Kojoten streunen durch die Straßen

Michael Mann gilt als Kultregisseur für ästhetisch außergewöhnliches und psychologisch ausgefeiltes amerikanisches Kino. War seine Frühzeit noch von flachgeistigen Aussetzern wie dem Horrorstreifen „The Keep / Die unheimliche Macht“ (1983) durchsponnen, so gelang ihm 1986 mit dem stimmigen Psycho-Thriller „Blutmond“ der Durchbruch. 1995 brachte Mann das Großstadtepos „Heat“ in die Kinos, ein Meisterwerk über Träume und Leben zweier ähnlicher Rivalen, verkörpert durch Robert de Niro in der Rolle eines Bankräubers und Al Pacino als ihn jagenden Polizeibeamten. 1999 folgte die Anklage gegen die Zigarettenindustrie „The Insider“, 2001 die fulminante Biographie „Ali“. Nicht ohne Grund herrscht aufgrund der letzten Erfolge bei der Ankündigung eines neuen Mann-Films gespannte Erwartung. „Collateral“ beschreibt das gespannte Verhältnis zweier einsamer Menschen in der amerikanischen Großstadt: Der beruflich gescheiterte Max (Jamie Foxx) hat sich mit seinem Leben grundsätzlich abgefunden, wenngleich er noch von einer besseren materiellen Ausstattung träumt. Seit zwölf Jahren arbeitet er als Taxifahrer, kutschierte Tausende Gesichter zu den unterschiedlichsten Orten in Los Angeles. Jahre verstrichen mit flüchtigen Begegnungen, bis eines Abends ein besonderer Fahrgast in das Taxi steigt. Bald soll Max jede Sekunde seiner Fahrt im Gedächtnis bleiben. Der Fahrgast heißt Vincent (Tom Cruise), erscheint auf den ersten Blick wie ein Geschäftsmann, doch entpuppt er sich recht bald als Auftragskiller eines Verbrechersyndikats, der sich von Mord zu Mord kutschieren läßt. Fünf Belastungszeugen sollen in dieser Nacht getötet werden, und Max, der zufällig von der Angelegenheit Wind bekommt, wird zum „Kollateralschaden“. Er ist der Mann, der zur falschen Zeit am falschen Platz war und nun als Geisel gezwungen wird, an der Durchführung der Verbrechen mitzuwirken. Als das FBI die Spur aufnimmt, entwickelt sich eine enge Symbiose zwischen Vincent und Max, die sich letzterer zu Beginn der Fahrt nie hätte träumen lassen. Während der langen Odyssee schälen sich in zahlreichen Gesprächen die Charaktere der Protagonisten heraus. Der zynisch-kühl agierende Auftragsmöder mit Laptop und mattgrauem Anzug wird als Antagonist zum moralisch erschütterten Taxifahrer gesetzt, der voller Anspannung grübelt, wie er aus der eingefahrenen Situation herauszukommen vermag. Währenddessen streunen in einer Szene Kojoten durch verlassene nächtliche Straßen und dienen als Symbol für eine moderne Zivilisation, die nur als dünne Schicht über den tierhaften Antriebsmotiven liegt. Eine stringente Komposition baut das bereits auf hohem Niveau beginnende Spannungsmoment sorgfältig auf. Sequenzen stillen Gleitens durch die Nacht und des Gesprächs wechseln elegant mit Momenten schneller Gewaltausbrüche. Eine Großstadtjagd entspinnt sich, die es dem Betrachter kaum möglich macht, ruhig sitzen zu bleiben. Sind die Unterhaltungs- und Thrillerqualitäten ohne Zweifel vorhanden, so vermag „Collateral“ nicht an die Tiefe der Charakterzeichnung bei „Heat“ heranzureichen. Der coole Killer und der verschüchterte, aber über sich hinauswachsende, Normalbürger bleiben noch zu sehr Klischees verhaftet, als daß sie völlig überzeugen könnten. Überhaupt wirkt bereits die kammerspielartige Grundsituation eines Profikillers, der sich von einem fremden Taxifahrer zu seinen Einsätzen fahren läßt, konstruiert. Weshalb fährt Vincent nicht selber? Oder, wenn er schon über keine Ortskenntnisse verfügt, weshalb wählt er keinen Fahrer seines Vertrauens bzw. läßt sich durch seine Auftraggeber einen solchen vermitteln? Und weshalb agiert ein Profi derart offen und Aufmerksamkeit erregend? Die Stärke von „Collateral“ liegt ohne Zweifel in der Bildästhetik. Mann gilt als Meister des ästhetischen Spiels mit dem Licht. Und dieses Können vermag er auch in „Collateral“ unter Beweis zu stellen. Straßenlichter spiegeln sich in allen Facetten tausendfach vor nachtschwarzem Himmel, so daß schon allein die vor dem Auge des Betrachters ausgebreiteten Bilder einen Kinobesuch lohnen. Fotos: Auftragsmörder Vincent (Tom Cruise): Allein die vor dem Auge des Betrachters ausgebreiteten Bilder lohnen einen Kinobesuch, Taxifahrer Max (J. Foxx), Staatsanwältin Annie (J. Pinkett Smith)

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