Katholischer als der Papst

Am 9. Oktober stand der Berliner Erzdiözese hoher Besuch ins Haus: Kurienkardinal Dario Castrillon Hoyos. Sein Auftrag war, in einer kleinen Gemeinde, die erst im Mai von Rom anerkannt wurde, eine Priesterweihe vorzunehmen. Es handelte sich hierbei jedoch nicht um eine gewöhnliche Weihe, denn die hätte jeder beliebige Bischof zelebrieren können. Vielmehr wurde an diesem Tag in der St. Afra Kirche im Berliner Problembezirk Wedding nach dem tridentinischen Ritus geweiht, den die Amtskirche seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) meidet wie der Teufel das Weihwasser. Kern der Gemeinde ist das am 24. Mai anerkannte Institut römischen Rechts St. Philipp Neri unter der Leitung von Pfarrer Gerald Goesche. Vorausgegangen war ein gutes Jahr kirchenrechtlicher Illegalität. Denn Goesche hatte sich im Februar 2003 nach sechs Jahren Zusammenarbeit im Streit von der Priesterbruderschaft St. Pius X. getrennt, obwohl er noch kurz davor maßgeblich am Bau des Priorats in Berlin-Wilmersdorf mitgewirkt hatte (JF 29/02 und 11/03). Wie es genau zu dieser Trennung kam, darüber existieren verschiedene Versionen. Eigenen Angaben zufolge wurde Goesche „nachdenklich“, als nach der Pilgerfahrt der Bruderschaft nach Rom im Heiligen Jahr 2000 Kardinal Hoyos dieser „ein ausgesprochen großzügiges Angebot zur Regularisierung ihrer Situation machte“. Zu deutsch: Die Piusbrüder sollten strukturell wieder unter die Fittiche Roms genommen werden, ohne jedoch vorher die theologischen Streitpunkte aus dem Weg geräumt zu haben, die letztlich zu dem Zerwürfnis geführt hatten. Im Zentrum der Auseinandersetzung steht der Vorwurf der Piusbrüder, Rom habe mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil einen radikalen Bruch – ein „1789“ – mit der Kirche vollzogen, indem es in der Folgezeit all jene Standpunkte akzeptierte, die seit Jahrhunderten von der Kirche bekämpft wurden. Dazu gehören beispielsweise das Dekret über die Religionsfreiheit und ein relativierender Ökumenismus. Deutlichster Ausdruck dieses Irrweges sei die Einführung eines neuen Meßritus gewesen, in dem sämtliche Elemente ausgemerzt sind, die die Glaubenswahrheiten veranschaulicht hatten. Der französische Erzbischof Marcel Lefebvre (1905-1991) wollte sich mit der Zerstörung der Kirche nicht zufriedengeben und gründete 1970 mit Erlaubnis der Kirche im schweizerischen Ecône ein Priesterseminar, in dem er nur das weitergab, was er selbst empfangen hatte. Als das Seminar immer größeren Zulauf bekam, entschloß sich die Hierarchie, dem „Experiment der Tradition“ ein Ende zu breiten. Doch der Erzbischof wehrte sich. In seiner berühmten Grundsatzerklärung vor 30 Jahren, am 21. November 1974, stellte er fest, daß keine Autorität sie zwingen könne, ihren Glauben, „so wie er vom Lehramt der Kirche seit neunzehn Jahrhunderten klar formuliert und verkündet wurde, aufzugeben oder zu schmälern“. Dabei berief er sich vor allem auf die Aussage des heiligen Paulus: „Und würden wir selbst oder ein Engel vom Himmel euch ein anderes Evangelium lehren als das, was ich euch gelehrt habe, so sei er verflucht“ (Gal. 1,8). Als sich Lefebvre unbeugsam zeigte und am 29. Juni 1976 ohne die Erlaubnis lokaler Bischöfe Priesterweihen vornahm, suspendierte ihn Papst Paul VI. am 1. Juli 1976 „a divinis“, was der Erzbischof jedoch so auslegte, daß er nur die Neue Messe nicht mehr lesen dürfe, die er sowieso ablehnte. Daß die Kirche seit 1965 andere Wege beschreitet, steht außer Frage und wird selbst von ihren Amtsträgern nicht bestritten. Schlagworte auf diesem Weg sind ein „neues Pfingsten“, die „Hinwendung zur Welt“ und ein notwendiges „modernes Pastoral“. Inzwischen sind auch die Früchte des Zweiten Vatikanischen Konzils nicht mehr zu übersehen: dramatischer Priestermangel, massenhafter Kirchenaustritt, allgemeine Unwissenheit in Glaubensfragen, leere Kirchen, zahlreiche Mißbräuche der Sakramente. Rom hatte gehofft, daß sich der „Fall Lefebvre“ letztlich biologisch lösen würde, indem der Erzbischof stürbe und damit weitere Priesterweihen nicht mehr möglich würden. Um diese Gefahr abzuwenden, weihte Lefebvre am 30. Juni 1988, drei Jahre vor seinem Tod, in höchster Gewissensnot vier Hilfsbischöfe: Bernard Fellay, Bernard Tissier de Mallerais, Richard Williamson und Alfonso de Galarreta. Fellay ist heute Generaloberer der Priesterbruderschaft. Mit der unerlaubten Weihe war für den Vatikan das Maß voll, Papst Johannes Paul II. exkommunizierte Lefebvre und seine Bischöfe. Seitdem gilt die Piusbruderschaft als eine „schismatische“ Gemeinschaft, obwohl sie den Papst unverändert als Oberhaupt der Kirche anerkennt. Doch die päpstlichen Behörden mußten auch erkennen, daß der Wunsch nach der Tradition nicht einfach übergangen werden kann. Daher gründete man die Arbeitsgemeinschaft „Ecclesia Dei“, dessen Vorsitz zur Zeit Kardinal Hoyos innehat. Sie hat die Aufgabe, die „Ewiggestrigen“ zu versorgen – und zu kontrollieren. Hier und da werden sogenannte „Indultmessen“ nach tridentinischem Ritus erlaubt. Unter Hoyos‘ Aufsicht agieren auch die nach 1988 gegründeten traditionalistischen Vereinigungen wie etwa die Petrusbruderschaft, die Johannesbruderschaft, die Priestergemeinschaft Pfarrer von Ars – und eben auch das Oratorium Philipp Neri in Berlin. So gesehen können sie alle nur existieren, weil es da diesen renitenten Erzbischof gegeben hatte und eine Gemeinschaft, die nicht bereit ist zu faulen Kompromissen. Erben der Renitenz wollen kein Folkloreverein werden Warum aber schließen sie keinen Frieden mit Rom, wenn es doch die anderen auch können und wenn Rom doch offenbar „ein ausgesprochen großzügiges Angebot“ in der Schublade hat? Ganz einfach: Die Priesterbruderschaft St. Pius X. möchte kein Folkloreverein werden, der sich mit dem Pomp des Barock und einer alten Liturgie zufrieden gibt. Die Piusbrüder wollen das Übel an der Wurzel anpacken, sich nicht in einer „Schmuddelecke“ der Hierarchie verkriechen, schikaniert und gedemütigt wie die anderen. Es ist völlig klar, daß Hoyos nie nach Berlin gekommen wäre, um einem „Klub“ mit vier, fünf Mitgliedern päpstliche Rechte zu verleihen, wenn Goesche nicht glaubhaft versichert hätte, daß er viele Piusbrüder auf seine Seite ziehen könne, da deren Mißmut über die Oberen groß sei. Doch diese Rechnung ist nicht aufgegangen. Pfarrer Markus Rindler, der am 9. Oktober geweiht wurde, ist ein Zögling aus Ecône, und weitere Kandidaten sind vorerst nicht in Sicht. Derweil steht es um die Finanzen der „Neristen“ schlecht, wenn man den Hilferufen Glauben schenken mag. Und das, obwohl der Berliner Kardinal Sterzinsky den neuen Verein angeblich „mit offenen Armen“ empfangen habe. Wer den als Modernisten geltenden Georg Kardinal Sterzinsky kennt, weiß, wie fern ihm die Tradition ist. Die schnelle Anerkennung des Instituts St. Philipp Neri darf man ruhig als einen römischen Schachzug werten, der die „Spalter“ weiter spalten sollte. Denn wer teilt, der herrscht. Fotos: Marcel Lefebvre (r.) bei der Priesterweihe (1988): Der französische Bischof gründete 1970 die Priesterbruderschaft St. Pius X., Eingang zum Berliner Priorat Vereinigung St. Pius e.V., Stuttgarter Str. 24, 70469 Stuttgart, Tel.: 07 11 / 89 69 29 29, In-ternet: fsspx.infoE-Post: webmaster@fsspx.info

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