Erosion der Alten Welt

Die architektonisch reizvolle Kleinstadt Torgau in Nordsachsen eignet sich in zweierlei Hinsicht hervorragend als Ausstellungsort für die 2. Sächsische Landesausstellung: Die Stadt war in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts eine wichtige Residenz des wettinischen Fürstengeschlechtes. Davon kündet nicht nur das nur wenige Meter vom Elbufer gelegene prächtige Schloß Hartenfels, welches noch vor wenigen Jahren einen wenig erbaulichen, stark heruntergekommenen Eindruck vermittelte und als zentraler Ort der Ausstellung umfangreich saniert wurde. Im nordöstlich gelegenen Trakt des Schlosses befindet sich die Torgauer Stadtkapelle, der älteste protestantische Kirchenraum in Deutschland. In der unmittelbar vor den Toren von Schloß Hartenfels gelegenen Altstadt künden zahlreiche (teilweise mitunter freilich leicht veränderte) Baudenkmale noch vom Geist der Lutherzeit. Nur wenige Kilometer elbabwärts liegt die Lutherstadt Wittenberg; rund 100 Kilometer elbaufwärts trennen Torgau von dem Geburtsort von Luthers Gegenspieler Johann Tetzel, Pirna, rund 50 Kilometer in südwestlicher Richtung von der alten Messe- und Buchdruckerstadt Leipzig – drei Orte, denen wie Torgau im Reformationszeitalter eine wichtige Rolle zukommen sollte. Gewissermaßen als Markenzeichen der Ausstellung dient Lucas Cranachs d.Ä. Monumentalgemälde „Elias und die Baalspriester“ aus dem Jahr 1545, welches in Ausschnitten nahezu auf jedem Werbeträger prangt. Das Bild hing mutmaßlich bis zum 18. Jahrhundert direkt in der Torgauer Stadtkapelle, bis es schließlich Eingang in die Dresdner Gemäldesammlungen fand. Vor dem Hintergrund der biblischen Geschichte nimmt das Gemälde sinnbildlich Bezug auf die Spannungen und Gegensätze zwischen den sich unversöhnlich gegenüberstehenden religiösen Parteien: Die Gottesentscheidung zwischen dem Volk Israel und den Priestern des Baal wird als Gleichnis auf das sechzehnte Jahrhundert, die Entscheidung zwischen Katholizismus und Protestantismus übertragen. Cranachs Zukunftsschau vor dem Hintergrund der Liturgie bestätigte sich nur zwei Jahre nach dem Entstehen des Gemäldes: Die Schlacht bei Mühlberg im Jahre 1547 stellte den ersten Höhepunkt eines über Jahrhunderte andauernden Glaubens- und Machtkonfliktes im gesamten europäischen Raum dar. Der zentrale Teil der Ausstellung im Schloß ist in drei Abteilungen gegliedert: In der ersten wird ein allgemeiner Überblick über die Verhältnisse der sächsischen Länder vor Beginn der Reformation geboten. Zu den herausragenden Objekten in diesem Bereich zählt unter anderem das Original des zweiten Messeprivilegs für Leipzig, welches durch Kaiser Maximilian I. am 23. Juni 1507 erlassen wurde und das erste Privileg aus dem Jahr 1497 erheblich erweiterte. Mit Hilfe dieser verbrieften Rechte wurde der Beginn einer langen Handelstradition und der Bildung eines reichen und starken Bürgertums in der westsächsischen Metropole eingeleitet. Der zweite Teil der Ausstellung widmet sich der Phase nach dem Thesenanschlag Luthers, der den Beginn der Reformation markiert. Wie fast bei allen großen historischen Ereignissen der Weltgeschichte war der Auftakt denkbar unspektakulär: Im Rahmen eines normalen Seminarbetriebes lud der Augustinereremit und Theologieprofessor Martin Luther im Oktober 1517 zu einer akademischen Disputation von 95 Thesen ein, die sich mit der Kraft der Ablässe der Papstkirche und den ihnen innewohnenden Widersprüchen auseinandersetzten. Die berühmte Annagelung eines Blattes mit diesen Thesen an das Tor der Wittenberger Stadtkirche – die neuerdings von einigen Experten in Zweifel gezogen wird – erfolgte erst einige Tage später, nachdem sich das explosive Element durch die ersten Reaktionen bereits erwiesen hatte. Im Laufe von nur wenigen Jahren setzte der gewaltige Prozeß der Erosion der Alten Welt ein, die heute in der historischen Forschung nahezu einheitlich als Phase des Übergangs vom Mittelalter in die Neuzeit bezeichnet wird. Hier kommt es zur Bildung der militärischen Bündnissysteme zwischen protestantischen und katholischen Fürsten, die schließlich im Schmalkaldischen Krieg von 1546/47 münden. Den Kuratoren der Ausstellung ist es gelungen, die Beschreibung dieser Phase der Zuspitzung von religiösen und machtpolitischen Gegensätzen zu einem spannenden Erlebnis für den Besucher zu gestalten: So wird in einem hervorragend ausgestatteten Raum, der nur Gemälde und Gegenstände von Lucas Cranach beherbergt, die Geschichte des Konfliktes innerhalb der Bilder eindrucksvoll verdeutlicht. Nur wenige Jahre vor dem erwähnten „Elias und die Baalsprediger“ malte Cranach eine Darstellung einer Hofjagd vor Schloß Hartenfels, auf der deutlich Vertreter beider verfeindeten Parteien zu erkennen sind. Die gemeinsame Jagd sollte eine Allegorie auf die damals noch verbreitete Hoffnung darstellen, den Konflikt ohne militärische Mittel lösen zu können. Der dritte Teil der Ausstellung ist den Jahren zwischen dem Beginn des Schmalkaldischen Krieges bis zum Augsburger Religionsfrieden von 1555 gewidmet – welcher freilich nur über ein halbes Jahrhundert den Konflikt eindämmen, schließlich jedoch nicht verhindern konnte: Seine weitaus schlimmere Variante begann 1618 mit dem berüchtigten Prager Fenstersturz. In dieser Abteilung kommt auch der Anhänger militärischer Erinnerungsstücke auf seine Kosten. Einige im Krieg zerstörte Originale wurden in mühevoller Kleinarbeit eigens für die Torgauer Präsentation nachgefertigt. Überhaupt ist der Aufwand, der für die Umsetzung von „Glaube und Macht“ getätigt wurde, bemerkenswert: Einige der hochwertigen Gemälde werden in Torgau erstmals seit vielen Jahrzehnten wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, für die die Kosten der Aufbereitung bis zu einer Million Euro betrugen. Selbstverständlich werden diese Stücke auch nach dem Ende der Ausstellung einen zentralen Platz in kunsthistorischen Sammlungen beanspruchen können. Neben dem hervorragend ausgestatteten Katalog – der auch allen, die nicht nach Torgau kommen können, wärmstens empfohlen sei – wird ein umfangreiches Rahmenprogramm geboten, welches unmittelbar auf die Schwerpunkte der Präsentation zugeschnitten ist. Neben zahlreichen Konzerten, in denen auch (zum Teil aufwendig nachgebaute) historische Instrumente aus der Reformationszeit erklingen, kann der Besucher an zahlreichen Festen und Vortragsveranstaltungen teilnehmen. Die Ausstellung „Glaube und Macht“ überzeugt nicht nur durch ihre Vielfältigkeit und die herausragende kulturhistorische Aufarbeitung. Sie setzt auch aktuelle Akzente: Die Präsentation verdeutlicht in eindrucksvoller Weise die große Bedeutung des mitteldeutschen Raumes für die deutsche und europäische Politik-, Religions- und Wirtschaftsgeschichte. Daher sollten die großen Chancen, welche die Ausstellung für das Selbstbewußtsein der Bevölkerung Torgaus und seiner Umgebung bieten könnten, gezielt zur Umsetzung der schwierigen Zukunftsaufgaben genutzt werden. Die Ausstellung ist bis zum 10. Oktober täglich von 10 bis 18 Uhr in Schloß Hartenfels zu sehen. Tel: 0 18 05 / 1 54 47 00. Internet: www.landesausstellung.sachsen.de . Zur Ausstellung ist ein reich bebilderter Begleitband mit 388 Seiten erschienen. Bild: „Elias und die Baalspriester“, vermutlich Lucas Cranach d. Ä., 1545: Sinnbild für die Spannungen zwischen den religiösen Parteien

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