Bruder Lau

Mit seiner verbalen Gleichsetzung des Kopftuchs muslimischer Frauen und des christlichen Kreuzes hat unser Bundespräsident die Gültigkeit des von ihm selbst gewählten Amtsmottos „Versöhnen statt spalten“ eindrucksvoll widerlegt. Das Kreuz, die Essenz des christlichen Glaubens, mit einem nicht-kanonisierten Bekleidungsstück in eins zu setzen, ruft glücklicherweise selbst bei nahestehenden Persönlichkeiten Unmut hervor. Wenn Johannes Rau zudem die Ordenskleidung aus den öffentlichen bekenntnisfreien Schulen verbannt sehen will (wo sie per Gerichtsentscheid seit langer Zeit nicht mehr getragen werden darf), zeigt dies die Defizite des Staatsoberhauptes in rechtlichen Dingen. Ganz zu schweigen davon, daß auch der von Rau hervorgehobene weltanschaulich neutrale Staat sehr wohl Religionsgemeinschaften unterschiedlich behandeln darf. Wie flexibel, um nicht zu sagen lau, sein Umgang mit persönlichen Überzeugungen ist, bewies Rau schon öfter. Zog es den gelernten Verlagsbuchhändler zunächst als Ziehsohn des späteren Bundespräsidenten Gustav Heinemann aus „Engagement für die deutsche Einheit“ 1952 in die Gesamtdeutsche Volkspartei, verantwortete der 1957 dann in die SPD übergewechselte Rau als Vorstandsmitglied dieser Partei ab Mitte der achtziger Jahre ihre offizielle Abkehr vom deutschen Nationalstaat mit. Daß darüber hinaus der „überparteiliche“ Bundespräsident Rau nun von den Parteien und den Bürgern die Bereitschaft zu grundlegenden Veränderungen einfordert, ist eine ziemliche Chuzpe: Die heute für notwendig erachteten „schmerzlichen“ Reformen sind schließlich nichts anderes als ein Rückgängigmachen aller sozialdemokratischen „Reformen“ der siebziger Jahre; während die Regierungspartei SPD sich derzeit gerade in Sachen Bildung und Wirtschaft die Förderung der wissenschaftlichen Elite und den Subventionsabbau auf die Fahnen schreibt, preist die offiziöse Präsidentenbiographie Rau als „Reformpolitiker“, der ab 1970 als Bildungsminister sein Land Nordrhein-Westfalen flächendeckend mit Gesamtschulen überzog und von 1978 bis 1998 als Ministerpräsident großzügig die Steinkohle aus dem Fiskus der Steuerzahler finanzieren ließ. Vor diesem Hintergrund mag es dann nicht mehr verwundern, daß sich ausgerechnet der aus fromm-reformiertem Haus stammende Rau, geboren 1931 in Barmen, der selbst in der kirchlichen Jugendbewegung und als Synodaler in der Rheinischen Kirche engagiert war, zum Fürsprecher derjenigen macht, die im nicht-laizistischen Deutschland den Koran gleichberechtigt neben Altes und Neues Testament stellen wollen oder Religion als „Opium des Volkes“ gleich zur Privatsache erklären. Ach, „Bruder Johannes“, hättest du doch geschwiegen und Dich auf das gern von Dir zitierte Buch der Bücher berufen. Dort heißt es im Brief an die Epheser im 4. Kapitel: „Lasset kein faul Geschwätz aus eurem Munde gehen, sondern was nützlich ist zur Besserung.“

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