bzw. leiden darunter und beginnen darüber nachzudenken, wie sich Forschungsergebnisse durch Rückübersetzung in das Sprachspiel der sogenannten Lebenswelt auch für „gewöhnliche“ Natur- und Wissenschaftsfreunde wieder zugänglich machen ließen. Feynman und Wheeler haben „populäre“, allgemeinverständliche Bücher über die avancierten Theorien der Kosmologie und der Mikrophysik geschrie­ben; heraus kam dabei freilich ein Kauderwelsch, weil keiner von beiden über die linguistischen Voraussetzungen einer solchen Rücküberset­zung reflektierte. Sie dachten, ein paar weniger Formeln und ein paar populäre Sprachattitüden würden genügen. Indes, das war ein Irrtum. Man muß sich wohl erst einmal damit anfreunden, daß der Klarheitsbegriff der mathematischen Logik nichts oder zumindest nur wenig mit dem Klar­heitsbegriff der Sprache der Lebenswelt zu tun hat. Die logischen Verhältnisse etwa der Heisenbergschen Unschärferelation kann man mit Hilfe von Formeln gut wiedergeben, ist das aber auch in der Sprache der Lebenswelt möglich? Hans Blumenberg hat überzeugend dargestellt, wie sehr diese Sprache von Metaphern, von „Bildern für etwas“, angeleitet und vorangetrieben wird; das Problem einer neuen, integralen Wissenschaftssprache liegt in der Schaffung einer exakten Metaphorik für abstrakte, unsichtbare Sachverhalte. Humboldts „Kosmos“-Sprache liefert dieses Desiderat nicht. Sie ist allzu sehr der bloß sinnlichen, „physischen“ Wahrnehmung verhaftet; die Dialektik von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit spürt sie gar nicht. Bei der Beschreibung beispielsweise aktuellster Weltraumerkenntnisse, „Schwarzes Loch“, „Gekrümmter Raum“ usw., wäre sie ganz hilflos, könnte nicht einmal den Stilübungen von Feynman und Wheeler das Wasser reichen. Trotzdem ist es gewiß kein Schaden, daß jetzt bei Eichborn im Zuge der Neu-Edition der Werke Alexander von Humboldts auch ein prächtiger Schuber mit den „Kosmos“-Bänden erscheint. Damit wird nicht nur einem großen deutschen Entdeckungsreisenden und Naturforscher die Ehre erwiesen, sondern es wird auch so manche präzise Erinnerung an eine gloriose Ära unserer Geistesgeschichte wiedererweckt. Angesichts der völligen Derangiertheit und Verarmung unserer derzeitigen „Erinnerungskultur“ ist das bitter notwendig. Bild: Alexander von Humboldt in seinem Bibliothekszimmer: Schon die ersten Enzyklopädisten wußten, daß die Welt in Raum und Zeit unendlich ist Alexander von Humboldt: Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung. Eichborn Verlag, Frankfurt a.M. 2004, 1019 Seiten mit 90 Tafeln im Lokalkolorit, 99 Euro Alexander von Humboldt: Ansichten der Kordilleren und Monumente der eingeborenen Völker Amerikas. Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer. Eichborn Verlag, Frankfurt a.M. 2004, 447 Seiten mit 69 Tafeln, 69 Euro

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