„Der Tod ist ein schönes Erlebnis“

Mit 23 Ehrendoktortiteln war die Schweizerin Elisabeth Kübler-Ross die wissenschaftlich am meisten ausgezeichnete Frau der Welt. Ihre größte Lebensleistung ist, daß sie weltweit Tod und Sterben enttabuisiert oder – wie sie selbst sagte – „aus der Toilette geholt“ hat. Die Frau hatte Hunderte von Sterbenden in ihrem Arm gehalten. Ihre 22 Bücher zum Thema Sterben sind in 25 Sprachen übersetzt. Daß heute Zehntausende Sterbende auf der ganzen Welt menschenwürdig betreut sich auf das Sterben vorbereiten können, ist auch ihr Verdienst. Ich hatte Elisabeth Kübler-Ross erstmals vor fünf Jahren mit meinem Fernsehteam in ihrem abgelegenen Haus in der Wüste von Arizona besucht. „Wenn Sie unanständige Fragen stellen, bekommen Sie einen Karateschlag“, drohte sie zur Begrüßung und ballte die schwachgewordene Faust. „Der Tod ist eine beglückende Erfahrung. Es gibt gar keinen Tod. Der sogenannte Tod ist ein Übergang in eine andere Dimension“, erklärt sie mir. Was ist ein Übergang, will ich wissen. Glaubt sie wirklich daran? „Ich glaube gar nichts. Ich weiß.“ Darauf besteht sie als Wissenschaftlerin immer wieder. „Sind Sie ganz sicher?“ – „Hundertprozentig, hundertprozentig. Ich habe auch eigene Nahtod-Erlebnisse.“ Über solche Themen scherze sie nicht, meint sie lachend. Niemand sterbe allein, sagte, schrieb und lehrte Elisabeth Kübler-Ross vierzig Jahre lang. Auf jeden Sterbenden warteten „drüben“ die Menschen, die ihm am nächsten standen. „Das läßt sich erforschen. Viele Sterbende, die bereits einen Blick hinüber werfen konnten, aber wieder reanimiert wurden, haben mir das erzählt.“ Ich bleibe skeptisch. Kann das alles nicht auch eine Täuschung, eine Halluzination sein? Mit tiefem Ernst erzählte sie von ihrer Arbeit mit sterbenden Kindern nach einem Autounfall. Diese Kinder hätten nicht wissen können, daß im Nachbarkrankenhaus zehn Minuten zuvor ihr Bruder und ihre Mutter starben, die ebenfalls schwer verletzt worden waren. Aber sie hätten ihr gesagt: „Frau Dr. Ross, mein Bruder und meine Mutter warten schon auf mich.“ Die Sterbeforscherin hatte diese Aussagen der Kinder ernst genommen und erst später erfahren, daß Bruder und Mutter tatsächlich zu dem Zeitpunkt der Aussage des sterbenden Kindes schon tot waren. Kann Elisabeth Kübler-Ross durch ihre Erlebnisse mit Sterbenden und aus Tausenden von Sterbeprotokollen, die sie gesammelt hat, den Moment des Todes näher beschreiben? „Der Moment des Todes ist ein ganz befreiendes, schönes Erlebnis. Man löst sich von seinem körperlichen Körper. Man beobachtet seinen Körper von oben ohne Angst und ohne Schmerzen und ohne Heimweh. Sterbende haben Glücksgefühle. Der Glückszustand der Transformation vom körperlichen zum körperlosen Zustand ist unbeschreiblich schön.“ Die weitverbreitete Angst vor dem Sterben führte die Sterbeforscherin auf die heutige Angst vor dem Leben zurück. Es gebe zu wenig Urvertrauen in das Leben. Beim Abschied sagte sie mir: „Ich freue mich auf den Tod. Ich will bald durch die Galaxien tanzen.“ Am 24. August starb sie 78jährig in ihrem Haus in der Nähe von Phoenix. Dr. Franz Alt moderierte von 1972 bis 1992 das ARD-Magazin „Report“ und von 2000 bis 2003 die 3sat-Sendung „Grenzenlos“.

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