Rhythmus einer Rhapsodie des Blutes

Robert Müllers Stil erinnert in manchen Passagen an die italienischen Futuristen. In „Ego und Eros. Meistererzählungen des Expressionismus“ heißt es: „Sätze müssen mit einem Schnellfeuer von Bildern salutieren. Sie müssen den Rhythmus einer Rhapsodie des Blutes tragen.“ Als überzeugter Utopist glaubte er dennoch daran, „daß die Zukunft dem geistigen Menschen gehören werde, Politik und Technik sich dem Geist würden unterordnen müssen“ (Hans J. Schütz). Dieser Typus des Geistmenschen, für den Nietzsche Pate gestanden hat, taucht dann auch in fast allen Erzählungen Müllers auf. Robert Müller wurde am 29. Oktober 1887 in Wien geboren. Er studierte Philosophie, Kunstgeschichte und Germanistik, ging anschließend als Reporter nach New York und fuhr als Matrose und Steward auf Fracht- und Passagierschiffen, bevor er 1911 wieder nach Wien zurückkehrte. Seine ersten Veröffentlichungen erschienen in den Literaturzeitschriften Der Brenner und Der Ruf. Den Beginn des Ersten Weltkriegs kommentierte er begeistert, entwickelte sich jedoch schließlich zu einem der aktivsten Kriegsgegner. In der von ihm herausgegebenen Zeitschrift Torpedo attackierte er in einem großartigen Pamphlet Karl Kraus als „Schismatiker des Liberalismus“ und notierte: „Der Liberale ist dadurch gekennzeichnet, daß er sich an den wirklich brennenden Fragen der Welt niemals die Finger verbrennt.“ Müller war nicht nur ein brillanter Essayist, sondern auch ein Erzähler und Romancier von Rang. In dem Roman „Tropen“ (1915) beschreibt er eine phantastische Reise auf einem Strom im Dschungel. Ähnlich wie Joseph Conrad in „Herz der Finsternis“ geht es auch bei Müller um die Sehnsucht des Kulturmenschen, sich in den elementaren Wirren der Natur aufzulösen, diese Metamorphose jedoch intellektuell zu kontrollieren. Robert Musil lobte an den „Tropen“ die „animalische Kraft“ und hielt es für eines „der besten der neuen Literatur überhaupt“. Elemente des Exotischen, des Abenteuer- und Reiseromans enthält auch die Erzählung „Das Inselmädchen“ (1919). Wieder ist der unausgesprochene Wunsch nach dem Urzustand das Ziel einer Expedition, die drei europäische Abenteurer auf einem tropischen Fluß unternehmen. Der Deutsche erkennt, daß er seinen Ursprung von den Tropen her genommen hat, und gerät unter den Bann einer indianischen Priesterin. Am Ziel müssen sie feststellen, daß der von ihnen gesuchte Konquistadorenschatz nie existiert hat. Der Deutsche kehrt mit der Indianerin in die Zivilisation zurück, in der Erkenntnis, daß er die Tropen nicht braucht, weil er sie in sich trägt. Der neue Großstädter ist der Wilde, die Metropolen der Dschungel. Robert Müller schied am 27. August 1924 durch Selbstmord aus dem Leben. Robert Musils Nachruf auf den Freund zeichnet ein scharfes Porträt des Dichters, dessen „Anblick einen sachlichen, lebhaften, waghalsigen Blutmenschen enthüllte“.

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