Intelligent

Seit er 1976 als einer der angry young men der Punk-Musik bei Stiff Records seinen ersten Plattenvertrag unterzeichnete, hat Elvis Costello sein musikalisches Repertoire ständig erweitert. Heute umschließt es neben Rhythm ’n‘ Blues auch Lounge, Jazz und Klassik. Seine künstlerische Entfaltung verdankt er nicht zuletzt der Zusammenarbeit mit den verschiedensten Musikern – von den Kammermusikern des Brodsky Quartets, der schwedischen Opernsängerin Anne Sofie von Otter über Burt Bacharach und Paul McCartney bis zu dem Jazz-Gitarristen Bill Friswell. Das gleichzeitige Erscheinen von „Il Sogno“ (Deutsche Grammophon), einem Ballett, das er nach Shakespeares „Mittsommernachtstraum“ für das London Symphony Orchestra komponierte, und „The Delivery Man“ (Mercury), Costellos neuem Album mit seiner Band The Imposters, zeigt einmal mehr, daß der 50jährige gebürtige Londoner mit der markanten Brille stets für eine Überraschung gut ist. Völliges Neuland betritt er freilich nicht, nahm Costello doch schon 1981 mit „Almost Blue“ in Nashville ein Album mit Country&Western-Songs von Größen wie Merle Haggard, Hank Williams und Gram Parsons auf. 1978, auf dem Höhepunkt der New Wave, lag seiner zweiten Platte „This Year’s Model“ eine C&W-Single bei. Nach den sanften Balladen seiner letztjährigen Platte „North“ entfesselt Costello auf „The Delivery Man“ mal harte Rock-, mal langsame Country-Swamp-Rhythmen. Beim zweiten, dritten oder zehnten Hören fügt sich das Ganze zu einer Art Operette mit unverkennbarem Südstaaten-Einschlag (aufgenommen wurde es in Oxford, Mississippi). Es geht um Ivy, die keine eigene Stimme hat, um Vivian und Geraldine, denen Lucinda Williams und Emmylou Harris die ihren leihen, und die Beziehungen der drei Frauen zu Abel, der Titelfigur, die – wie so vieles in der zeitgenössischen Country-Musik – eine kleine Hommage an Johnny Cash ist: Für ihn schrieb Costello 1986 „Hidden Shame“ über die wahre Geschichte eines Mordes, die er hier nun wieder aufgreift. Zu verrätselt, um ein echtes Konzeptalbum zu sein, überläßt „The Delivery Man“ es dem Zuschauer, dieser Geschichte über verbotene Liebe, Gewalt, Mißtrauen und Reue im amerikanischen Kleinstadtmilieu zu folgen – oder sich lieber in der Musik zu verlieren. Gleich im ersten Stück, „Button My Lip“, einem brodelnden Gemisch aus Jazz und Blues, heizt Costello ordentlich ein. Davey Faraghers geschäftige Baßgitarre und Pete Thomas‘ Schlagzeug sind perfekt aufeinander eingestimmt, die Übergänge zwischen Steve Nieves nur scheinbar improvisiertem Klavierspiel und Costellos bitteren Versen fließend bis hin zum tosenden Crescendo. Langsamer wird’s in „Country Darkness“, einer düsteren Nummer mit Stahlgitarre und Klavier. Den Country-Rocker „There’s a Story in Your Voice“ singt Costello im Duett mit Williams – richtiger: im Duell, so rauh und emotional giften sie sich an. Erwähnenswert auch „Bedlam“ mit seiner funkigen Baßgitarre und zwei Kneipengröler, „Monkey to Man“ und „Needle Time“, beide mit einer elektrisierende Vox-Continental-Orgel. Unter den langsameren Stücken ragen die Duette mit Harris heraus – die melancholische Schmuseballade „Nothing Clings Like Ivy“ oder „Heart Shaped Bruise“, das nicht nur eine Moral hat, sondern zu wehmütiger Stahlgitarre wunderschön gesungen ist. Im Schlußlied, „The Scarlet Tide“, geschrieben für Anthony Minghellas Film „Unterwegs nach Cold Mountain“, harmonisieren sie vollkommen miteinander und der zart gezupften Ukulele als einziger Begleitung. Costellos „Delivery Man“ zählt zu den Glanzlichtern seiner Karriere – die lyrischen Texten und intelligenten Arrangements lassen geistige Orte entstehen, zu denen man immer wieder zurückkehren möchte.

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