Zur Audienz bei Rodrigo Borgia

Eine Agenturmeldung erschüttert die (katholischen) Gläubigen: Der Staat mit der höchsten Kriminalitätsrate in der Welt ist der Vatikanstaat. Diebe, Betrüger und Beleidiger sind dort zugange, und zuweilen kommt es auch zu Mord und Totschlag. Man erinnert sich des spektakulären Falles von 1998, als ein Hellebardenträger der Schweizergarde aus Eifersucht erst seinen Chef und dessen Ehefrau erschoß und anschließend die Waffe gegen sich selbst richtete. Wo das Rettende ist, wächst nun mal auch Gefahr. Die Kriminalgeschichte des Vatikans kennt Höhen und Tiefen, und manchmal war sogar das Oberhaupt direkt involviert. Papst Alexander VI. aus dem Geschlecht der Borgias, der im Schlüsseljahr 1500 das Pontifikat innehatte, galt als der „Todesengel Roms“. Er war ein geschickter Politiker und skrupelloser Renaissancefürst mit vielen Kindern, die alle versorgt sein wollten. Wer bei Alexander zur Audienz gebeten war und ihm die Hand küßte, mußte mit dem Schlimmsten rechnen, denn der Ring an der Kußhand des Papstes enthielt eine Giftspritze, die gegebenenfalls voll geladen war. Man kann historisch schon nachvollziehen, daß damalige Reformatoren in ihren Schriften den Papst als Teufel hinstellten und seinen schönen Vatikanstaat als Höllenpfuhl. Aber das ist lange her. Das heutige Regiment des Karol Woytila aus Krakau in Polen hat nicht das geringste zu tun mit dem des Rodrigo Borgia aus Valencia in Spanien, die Agenturmeldung spiegelt weniger Wirklichkeit wider als die Fallstricke der Statistik. Ein Staatswesen mit nur einigen hundert Staatsangehörigen wartet bei statistischen Erhebungen eben stets mit dramatischen Prozentzahlen auf. Da genügt die Tat eines einzigen eifersüchtigen Hellebardiers oder eines einzigen ungetreuen Meßdieners, der eine kleine kostbare Handschrift hat mitgehen lassen, um groteske Perspektiven in die Welt zu setzen.

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