Geschichtenerzähler aus der zweiten Reihe

Man kann gegenüber dem, was das deutsche Fernsehen an historischer Aufarbeitung bietet – wohl in volkspädagogischer Absicht -, manchmal nicht skeptisch genug sein. In diesem Fall geht es um die „Frontal 21“-Sendung des ZDF vom 31. August 2004 über die Bombardierung der damals in Grenznähe, also im Gefechtsgebiet des Heeres gelegenen polnischen Stadt Wielun am 1. September 1939. Dieser Angriff wurde schon 1989 in einem Fernsehprogramm als bewußter Terrorangriff der deutschen Luftwaffe hingestellt, dem laut „Frontal“ weitere wie die Bombardierung von Warschau, Rotterdam und Coventry folgen sollten und mit dem der Krieg angeblich begonnen wurde. Nun ist unter Luftkriegshistorikern nicht zuletzt der ehemaligen Feindmächte wie Großbritannien und USA klar, daß es sich bei Warschau und Rotterdam um legitime taktische Luftangriffe auf verteidigte Städte im Frontgebiet handelte und bei Coventry um ein legitimes strategisches Bombardement der dort konzentrierten Rüstungsindustrie, dessen Nebenwirkungen, vor allem die Zerstörung der Kathedrale, damals allerdings kriegspropagandistisch von beiden Seiten ausgeschlachtet wurden, was heute noch nachwirkt. Wielun gehört zur ersten Kategorie, wobei schon die bloße Anwesenheit von Soldaten für ein Bombardement genügt. Der Unterschied zwischen taktischen und strategischen Bombardements, für die teilweise verschiedene Regeln galten, wird leider häufig verwischt wie der zwischen dem Recht im Kriege und dem zum Kriege, was leicht zu falschen Schlußfolgerungen führt. Was taktisch zulässig war in der Heeresunterstützung, war es nicht immer im strategischen Luftkrieg. Wielun und Warschau sind also nicht mit Coventry in einem Atemzug zu nennen oder gleichzusetzen. Wielun war ein taktischer Luftangriff im Frontbereich Welche Beweise werden nun im Falle Wielun für die Terrorthese angeführt? Als erstes natürlich Bilder der Zerstörung, wie im Fernsehen üblich. Aber ist das schon ein Beweis für die Absicht des Terrors? Im vorliegenden Fall bleibt zudem die Frage offen, ob das gezeigte Foto unmittelbar nach dem Angriff vom 1. September 1939 gemacht wurde oder ob es aus einer späteren Phase des Krieges stammt. Es soll noch Aufnahmen aus späteren Jahren geben, die weit weniger Zerstörung zeigen. Aber möglicherweise wird der Eindruck totaler Vernichtung der Stadt auch nur durch den gewählten Blickwinkel vermittelt. Als nächstes kommen polnische Zeitzeugen zu Worte, die nach 65 Jahren ihre gewiß schrecklichen Erinnerungen wiedergeben. Ihr subjektives Gefühl, daß es sich um einen Terrorangriff gegen die Zivilbevölkerung handelt, ist sicher unbestreitbar, denn von unten sahen Bombardements immer so aus. Drittens erzählt ein ehemaliger deutscher Stukaflieger, damals ein junger Leutnant, er habe sich gewundert, daß Stukas, die für Punktzielbekämpfung und nicht für Flächenbombardements vorgesehen waren, gegen den Ort eingesetzt wurden. Er sei aber einfach, wie alle anderen Piloten, seinem Gruppenkommandeur gefolgt und habe mit diesem seine Bomben abgeworfen. Ein solches Verfahren war damals nicht ungewöhnlich. Auch die amerikanischen Bomberverbände warfen bei ihren sogenannten Präzisionsangriffen die Bomben auf ein Signal bzw. den Bombenwurf des Führungsflugzeuges, was im Verbandsflug gar nicht anders möglich und bei der räumlichen Ausdehnung der Gruppe eo ipso nicht sehr präzise war. Schließlich wird eine Stelle aus dem Kriegstagebuch des Heeresgeneralstabschefs Franz Halder viel zu kurz und daher nicht ganz lesbar, aber offenbar von allgemeiner, nicht spezieller, auf Wielun bezogener Natur, eingeblendet. Über das Halder-Tagebuch wird noch zu sprechen sein. Keiner dieser angeblichen Beweise wird hinterfragt, keiner ist schlüssig. Vorausgegangen waren zwei Telefonanrufe eines der „Frontal 21“-Rechercheure bei dem Verfasser, einer etwa drei Monate, der zweite drei Wochen vor der Sendung. Beim ersten, der wohl am Beginn der Recherchen stand, wurde nach Quellen zum Bombardement von Wielun gefragt, die genannt wurden, weil der Verfasser darüber verschiedentlich geschrieben hatte. Beim zweiten wollte man wissen, was die Eintragung im Halder-Tagebuch vom 17. August 1939: „Jagdeinsatz Rot in Gegend Wielun“ bedeute. Meines Erachtens konnte die Unterstützung der Bodentruppen gemeint sein, zumal im gleichen Eintrag „voller Einsatz für Heer“ ab dem folgenden Tag stand und für den 27., 29. und 30. August auf die Unterstützung des Heeres durch die Luftwaffe als Wichtigstes und auf die Verstärkung der Fliegertruppe zu diesem Zweck hingewiesen wurde. Obendrein vermerkte Halder ebenfalls schon am 30. August und noch einmal am 1. September in seinem Tagebuch, daß es keinen Terrorangriff auf Warschau geben sollte. Lediglich militärisch relevante Ziele sollten dort bombardiert werden. Aber auch das sagte der Oberbefehlshaber der Luftwaffe, Hermann Göring, am 1. September ab, weil die vorgesehenen Industrieziele im Warschauer Vorort Praga in zu großer Nähe zu Wohngebieten lagen (Akte RL 2 II/51 im Bundesarchiv Militärarchiv). Von einem Beginn des Krieges mit Luftterror gegen die polnische Zivilbevölkerung kann nicht die Rede sein, und es war, wie die Datierung im Halder-Tagebuch zeigt, auch nicht der Appell des US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt vom 1. September 1939 an die Kriegführenden, im Luftkrieg die Zivilbevölkerung zu schonen, der die Luftwaffe vom Terrorbombenkrieg abhielt. Quellen belegen starke polnische Verbände in Wielun Deutschland, Großbritannien und Frankreich folgten in ihren Antworten diesem Aufruf, denn zu Beginn des Krieges wollte keine der Luftmächte als erste „die Handschuhe ausziehen“, sei es wegen moralischer Skrupel oder der erwarteten Vergeltung, die sich die Mächte für den Fall nicht zulässiger Bombardements durch einen Gegner zusicherten. Bei dieser Sachlage sollten einige Dutzend Sturzkampfbomber einen bewußten Terrorangriff zur Zerstörung der Stadt Wielun durchgeführt haben? Dabei hatte der französische Luftattaché in Polen noch am 14. September 1939 seiner Regierung in Paris weitergeleitet, die deutsche Luftwaffe habe bis dahin nicht gegen das geltende Kriegsvölkerrecht verstoßen. Welches sind nun die, soweit ersichtlich, noch verbliebenen deutschen Quellen zum Bombenangriff auf Wielun? Es sind die im Freiburger Militärarchiv einsehbaren Akten und Tagebücher der Luftflotte 4, der 2. Fliegerdivision, der I. Gruppen der Sturzkampfgeschwader 76 und 77 sowie des für die Heeresunterstützung im fraglichen Bereich zuständigen Generals zur besonderen Verfügung Wolfram von Richthofen. Wenn sie nicht übergangen wurden, so wurden sie offenbar nur oberflächlich benutzt, wie in der Sendung die Erwähnung einer polnischen Kavallerieabteilung in Wielun zeigt, während die Quelle von einer polnischen Division (möglicherweise die 28.) in und einer Kavalleriebrigade bei Wielun spricht. Die Quellenbelege ergeben also, daß am Vorabend des Angriffs die genannten polnischen Verbände in bzw. bei Wielun festgestellt wurden, die es zur Unterstützung des vorrückenden deutschen Heeres auszuschalten galt. Sie ergeben ferner, daß die beiden Stuka-Angriffe auf Ziele in der Stadt am Morgen und Mittag des 1. September wegen Bodennebels fehlschlugen. Wielun war also der deutschen Intention nach kein Terrorbombenangriff auf die polnische Zivilbevölkerung, wenngleich er von dieser verständlicherweise als solcher empfunden wurde, sondern ein taktischer Angriff im Frontgebiet. Was Orten in der Gefechtszone von Erdtruppen im Zweiten Weltkrieg passieren konnte, das zeigt die Zerstörung der Städte Düren, Jülich und Heinsburg durch das britische Bomber Command in Unterstützung der amerikanischen Bodentruppe am 16. November 1944. Auch bedauerliche Fehlwürfe gab es immer wieder, ohne daß daraus gleich auf eine Terrorabsicht geschlossen werden kann. Allerdings wurde die psychologische Wirkung materieller Zerstörung auf die Zivilbevölkerung bei Bombenangriffen von allen Luftmächten billigend in Kauf genommen. Bis zur bewußten Terrorisierung der Zivilbevölkerung als Regel und aus den verschiedensten Gründen gab es einen schleichenden Übergang. Sie setzte dann nach und nach ab dem Frühjahr 1942 bei den Briten, gefolgt von den Deutschen und schließlich verschleiert auch bei den Amerikanern ein. Statt zu differenzieren, wird oftmals pauschalisiert Die genannten Aspekte, die mit dem deutschen Luftangriff auf Wielun verbunden sind, und die dazu noch bestehenden offenen Fragen wurden in der „Frontal 21“-Sendung überhaupt nicht angesprochen. Dabei sollte man doch von einem öffentlich-rechtlichen Fernsehsender eine ausgewogene Berichterstattung erwarten können, eine umfassende vorherige Orientierung und keine Desinformation durch Weglassung von Gesichtspunkten, die offenbar nicht in das vorgefaßte Schema passen. Offenbar sind die Redakteure, die allenthalben neue Themen zu bearbeiten haben, von denen sie vorher nichts wußten, schon rein zeitlich überfordert und richten in ihrer Not die Ergebnisse ihrer oft nur halbfertigen Recherchen nach dem Zeitgeist aus, um nicht anzuecken. Immerhin wies wenigstens ein am Deutschen Historischen Institut in Warschau arbeitender Doktorand in der Sendung darauf hin, daß es nicht leicht sei, immer zwischen Terror- und Nichtterrorbombenangriffen zu unterscheiden. Das hätte ein Fingerzeig für das Rechercheur-Team sein können, aber dieses machte es sich offenbar leicht. Und wie es scheint, mußte dem masochistischen, beinahe paranoid zu nennenden deutschen Zeitgeist wieder ein Opfer gebracht werden, so wie es kürzlich mit den beiden in aller Welt geachteten, hochdekorierten Jagdfliegerobersten Werner Mölders (JF 22/04) und Walter Nowotny geschah, weil sie patriotisch dachten und Mitglied in der Hitler-Jugend bzw. Angehöriger der Legion Condor waren. Trotz angestrengter Suche konnte man in Deutschland und Österreich offensichtlich noch keine anderen „dunklen Punkte“ in ihren Viten finden. Sicher sind unter Hitler deutscherseits furchtbare Verbrechen begangen worden. Aber der Historiker muß differenzieren und nicht pauschalisieren. Ein nicht substantiiertes Zuviel an Selbstbezichtigungen erweckt kein Vertrauen bei unseren Nachbarn, sondern im Gegenteil Mißtrauen ob so wenig nationaler Würde und Identität. Im übrigen sollte man das Luftkriegsgeschehen jener Zeit nach dem damals geltenden, wiewohl löchrigen Luftkriegsvölkerrecht beurteilen und nicht nach den heute glücklicherweise strengeren, wenn auch immer noch unvollkommenen Regeln oder nach manchmal realitätsfernen Anschauungen, die sich in langer Friedenszeit entwickelt haben. Dr. Horst Boog war leitender wissenschaftlicher Direktor des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes in Freiburg. Er ist Herausgeber der Bände „Luftkriegführung im Zweiten Weltkrieg. Ein internationaler Vergleich“ (1992) und Mitautor von „Das Deutsche Reich in der Defensive. Strategischer Luftkrieg in Europa, Krieg im Westen und in Ostasien 1943-1944/45“ (2001). Foto: Der ZDF-Journalist Theo Koll in der Sendung „Frontal 21“: Die Ergebnisse der unter Zeitdruck ent-standenen, oft nur halbfertigen Recherchen in der Not nach dem Zeitgeist ausgerichtet, Militärhistoriker Horst Boog: „Man kann manchmal gar nicht skeptisch genug sein.“

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