Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Essen, bis der Arzt kommt

Extremsportler, die um des Nervenkitzels willen ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, erregen kaum noch Aufsehen, politisch motivierte Hungerstreiks erst recht nicht. Als aber der Amerikaner Morgan Spurlock sich im Selbstversuch zwölf Kilo anfraß, indem er einen Monat lang dreimal täglich bei McDonald’s einkehrte, horchte nicht nur der Fließbandfraß-Konzern auf und nahm seine überlebensgroßen („super size“) Portionen von der Karte. Mit seinem Dokumentarfilm „Super Size Me“ lag Spurlock voll im Trend. Fettleibigkeit hat derzeit nicht nur hierzulande Konjunktur – im Straßenbild und erst recht in den Schlagzeilen. Ständig schrillen neue Alarmglocken: Jeder zweite Deutsche sei übergewichtig, schon bei Kindern treten ernährungsbedingt vermehrt Diabetes, Leberschäden und Herzkrankheiten auf. Abnehmen, abnehmen, abnehmen, lautet die Parole, als müßten die Menschen ihre Gürtel dank der Abwicklung des Sozialstaats nicht schon eng genug schnallen. Auch die für ihre geschmacklosen Öffentlichkeitsaktionen berüchtigte Tierrechtsorganisation Peta wollte ein Stück vom Kampagnenkuchen abhaben. Eine Anzeige, die Bruce Springsteens 1984er Album „Born in the U.S.A.“ als „Obese in the U.S.A.“ parodierte, sollte im letzten Frühjahr Springsteen-Fans und anderen Fleischessern den Appetit auf Steak und Hamburger verderben. Statt des straffen Hinterns des damals 35jährigen Rockstars zierten nun aus den Jeans quellende Fettwülste das Plattencover. Der „Boss“, der sonst für manchen guten Zweck zu haben ist, verbat sich eine derartige Verunglimpfung. Vor wenigen Jahren las sich das alles noch ganz anders. Neben der neuesten Wunderdiät („12 Kilo in 30 Tagen mit Weizenkleie und Mineralwasser“) enthielt jede seriöse Frauenzeitschrift eine Kolumne „Hilfe, meine beste Freundin ist magersüchtig“ oder „Aus dem Kühlschrank einer Bulimikerin“. „Liebe Deine Kurven“ geriet zu einer Art postfeministischen Wahlspruch, das Wort „dick“, das heute aus sämtlichen Medien schallt, war verpönt. Denn nicht zuletzt ist der Schlankheitswahn schuld daran, daß in Deutschland nach Angaben des Deutschen Instituts für Ernährungsmedizin und Diätetik in Aachen über 100.000 Menschen, insbesondere Frauen zwischen 15 und 35 Jahren, an Magersucht (Anorexia nervosa) sowie 600.000 Frauen und Männer an Freß-Brech-Sucht (Bulimia nervosa) leiden. Die Zahl der magersüchtigen Männer liege bei fünf bis zehn Prozent – mit steigender Tendenz. Jede zehnte Magersucht verläuft tödlich, jede vierte chronisch. Nur in dreißig Prozent der Fälle wird eine vollständige Heilung mit dauerhafter Gewichtzunahme und Wiedereinsetzen der Menstruation erreicht. Langfristig können aufgrund der Fehl- bzw. Unterernährung Folgeschäden an Organen, Knochen und Gebiß zurückbleiben. Um so gefährlicher sind die durchs Internet geisternden „Pro Ana“-Seiten einzuschätzen, auf denen die Krankheit mit ihren bizarren Ritualen und ihrer verzerrten Selbstwahrnehmung zelebriert wird. Mit medialer Panikmache ist niemandem geholfen Das Dasein im Schlaraffenland ist scheint’s kein Zuckerschlecken. Beides, die Völlerei wie die Totalverweigerung, sind in ihrer heutigen Form und Verbreitung echte Zivilisationskrankheiten: Reaktionen auf ein allgegenwärtiges Überangebot und einen schmerzlichst empfundenen Mangel, der die Welt genauso leer wie den Himmel erscheinen läßt. Die einen versuchen ihren Hunger nach Liebe, Anerkennung und Geborgenheit mit kalorienreichen Snacks zu sättigen, die sie je nach Temperament in Fettgewebe umwandeln (Adipositas) oder aber umgehend erbrechen. Die anderen wollen ihn bezwingen, suchen den Sinn des Lebens in der Nähe zum Nichts, zehren den Körper zum Skelett aus – und können sich nicht einmal über die unvermeidlichen Komplimente jener Zeitgenossen freuen, die das Supermodel-Ideal allzu krankhaft verinnerlicht haben. Mit wohlfeilen Phrasen wie diesen ist weder den einen noch den anderen geholfen, mit medialer Panikmache auch nur bedingt. Einen anderen Weg geht das jüngst im Berliner Stadtteil Tiergarten eröffnete Restaurant „Sehnsucht“. Um Zynikern und Scherzkeksen gleich die Butter vom Brot zu nehmen: Hinter der Glasfassade verbirgt sich weder ein neues Kuriositätenkabinett am Narrensaum der hauptstädtischen Kulturschickeria, wo das Eiweißomelette gabelweise serviert und der Kuchen mit Natreen gesüßt würde, noch stehen auf den Toiletten Kotzeimer oder Waagen bereit. (An dem Ganzkörperspiegel allerdings wird sich auch so manches „Normalgewicht“ nur mit fest zugekniffenen Augen vorbeitrauen.) Was als Geschäftsidee so aberwitzig anmutet wie ein Streichelzoo für Tierhaarallergiker – an den Eßgelüsten von Magersüchtigen seine Brötchen zu verdienen -, ist in Wirklichkeit ein wenn auch eigenwilliges Selbsthilfeprojekt. Besitzerin Katja Eichbaum kämpfte selbst jahrelang mit Eßstörungen, auch für das Personal sind einschlägige Erfahrungen praktisch Einstellungsvoraussetzung. Denn Gäste, die sich von Gerichten im dreistelligen Kalorienbereich überfordert fühlen, sollen verständnisvolle Ansprechpartner finden – die Kellnerin als Beichtmutter, auch das kennt man aus amerikanischen Filmen. Wer nach überstandener Therapie ausgerechnet eine Ausbildung in der Gastronomiebranche anstrebt, kann sich um ein Praktikum bei „Sehnsucht“ bewerben. Ob der zwangsläufige Umgang mit Nahrungsmitteln in Großhandelsmengen tatsächlich das Gelbe vom Ei für Menschen ist, die gerade dabei sind, ein zwanghaftes Verhältnis zum Essen zu überwinden, müssen die Betroffenen am besten wissen – schließlich lernt man trockengelegte Alkoholiker auch nicht als Barkeeper an. Die einladend angerichteten und unterschiedlich portionierten Speisen – vom „Räuberteller“ für 0,00 Euro („Nimm Dir vom Nachbarn, soviel Du schaffst“) über den „Sperlingsschmaus“ bis zum „Heißhunger“ – mit Namen, die auf der Zunge zergehen, jedenfalls nähren die Gewißheit: Essen ist, nicht mehr und nicht weniger, ein Genuß und keine Sünde und mehr manchmal weniger, nämlich viel zuviel. Davon könnten sich nicht nur Schnellimbißketten eine Scheibe abschneiden.

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