Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Ein fanatischer Ästhet

Jeder Liebhaber überfeinerter Ästhetik wird schon einmal bei der Betrachtung von Fotografien Cecil Beatons aufgemerkt haben. Hier offenbart sich echter Luxus, Reichtum und Stil, ohne Rücksicht auf einen Massengeschmack zu nehmen. Cecil Beaton konnte es sich noch leisten, seine Passion von Schönheit in der steilen Karriere eines Modefotografen auszuleben, ohne sich untreu zu werden. Am 14. Januar zöge sein hundertster Geburtstag auf. Von frühester Jugend war sein Leben auf die Fotografie gerichtet. Schon als Kind traf ihn die Erweckung durch die Inbesitznahme schöner Opernsängerinnen in Postkartenform. Das Füllen von Sammelalben mit ausgeschnittenen Bildern, die seiner Phantasiewelt entgegenkamen, wurde fortan zu seinem Lebensritual. Von hier war es nur noch ein kleiner Schritt, sich diese Bilder selbst zu schaffen, wozu ihm bald eine geschenkte Kodak-Faltkamera verhalf. Sein ganzer Lebenssinn war von Anfang an auf die Verbildlichung seiner ästhetischen Träume ausgelegt. „Als ich 1922 nach Cambridge kam, machte ich mich gleich daran, ein fanatischer Ästhet zu werden“, kommentierte er später seinen Studienbeginn. Während sein Vater 1926 sein Leben als Geschäftsmann plante, floh er zu Kunst, Theater und Fotografie. Ihm schwebte das idyllische Leben eines Adeligen vor, und die Länge seiner Hemdkragen war ihm wichtiger als Rechnen um Rendite. Das nötige Kleingeld wußte er sich mittels seiner ästhetischen Begabung auf dem Felde der Lichtbildnerei zu verschaffen. Seine Vielseitigkeit, Virtuosität und Improvisationskunst ließen ihn schnell zu den obersten Chargen aufsteigen. Einer Schule gehörte dieser Individualist nicht an. Selbstlehrend fand er seinen Stil. Seine Schwestern Nancy und Baba waren seine ersten Modelle, die er mit Spiegelungen und wunderlichen Lichtreflexen in Szene setzte. Die Pose herrschte und auch er gefiel sich darin. Es liegt stets eine Art gelangweilter Distanz in seinen Selbstporträts. Er hielt es nie für sinnvoll, seinen Narzißmus zu verbergen. Auch seine Arroganz gegenüber der Massengesellschaft war Teil seiner Selbststilisierung. „Ich weigere mich, jede dröge, fette Mutter mit ihrer sechzehnjährigen Schulgöre aufzunehmen“, gestand er 1927 selbstinszenierend in einem Interview und gab damit seine Verachtung für routinierte Porträtaufträge kund. Im selben Jahr bekam er einen Vertrag bei der Zeitschrift Vogue. Er war förmlich entdeckt worden. Seine Laufbahn als Modefotograf ergab sich wie von selbst aus seiner Arbeit als Gesellschaftsporträtist. Zuerst in London, bald auch in New York und Paris arbeitete er daran, zahllose Seiten von Vogue mit seiner unnachahmlichen Mischung aus Witz, Phantasie und gehobenem Stil zu füllen. „Bald gehörte ich zum Stab von Vogue und wurde damit beauftragt, in Condé Nasts phantastischem Apartment in der Park Avenue schöne Frauen zu fotografieren.“ Für Beaton bestand die Aufgabe eines Modefotografen darin, eine Apotheose zu inszenieren. Das gelang ihm oft mit seiner ihm eigentümlichen Lichtregie, seinen Spiegelungen und Rahmungen. Oft wirken die Hintergründe wie getupft. Kreative Freundschaften wurden geknüpft. 1933 besuchte er Jean Cocteau in Paris. Im selben Jahr reiste er mit George Hoyningen-Huene, seinem stilistischen Verwandten in Sachen Modefotografie, nach Nordafrika, und sicher waren es auch die gleichgeschlechtlichen Neigungen, die beide Freunde werden ließen. Auch Horst P. Horst gehörte zu seinem Bekanntenkreis. 1937 fotografierte er die Hochzeit des Herzogs von Windsor. Nachdem er 1939 die Königinmutter Elisabeth im Buckingham Palast aufgenommen hatte, war er offizieller Hoffotograf. Der Krieg sah ihn als Dokumentarfotograf im Auftrag der Royal Air Force, für die er das Kriegsgeschehen im Nahen Osten festhielt. 1944 entstanden große Fotodokumentationen über Indien und die Kriegsschauplätze in China. Sein ihm eigentümliches Repertoire von Kunstgriffen behielt er bei: Ironie, szenische Einrahmungen, Verwendung von Spiegeln und groteske Züge. Bilder vom Bombenkrieg gerieten ihm zu Bühnendramen mit ornamentalen Prospekten. Nach dem Krieg posierten ihm für Vogue wieder die Modelle in prachtvoll ausgestatteten Innenräumen. 1955 wurde jedoch der Vertrag gekündigt. Neue Talente wie Richard Avedon und Irving Penn betraten die Bühne der Modefotografie. Bis 1973 war Beaton in freier Arbeit tätig. Nachdem er in der Vorkriegszeit die angelsächsische Film- und Modewelt von Katharine Hepburn bis Greta Garbo abgelichtet hatte, fand er noch den Einstieg in das „Swinging London“ der Sechziger. Marilyn Monroe, Andy Warhol und Mick Jagger gesellten sich vor seine Kamera. Anfang der siebziger Jahre gehörte er langsam einer anderen Zeit an. Jetzt war der dynamische Jungfotograf gefragt, nach dem Vorbild aus Michelangelo Antonionis 1966 gedrehten „Blow Up“. Jugend, Vitalität und Energie waren nun die neuen Imperative. Beatons aristokratische Arroganz wurde jetzt von Szenarien abgelöst, die von sexuellen und emotionalen Botschaften getragen waren. Nachdem ihm Vogue noch einmal den Auftrag erteilt hatte, als Stargast die Pariser Kollektion zu fotografieren, starb Cecil Beaton am 18. Januar 1980. Ein halbes Jahrhundert ungebrochener Karriere lag hinter ihm. An Beaton fasziniert sein in der britischen Adelstradition eingebetteter Eigencharakter, der zielstrebig seinen Emotionen folgend, Illusionen des Schönen erschafft, sich aber dabei selten zu Kompromissen durchringen konnte. Zeitgenössische Mode suchte er aus seinen Frauenporträts zu verbannen. „Soweit möglich, lasse ich in meinen Photographien keine moderne Kleidung zu… Ich versuche meine Modelle von Kostümen zu überzeugen, die über zeitgenössische Kritik erhaben sind.“ Schönheit war ihm ein geheiligtes Überbleibsel aus edwardianischer und viktorianischer Vergangenheit, das er mit Aristokratie und Theater gleichsetzte und in seiner zeitgenössischen Welt von modernisierenden, ihm häßlich erscheinenden Elementen bedrängt sah. Also versuchte er die Gegenwart durch Phantasiekostüme zu neutralisieren. Überhaupt war Beaton in seinen Anschauungen nicht sehr modern. In einem Interview von 1928 wandte er sich gegen „dieses haarsträubende Gerede von der Gleichberechtigung der Geschlechter. Schon jetzt ist man dieses Unfugs müde, daß Frauen alle Arbeit verrichten, Auto fahren … und einen Job haben müssen. Statt dessen neigen Frauen wieder dazu, in altmodischen Gärten Lavendel zu pflücken.“ Solche Sätze stehen in der Tradition bester britischer Rhetorik, die selten ohne Ironie auskommt. Zeitgenössische Konservative zwischen Rhein und Spree sollten hier Lektionen nehmen, um ihren insistierenden Bierernst zu überwinden. In einer mechanisierten Moderne und im Bolschewismus sah Beaton alle Schönheit bedroht. Als Konservativer in politischer wie kultureller Hinsicht war er von der asketischen Haltung und egalitären Politik der Nachkriegs-Labourregierung angewidert. Seine Reaktion waren nostalgische Gesten und die Aufrechterhaltung alter Eleganz. Licht setzte er stets mit Monarchie gleich. Dazu trat sein Dandytum. Der Dandy ist Träger ungeheuerlicher Widerstandspotentiale gegen eine nivellierte Gesellschaft. Seine Waffen heißen Satire, Ironie, Exzentrik und Ästhetik. Cecil Beaton beherrschte sie meisterlich. Literatur: Cecil Beaton. Photographien 1920-1970, hrsg. von Philippe Garnier und David Alan Mellor, Verlag Schirmer/Mosel, München, 320 Seiten, 78 Euro

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