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Europa der Polizisten, Staatsanwälte, Generale und Bankiers

Gelegentlich lohnt es sich, den vertrauten deutschsprachigen – und meist politisch korrekten – Medien den Rücken zu kehren und sich stattdessen im Ausland zu informieren – dort, wo man viele Dinge nicht so verkrampft betrachtet und kommentiert. Sehr zu empfehlen ist in dieser Hinsicht der Mailänder Corriere della Sera – eine der führenden, wenn nicht die führende Tageszeitung Italiens. Am 19. Juli veröffentlichte der Corriere eine Kolumne seines Leitartikels Piero Ostellino unter der Überschrift „Der Realismus und die zwei Konformismen“. Der frühere Corriere-Chef und heutige Starkolumnist stellt in dieser ebenso einflußreichen wie auflagestarken Zeitung die These auf, daß sowohl die europäische Linke wie die europäische Rechte (er meint in beiden Fällen die moderate, nicht die jeweils extreme Variante) versagt hätten. Sie seien beide am Ende ihres Lateins angelangt. Für die Rechten sei es „weniger wichtig“, daß die Iraker von einem Tyrannen befreit wurden, der jedes Jahr „Tausende von Menschen, darunter Frauen und Kinder ermordete“. Ostellino (einst Moskau-Korrespondent) stellt Saddam Hussein in eine Reihe mit Stalin, Mao und Fidel Castro. Auf der politischen Linken, so setzt er fort, sei das Interesse für die einfachen Leute womöglich noch geringer – denn die (linke) „Idee“ sei heute „tot und begraben“. Heute lägen die Interessen und die eigene Legitimierung in einem „Establishment“, welches seine Aufmerksamkeit ausschließlich auf die Konservierung des Status quo und auf die Wahrung eigener Privilegien konzentriert. Sowohl die rechte wie die linke Mitte hätten sich längst damit abgefunden, „daß das vereinte Europa außerhalb jeglicher demokratischen Logik entsteht“ und daß dieses Europa „im Rahmen eines institutionellen Zentralismus“ sowohl bürokratisch als auch „fundamental autoritär“ in Erscheinung tritt. Weder Linke noch Rechte scheinen sich darüber Sorgen zu machen, daß „das nun entstehende Europa nicht das Europa der Völker, sondern jenes der Polizisten, der Staatsanwälte, der Generale und der Bankiers ist“. Am Schluß seiner Kolumne, die den bezeichnenden Titel „Il dubbio“ – der Zweifel – trägt, empfiehlt Ostellino seinen Lesern die Lektüre eines Buches von Daniele Capezzone „Ein radikaler Schock für das 21. Jahrhundert“ (Uno shock radicale per il 21° secolo). Es biete einen „Mundvoll frischer Luft“ inmitten von soviel „opportunistischem Konformismus“ und „politischer Korrektheit“. Ostellinos Beitrag erschien nicht am Rande des politischen Spektrums, sondern in seinem Zentrum. Doch der Corriere scheut sich nicht, auch auf anderen Gebieten heiße Eisen anzupacken. Bezeichnend ist, daß sich das Blatt an den EU-Mythos herantraut, der in mitteleuropäischen Breiten so unkritisch gepflegt wird. „Auch hier, in der rechten wie in der linken Mitte“, schreibt Ostellino, „ist nur eines wichtig: vom Establishment akzeptiert zu werden.“ Das sind fast revolutionäre Töne. Der italienische Autor ist der Meinung, daß sich sowohl die Linke wie die Rechte von ihren einstigen Wurzeln – auch von der Verbindung zum Wählervolk – verabschiedet haben. Ein durchaus unvoreingenommener Leser des Corriere meinte ironisch, in Deutschland hätten sich der Autor und die Zeitung längst für eine Aufnahme in den Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen qualifiziert. Wäre es nicht ketzerisch und politisch weitgehend unkorrekt – man möchte sich einen deutschen Piero Ostellino wünschen.

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