Konsequent böse

Josef Stalin genießt vielerorts immer noch einen relativ guten Ruf. Jeder weiß oder kann es wissen, daß in der Sowjetunion unter seiner Verantwortung Abermillionen von Menschen ermordet wurden. Es ist auch allgemein bekannt, daß er gleichzeitig eine zynische und imperialistische Machtpolitik betrieben hat, die von Vertragsbrüchen nur so strotzte. Jedes europäische Nachbarland der Sowjetunion, das mit der UdSSR einen Nichtangriffspakt abgeschlossen hatte, wurde zwischen 1939 und 1941 zum Opfer einer sowjetischen Aggression, übrig blieb im Sommer 1941 nur noch Deutschland. Geschadet hat dies dem Image des Kremlchefs besonders im angelsächsischen Ausland erstaunlich wenig. Die Schurkenrolle der Jahre bis 1945 war ohnehin anderweitig besetzt, Mochte die UdSSR Länder überfallen, so viele sie wollte, es fanden sich politische Beobachter und historische Interpreten, für die das alles Ausdruck von Sicherheitspolitik war. Stalin blieb während des Krieges „Uncle Joe“, und er behielt diese Rolle teilweise auch danach. Mag er ein Ungeheuer gewesen sein, so bilanzierte Henry Kissinger vor knapp zehn Jahren, so könnte man ihn doch mit Kardinal Richelieu vergleichen: „in höchstem Maße Realist – geduldig, schlau, unerbittlich“. Entsprechend groß war in der britischen Öffentlichkeit die Resonanz auf Simon Sebag Montefiores vergangenen Herbst erschienene Stalin-Biographie. Von den historischen Fachblättern bis hin zur Times fanden sich überwiegend positive Stimmen zu den völlig anderen Vergleichen für Josef Stalin, die der Autor findet. Iwan der Schreckliche ist einer davon, besonders aber Dschingis-Khan bildet für ihn den Maßstab, an dem der Führer der KPdSU gemessen werden kann. In beiden wird man Persönlichkeiten erblicken, die weniger für ihren Realismus als für ihre Willkür und Hemmungslosigkeit bekannt geworden sind. Was Montefiore in langen Reisen durch die Nachfolgestaaten der UdSSR, in Interviews mit Nachkommen von Stalins „innerem Kreis“ oder bei der Durchsicht von nachgelassenen Papieren Stalins gefunden hat, legt dies nah. Es sind zahllose Details. Der Autor hat in akribischer Arbeit alles zusammengetragen, was den sowjetischen Hofstaat des Roten Zaren irgendwie charakterisieren könnte. Das ist angemessen, denn Stalin selbst kümmerte sich um jedes Detail des Lebens seiner Umgebung, und diese Einzelheiten geben deshalb tatsächlich einen Eindruck von dem wieder, was er dachte und wollte. Niemand war jemals davor sicher, wegen einer Lappalie oder auch nur eines Stilbruchs politisch verdächtig zu werden. Der sowjetische Kommunismus hatte zu dieser Zeit eine eher vormoderne, asiatische Form der Despotie geschaffen, die absurde Züge annahm. Wenn Stalin etwa ein Wort falsch ausgesprochen hatte, so erinnerte sich Außenminister Molotow, dann sprachen alle dieses Wort falsch aus, denn jede Abweichung hätte als Kritik gedeutet werden und tödliche Folgen nach sich ziehen können. Montefiore kann vieles bekräftigen, was bisher gemutmaßt wurde oder gar Gegenstand von Verteidigungsversuchen pro-stalinistischer Apologie gewesen ist. Dazu gehört, daß der Terror, der die Sowjetunion überzog, kein „Strukturproblem“ der UdSSR war, wie gelegentlich zu lesen war, sondern von Stalin persönlich ausging. Er selbst hat den Hungertod von mehreren Millionen Ukrainern angeordnet. Erschossen wurde nach Planzahlen, die Stalin manchmal mit Bleistift beiläufig festlegte. Ein Notizzettel von ihm konnte mehr als vierhunderttausend Menschenleben kosten. Nicht nur die Vergewaltigungen und Plünderungen in Deutschland, sondern auch ähnliche Taten in Polen und den besetzten baltischen Ländern wurden ausdrücklich von ihm gebilligt. Es war einer seiner Lieblingswitze, sich darüber lustig zu machen, wie man jeden dazu bringen könnte, alles zu gestehen, sogar einen Jugendlichen dazu, sich als Autor von Puschkins „Eugene Onegin“ zu bekennen. Auch auf den wüsten Antisemitismus, den sich der Kremlherr leistete und der am Ende selbst Molotows Ehefrau ins Lager brachte, weil sie im Verdacht stand, eine Synagoge besucht zu haben, geht Montefiore ein. Kritisch anzumerken bleiben sein Stil, der doch zu reißerisch daherkommt, um immer glaubwürdig zu wirken, und die manchmal fehlende Abfederung der Darstellung mit der gängigen Literatur. Von den außenpolitischen Vorgängen, die zum deutschen Angriff auf die UdSSR führten, scheint der Autor nur eine eingeschränkte Vorstellung zu haben, wobei es weniger schlimm ist, daß er den Namen des deutschen Botschafters in Moskau ständig gewissenhaft falsch schreibt. Ärgerlicher ist, daß er etwa die Mär transportiert, der sowjetische Generalstabschef Schukow habe 1941 einen Präventivschlag gegen die aufmarschierenden deutschen Truppen geplant, obwohl aus Schukows Aufzeichnungen klar sichtbar wird, daß er statt dessen auf einen möglichen Präventivschlag der Deutschen gegen die sowjetischen Truppen reagieren wollte. In der Geschichte Stalins und seiner Umgebung ist wenig von Realismus oder Geduld zu finden. Es ist eine Abhandlung voll von Zynismus, Oberflächlichkeit, Verbrechen und politischer Dummheit. Der große Krieg, von dem Stalin selbst glaubte, er habe ihn 1939 auf günstige Weise angezettelt, wendete sich gegen die UdSSR. Das europäische „Pokerspiel mit drei Parteien“, wie er den Konflikt zwischen den Westmächten, der Achse und der UdSSR nannte, geriet ihm außer Kontrolle. Leichtfertig, wie er 1939 das Feuer schürte, glaubte er 1940 seine bisherigen deutschen Partner erpressen zu können. Zwar hatte der Stalinismus so umfassend gerüstet, daß er den folgenden deutschen Angriff letztlich militärisch abwehren konnte, aber der „Rote Zar“ hinterließ eine Wüste, in Rußland und anderswo. Wie frivol das Spiel aber vorher gespielt wurde, das läßt sich dank Montefiore besser verstehen. Foto: Undatierte Aufnahme des späteren sowjetischen Diktators Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili, genannt Stalin, während der Zarenzeit: Vormoderne, asiatische Form der Despotie Simon Sebag Montefiore: Stalin. The Court of the Red Tsar. Weidenfeld and Nicolson, London 2003, XXV und 695 Seiten, gebunden, Illustirationen, 39,08 Euro, oder Crown Publishing Group, New York 2004, 816 Seiten, gebunden, 24,99 Euro

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