Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Virtuelles Erinnern

Eine klassische Gedenkstätte braucht einen bestimmten Ort und einen entsprechenden Bau, sei es eine Statue oder eine Ausstellung. Der Vorteil einer solchen Lösung liegt auf der Hand: Für den Besucher gibt es etwas „zum Anfassen“, er begreift in ihrer physischen Wirklichkeit die Botschaft des zu Erinnernden. Allerdings muß der Interessierte zur Besichtigung unter Umständen weite Strecken in Kauf nehmen. Die Denkmalsetzer haben außerdem das Problem, erstmal genügend Geld zusammenzubringen, um das Projekt überhaupt realisieren zu können. Von den rechtlichen Auflagen ganz zu schweigen. In Zeiten virtueller Wirklichkeiten kann man eine Gedenkstätte viel einfacher einrichten: Man muß nur eine Netzadresse registrieren lassen, und schon kann’s losgehen mit der Erstellung rechnergestützter Monumente, die potentiell in Millionen Haushalten auf der ganzen Welt gleichzeitig zu bestaunen sind. Der finanzielle Aufwand ist minimal, aber die Wirkung und Würde des Denkmals müssen nicht weniger eindrucksvoll sein als bei gemauerten Varianten – im Gegenteil. Ein sehr gelungenes Projekt ist das „Virtuelle Museum. Dokumente wider das Vergessen“, das im Netz unter www.bombenkrieg.net zu besichtigen ist. Alle Seiten sind in einem grünlich-grauen Hintergrund gehalten, in dem man skizzenhaft Fotos zerbombter Städte und Leichenberge sieht. Ein Leser der JF hat hier die Beilage „Der Tod fiel vom Himmel“ (JF 8/03) eindrucksvoll aufgearbeitet. Klickt man das Bild auf der ersten Seite an, wird man zu einem Text geleitet, der Zeitzeugen auffordert, ihre Erlebnisse aus der Zeit des alliierten Bombenterrors zwischen 1940-45 zu schildern. Auf der linken Bildschirmseite kann der Besucher die Städte Hamburg, Berlin und Dresden direkt anklicken, um mehr über ihre Zerstörung zu erfahren. Weitere Städte findet man über eine kleine Suchmaschine, ebenso alle Zahlen des Bombenterrors nach Jahreszahlen geordnet. Hilfreich sind auch die angebotenen Bücher zum Thema, wenngleich mit drei Titeln – darunter „Der Brand“ von Jörg Friedrich – die Möglichkeiten noch lange nicht ausgeschöpft sind. Hier sollte mit der Zeit eine ganze Bibliothek zum Bombenkrieg einsehbar und bestellbar sein. Die Seite mit den „Nachwirkungen“ ist leider noch nicht fertig. Es erschließt sich so auch nicht, welche Nachwirkungen hier dokumentiert werden sollen: die des virtuellen Museums – zum Beispiel durch die Veröffentlichung von Zuschriften? Oder will man die Situation in den zerstörten Städten nach 1945 in einem eigenen Kapitel thematisieren? Die Wirkung eines virtuellen Museums ist in Zeiten überschäumenden Datenmülls im Netz von seinem Bekanntheitsgrad abhängig. Daher ist es nur richtig, wenn die Macher des Projekts den Besucher dazu auffordern, die Seite weiterzuempfehlen. Aber nicht nur das: Über die E-Post-Adresse info@museum-bombenkrieg.de will man weitere Zeitzeugen dokumentieren. Denn fest steht, daß man niemals ganz genau erfahren wird, wie viele Menschen in den Gluthöllen der ausgebombten Städte umgekommen sind. Auch die hier dokumentierten Zahlen beruhen nur auf vorsichtigen Schätzungen. Aber je mehr Zeugen des Grauens ihre Erinnerungen der Nachwelt hinterlassen, desto klarer wird die Dimension der Vernichtung. Wenn dabei außerdem noch Einzelschicksale von Vermißten recherchiert werden können, so ist das von unschätzbarem Wert. Der Besucher dieses virtuellen Museums kann mit der Präsentation nur zufrieden sein. Auf multimediale Effekte wurde bewußt verzichtet, so daß die minimalistischen Hintergrundbilder ihre volle Wirkung entfalten können. Vielleicht würde der Horror noch deutlicher, wenn die Seiten mit dem Brummen nahender Bombergeschwader akustisch unterlegt wären. Die einzige sich bewegenden Darstellung auf einigen Seiten ist ein kleine, flackernde Opferflamme. Sie unterstreicht, daß der Besucher sich eigentlich auf einem riesigen Gräberfeld unschuldiger Zivilisten befindet. Mehr Bedrückung kann auch eine reale Gedenkstätte kaum leisten. Internetseite www.bombenkrieg.net : Auf multimediale Effekte wurde im Interesse des Nutzers bewußt verzichtet

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