Joachim Kuhs

 

Gequälte Kreaturen, nostalgische Kulisse

Der englische Schriftsteller Charles Dickens wurde 1812 in Landport bei Portsmouth geboren und wuchs ab 1822 in London auf. Als sein Vater in Geldschwierigkeiten geriet, war Dickens gezwungen, seine Schulausbildung abzubrechen und sich als Hilfsarbeiter zu verdingen. Schließlich gelang es ihm, sich hochzuarbeiten, so daß er nach unregelmäßigem Schulbesuch als Anwaltsgehilfe, dann als Gerichtsreporter arbeiten konnte, bis er schließlich Journalist beim Morning Chronicle wurde, für den er Reportagen verfaßte. Seine 1836/37 in Fortsetzungen erschienenen humoristisch angelegten „Pickwick Papers“ machten ihn erstmals einer breiten Leserschaft bekannt. Seine Jugenderfahrungen in der Großstadt des frühen 19. Jahrhunderts, seine Milieustudien wurden zur Grundlage seiner Romane, die einerseits die eigenen Erlebnisse verarbeiteten, zum anderen das Gewissen ihrer Zeit wachrütteln, soziale Reformen und humanes Denken begünstigen sollten. 1870 starb Dickens mit nur 58 Jahren an einem Schlaganfall auf seinem zwei Jahre zuvor erworbenen Landsitz in Rochester. Später wurden Dickens‘ Werke auch für die Filmbranche interessant. Sein bekanntester Roman „Oliver Twist“ von 1838 wurde mehrfach verfilmt, darunter auch als Zeichentrickfilm. Ähnlich erging es der Geschichte „David Copperfield“ von 1850. Zahlreiche Verfilmungen fand auch Dickens‘ bekannte „Weihnachtsgeschichte“ um den hartherzigen reichen Geizhals Ebenezer Scrooge, der durch den Besuch dreier Geister Läuterung erfährt. Das Buch „Nicholas Nickleby“, welches Dickens 1839, ein Jahr nach „Oliver Twist“ herausbrachte, fand hingegen weniger cineastische Beachtung. Bislang existierte nur eine bekannte Fassung von Alberto Cavalcanti aus dem Jahr 1947. Nun hat sich Douglas Mc Grath („Emma“) an eine Neuverfilmung des Buches herangewagt. Daß „Nicholas Nickleby“ vergleichsweise schwache Beachtung gefunden hat, mag an dem aus heutiger Sicht geringen Innovationsgehalt des Stoffes gelegen haben. Auch in dieser Geschichte spielt die Hauptrolle ein Halbwaise, der nach dem Tod des Vaters in finanzielle Nöte gerät und die Schlechtigkeit sowie den Unterdrückungs- und Ausbeutungscharakter der Erwachsenenwelt kennenlernen muß. Im Unterschied zu Oliver Twist und David Copperfield allerdings handelt es sich bei Nicholas Nickleby um kein Kind, keinen Jugendlichen mehr, sondern um einen erwachsenen jungen Mann, der nicht direkt den Qualen des Unterdrückungssystems ausgeliefert ist, sondern diese vielmehr als Zuschauer und gutherziger Helfer „von außen“ wahrnimmt. Nickleby (Charlie Hunnam) reist nach dem Tod des Vaters mit seiner Mutter und Schwester nach London, um den reichen Onkel Ralph (Christopher Plummer) um Hilfe zu bitten. Der Onkel allerdings verhält sich keineswegs wohlwollend, sondern reißt die Familie auseinander. Nicholas wird als Lehrer auf eine Landschule für Waisenkinder geschickt, die von dem hartherzigen und gewalttätigen Wackford Squeers (Jim Broadbent) geleitet wird. Schläge, schlechtes Essen und trostlose Wohnverhältnisse bestimmen den dortigen Alltag. Nicholas rebelliert gegen die Verhältnisse und freundet sich mit dem Jungen Smike (Jamie Bell) an, der von der Schulleitung wie ein Leibeigener gehalten wird – ein gutmütiger, aber seelisch und körperlich verkrüppelter Mensch. Zusammen mit Smike flieht er aus dem tristen Haus und begibt sich auf eine abenteuerliche Wanderschaft. Durch die zwar eingreifende, aber ansonsten eher „distanzierte“ Rolle des Nicholas Nickleby hatte die Geschichte weniger Chancen, verfilmt zu werden, als jene um Oliver Twist und David Copperfield, die als Protagonisten die Welt bösartiger Erwachsener unmittelbarer erfuhren. Zwar übernimmt der Junge Smike diese Opferrolle, verkörpert die geschundene Kreatur, doch handelt es sich bei ihm letztlich nur um eine Nebenrolle. Onkel Ralph, der hartherzige Reiche, wurde von Dickens in späteren Jahren zur Figur des Ebenezer Scrooge ausgebaut, bleibt aber bei „Nicholas Nickleby“ noch verhältnismäßig stereotyp, unerklärt, hinsichtlich seiner psychologischen Hintergründe unklar agierend. Regisseur und Drehbuchautor Douglas McGrath hat dennoch in bisweilen monochrom gehaltenen Bildern aus diesem Stoff einen anrührenden Film vor viktorianischer Kulisse geschaffen. Ein Film für das Gemüt – nostalgisch zwar, aber professionell von einer Starriege gespielt, und beseelt von der Vision einer menschlicheren Welt.

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