Seelisch auf der Landstraße

Die Autobusse schwankten wie in schwerer Trunkenheit, als könnten sie sich nur dadurch aufrechterhalten, daß sie in taumelnde Schlingen rannten. Die Räder mahlten im Asphalt. Das Kreischen der Signale kämpfte sich durch die gelähmte Luft. Die tausend Schreie der Straße, der Takt des Jetzt, zuckten rasend hintereinander her wie elektrische Entladungen. Nur die Menschen, hastig gleitend, glichen einem chinesischen Schattenspiel auf einer grellen gelben Leinwand.“ Paul Gurk, aus dessen 1927 erschienenen Roman „Berlin“, einem der bemerkenswertesten Bücher der Weimarer Republik, diese Sätze stammen, gehört zu jenen Dichtern, deren Bekanntheitsgrad im umgekehrten Verhältnis zu ihrem Talent steht. Er war einer der begabtesten, vielseitigsten und fruchtbarsten Erzähler, Lyriker, Dramatiker und Maler seiner Epoche, und doch blieb er zeitlebens verkannt und wurde nach seinem Tod von einem Kulturbetrieb, der „Außenseiter“ nur ungern goutiert, schnell vergessen. Und Gurk war in der Tat „eine der sonderbarsten Erscheinungen des deutschen Schrifttums der letzten Jahrzehnte“, wie Herbert Güther, der ihn gut gekannt hat, in seinen Erinnerungen „Drehbühne der Zeit“ 1957 schrieb. Dreißig Bände sind von ihm erschienen: Romane, Novellen, Erzählungen, Fabeln, Legenden, Gedichte, Aphorismen und Dramen, wobei diese veröffentlichten Werke nur einen winzigen Teil im Vergleich zu den unveröffentlichten ausmachen. 50 Bühnenwerke, 30 Romane, 53 Novellen, zahlreiche Gedichte, Märchen, Grotesken und Laienspiele sollen noch ungedruckt vorliegen. Daneben noch etwa 600 Aquarelle, Zeichnungen, Ölgemälde und Radierungen, denn Gurk betätigte sich auch als Maler. Am 26. April 1880 als Sohn eines Postkutschers in Frankfurt an der Oder geboren, wuchs Paul Gurk nach dem frühen Tod des Vaters bei dessen Bruder in Berlin auf. Die Familie war arm, und so war er genötigt, noch vor der mittleren Reife die Schule zu verlassen. Nach einer zweijährigen Ausbildung auf einem Lehrerseminar bekam er im Alter von 20 Jahren eine Stellung als Bürogehilfe beim Berliner Magistrat. Anfang der zwanziger Jahre begann er – unterstützt von Kollegen wie Max Tau und Julius Bab – zu publizieren. Für sein Drama „Thomas Müntzer“ erhielt er 1921 den Kleist-Preis. Drei Jahre später ließ er sich als Stadtobersekretär im Hauptstandesamt freiwillig in den „Wartestand“ versetzen, um fortan als freier Schriftsteller zu leben. Gurk produzierte nun wie besessen, aber eigentlich schrieb er nur für sich selbst. In seinen Anmerkungen zum „Berlin“-Roman findet sich folgendes Geständnis: „Ich schreibe ausschließlich für mich, unter schauderhaften Umständen, einsam und in einer bis zur Ausschließlichkeit, zum körperlichen Leiden gehenden Menschenscheu. Ich wandere seit Jahren seelisch auf der Landstraße und werde vermutlich auch körperlich auf der Landstraße enden. Das Leben eines wirklichen Schriftstellers mit Sekretärin, Telefon, Landhaus und öffentlicher Menschenliebe liegt mir so außerhalb jeder Vorstellung, daß ich es nicht mehr ertragen könnte.“ Konsequent verweigerte sich der eigensinnige und einzelgängerische Außenseiter, bedrängt von Visionen und getragen von den ihm innewohnenden Mythen, dem bürgerlichen Leben. In private Phantasiewelten verstrickt, schrieb er unentwegt gegen seine Einsamkeit an, dichtete, malte und zeichnete und hielt sich mitten in der brodelnden Metropole Berlin, wo er allein in einer dunklen Hinterhofwohnung im Wedding hauste, vom gleißenden Literaturbetrieb fern. Ähnlich wie die Protagonisten seiner Romane und Erzählungen bewegte er sich auf einem schmalen Grad zwischen Verzweiflung und Lebensmut. Nur das Schreiben rettete ihn vor dem Wahnsinn und garantierte ihm eine, wenngleich armselige Existenzgrundlage. Der 1927 erschienene Roman „Berlin“ mit dem von ihm selbst gewählten Untertitel „Vom Sterben der Seele“ beschreibt das zentrale Thema des Schriftstellers: das Sterben der Seele an der Zivilisation und der Technik. Held des Romans ist der ambulante Buchhändler Eckenpenn, wie der Dichter selbst ein kauziger Sonderling, der die Stadt zugleich liebt und verflucht: „Warum hat mich die große Zauberin Stadt besprochen, daß ich sie liebe, ohne sie vergewaltigen zu können? Daß sie mir Landschaft geworden ist und für mich die Welt in die Stadt preßte! Daß ich sie hasse, ohne ihr entrinnen zu können! Ihre Schönheit anbete und ihre Häßlichkeit verabscheue …“. In der Großstadt, dem Dämon, „der keinen werden läßt, was er eigentlich ist“, inkarniert sich die seelenlose Zeit und bereitet den Untergang des Einzelnen vor, dessen träumende Seele dem Dämon gleichwohl verfallen ist. Der resignierte Romantiker und Idealist Eckenpenn, das Herz der Stadt suchend, die „das Land auffrißt und zu Technik verdaut“, muß schließlich erkennen, „daß er nicht bloß der Buchtrödler Eckenpenn sei, der ärmliche, ungeschickte und machtlose Mensch, sondern daß in ihm die Seele der Stadt sterben müsse“. Nachdem er alle Stufen der Einsamkeit, Verlassenheit und grausamen Fremdheit im Innern des Molochs Stadt erfahren hat, bleibt ihm nur der Freitod. Doch selbst im Augenblick des Todes kommt er nicht von ihr los: „Draußen leuchtete die rasende elektrische Lichtreklame für eine neue Zigarettenmarke ‚Berlin‘ auf. Der Name, grün flammend, wurde von gelben und blauen, unablässig aufzuckenden Ringen anbetend umkreist. Die Augen des toten alten Mannes starrten auf das Wort. Er streckte ihm die Zunge heraus, dem verfluchten, geliebten Berlin.“ Gurks großartiger „Berlin“-Roman, dessen Psychogramm einer Metropole als Alternative zu Döblins „Alexanderplatz“ galt, enthält bemerkenswerte Ahnungen vom heutigen Leben in den modernen Städten. In Berlin spielt auch die Handlung von „Tresoreinbruch“ (1935). Gurk erzählt hier die Geschichte der berüchtigten Gebrüder Sass, denen Ende der zwanziger Jahre ein legendärer Bankeinbruch gelang. Das NS-Regime zog das Buch, das von der Struktur eines seiner besten Werke ist, jedoch aus dem Verkehr, da es angeblich zuviel Verständnis für das Verbrechen zeigte. Schwierigkeiten mit dem Amt Rosenberg bekam er auch mit seinem Metternich-Roman „Der alte Fürst“. Unter dem Pseudonym Franz Grau schrieb er in den vierziger Jahren die Trilogie „Wendezeiten“ und den Roman „Iskander“. Die Jahre bis zum Ende des Krieges verbringt Gurk bei den Eltern seiner Haushälterin in Nienstedt im Harz. Immer wieder wird er in dieser Zeit der „Inneren Emigration“ von schweren Depressionen, Ängsten und Todessehnsucht heimgesucht. Dennoch schreibt er auch hier in seinem Harzer „Exil“ einige bemerkenswerte Gedichte. Nach dem Krieg kehrte Gurk nach Berlin zurück. 1949 erschien sein Roman „Laubenkolonie Schwanensee“, der wie „Berlin“ und „Tresoreinbruch“ in den achtziger Jahren wieder aufgelegt wurde. Im Alter von 73 Jahren starb Paul Gurk am 12. August 1953 in Berlin. Aus seinem Nachlaß wurde vier Jahre später der Roman „Ein ganz gewöhnlicher Mensch“ veröffentlicht. Das Buch ist nicht nur das autobiographische Porträt eines Mannes, der gerade dem Krieg entronnen ist, sondern ein bitter-melancholischer Abgesang eines erfolglosen Schriftstellers. Gurk war „ein Irrationalist, der große Mythen gestaltete, ein konservativer Anti-Bürger, unpolitisch und asozial, ein pessimistischer Romantiker, ein Träumer, der gleichwohl seine Träume ironisch seziert“ (Hans J. Schütz). Im Vorspruch zu „Tresoreinbruch“ hatte er 1934 geschrieben: „Das Urteil des Künstlers über sich ist sein Werk. Jedes Urteil nach Voraussetzungen, Gesinnungen oder Zeitwirkungen ist ein Fehlurteil. Dies vorausgeschickt, spreche ich von einem verschollenen Leben ohne Wirkung, von einer Einsamkeit und Gedrücktheit, von dem Dasein eines Rang- und Namenlosen, dessen innere Gedanklichkeit in einem kaum zu beschreibenden Gegensatz zu seinem äußeren Leben steht. Daß dieses Leben das meine ist, ist zufällig“. Fotos: Reges Treiben auf dem Potsdamer Platz in Berlin (1924): In seinem Berlin-Roman beschreibt Paul Gurk die Großstadt als Dämon, „der keinen werden läßt, was er eigentlich ist“ / Paul Gurk (1880-1953)

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