Ausstieg aus dem Atomausstieg?

Der Beschluß zum Ausstieg aus der Atomenergie war eine rein politische Entscheidung und ist nicht durch Fachargumente gestützt. Die Stromversorgung der Bundesrepublik Deutschland ohne Kernenergie wird sehr schwierig sein. Insbesondere wenn es darum geht, daß die Kohlendioxid-Emissionen weiter reduziert werden müssen, hat der Betrieb der Kernkraftwerke einen großen Vorteil. Es gibt schlicht keinen Kohlendioxid-Ausstoß. Was die erneuerbaren Energien betrifft, läßt sich im absehbaren Zeitraum, wie er im Ausstiegsbeschluß der rot-grünen Bundesregierung festgehalten worden ist, keine stabile, zuverlässige und ökonomische Stromversorgung gewährleisten. Würde der Beschluß zum Ausstieg wie geplant durchgeführt, müßten alternativ Kohle- oder Gaskraftwerke gebaut werden. Da der Anteil der Kernenergie an der deutschen Stromversorgung bei etwa 30 Prozent liegt, wäre der Import von Strom aus dem Ausland, einschließlich von Atomstrom aus Frankreich oder umliegenden Staaten, die auch Strom aus Kernenergie verkaufen, nicht darstellbar. Hinzu kommt, daß bei einem massiven Stromimport in Deutschland viel Arbeitsplätze verlorengehen würden. Es ist ökonomisch nicht nachvollziehbar. Unsere Nachbarn – nicht nur Frankreich, sondern auch Großbritannien und kleinere Staaten – haben keinen derartigen Beschluß gefaßt. Wir sind umgeben von Nationen, die aus ökologischer und ökonomischer Sicht Kernkraftwerke betreiben. Finnland hat sogar beschlossen, ein neues Großkraftwerk zu bauen. Zu vermerken ist, daß in Deutschland betriebene Kernkraftwerke zu den sichersten der Welt gehören. Deshalb ist ein Ausstieg aus dem Atomausstieg dringend geboten. Prof. Dr. Phil. Dr.-Ing. E.h . Adolf Birkhofer ist Inhaber des Lehrstuhls für Reaktordynamik und Reaktorsicherheit an der Technischen Universität in München. Wir haben hier in der Gemeinde wegen des hiesigen Zwischenlagers bereits vor sieben Jahren deutlich Position bezogen, daß der Ausstieg aus der Atomenergie wünschenswert und notwendig ist. Die Atomenergie ist – wegen der unvergleichbar schweren Folgen eines Unfalls – nur verantwortbar, wenn Herstellung, Betrieb und Entsorgung technisch absolut sicher sind. Absolut sichere Technik kann es nicht geben. Ich zweifele nicht an der Verantwortung und Kompetenz der Ingenieure hier. Wir haben ein Zwischenlager, daß einige tausend Jahre beaufsichtigt werden muß – das kann ehrlich gesagt niemand verantworten. Ich halte nichts von einem Wiedereinstieg in die Atomenergie, weil ich nicht mitverantworten möchte, daß allen nächsten Generationen der ganze Müll bleibt, der gefährlicher ist als normaler Hausmüll. Wir beteiligen uns nicht an der aktuellen politischen Diskussion – das ist hier in Ahaus schon heikel genug. Wir haben eine absolute CDU-Mehrheit und eine starke Bürgerbewegung wie zum Beispiel die Unabhängige Wählergemeinschaft (UWG). Die Kirchengemeinde hat für alle dazusein und sollte sich nicht politisch vereinnahmen lassen. Uns ist nicht bange zu sagen, daß Atomenergie nicht zu verantworten ist, weil sie nicht mit absoluter Sicherheit zu händeln und zu verwahren ist. Der Pfarrgemeinderat Ahaus beschloß 1997 ein Papier: „Christen gegen Atomenergie“, das nach langer Diskussion damals einstimmig verabschiedet wurde. Dieser Rat ist das demokratisch gewählte Organ einer Gemeinde von 8.500 Katholiken in dieser Stadt. Selbstverständlich hat eine Christengemeinde Stellung zu nehmen zu Grundsatzfragen unserer Gesellschaft: zur Würde des Menschen in der Gentechnologie; zum Schutz des Lebens. Also hat eine Gemeinde, die so ortsnah vom Thema Atomenergie betroffen ist, nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht zu fragen. Jürgen Quante ist seit 1997 Pfarrer der St. Mariä Himmelfahrt Gemeinde in Ahaus und Mitwirkender von „Christen gegen Atomenergie“.

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