„O meine Freunde, wären wir unsterblich“

Baudelaire sagt einmal, die altmexikanische Kunst sei vollkommen „barbarisch“. Das meint, sie ist nicht anthropomorph, weist den uns vertrauten Humanismus zurück. Tatsächlich wirkt die Ästhetik dieser alten Kultur auf westliche Augen schockartig, indem sie drastisch auf das Numinose als das „ganz Andere“ verweist und den Menschen einem mysterium tremendum aussetzt. Vielleicht dachte der Literat an die rote Porphyrfigur des Quetzalcoatl im Louvre, dessen Gesicht uns mit geöffneten Augen und Mund anstarrt, während sein „gefiederter“ Schlangenleib sich zu einem kompakten Block verknäult hat. Einem Meteor gleich, fesseln exotische Gestalt und magische Aura den Betrachter. Zahlreiche Relikte der zerstörten Kultur, die der Berliner Gropius-Bau in einer gerade zu Ende gegangenen, sensationellen Ausstellung gezeigt hat, verstören durch ihre ästhetische und spirituelle Radikalität. Sie sind auch dem abgebrühten Flaneur eine Herausforderung. Riesenhafte Kröten und Heuschrecken hocken hinter Glas, steinerne Priester, angetan mit der abgezogenen Haut Geopferter huldigen dem Xipe Totec, „unserem geschundenen Herrn“ des Frühlings, subtiler Goldschmuck strahlt wie die Sonne selbst, ein riesiges Rundrelief zeigt die zerstückelte Mondgöttin in rasender Kreisbewegung, dahinter reich gestaltete Vegetationsgötter, deren orgiastische Dekorationen und riesenhaft wuchernder Kopfschmuck an bizarrer Phantastik die altägyptische Ikonographie noch überbieten. Wirklich zeigt die künstlerische Formensprache einen charakteristischen Bildgestus, der den Besucher in seinen Bann zieht. Solch archetypische Momente sind uns von historischen Stilfiguren her vertraut: die heitere Anmut und Trauer griechischer Statuen, der „heroische Realismus“ römischer Porträtplastik, die Rätselhaftigkeit der ägyptischen Götter, die durch die Ewigkeit auf uns zu schreiten, oder die erhabene Verklärung und der innere Glanz, aus dem die Bodhisattvas leuchten. Daneben jetzt also der expressive Symbolismus aztekischer Kunst, die über die naturalistische Beobachtung hinaus „eine weitere Realität (aufdeckt): die unfaßbare, verborgene Essenz der Welt, die auf ihren göttlichen Ursprung hindeutet, und die grundlegende Verbindung zwischen Tieren, Pflanzen, Mineralien, Gestirnen und Elementen, welche sich in ständiger Interaktion mit der komplexen, unteilbaren Einheit des Kosmos befinden“. Die Azteken waren letzte Erben und imperiale Großmacht einer langen Kulturtradition in Mesoamerika, einem Gebiet, das sich von Zentralmexiko bis nach Honduras erstreckt und das bei Ankunft der Spanier (1521) im Süden von den Stadtstaaten der Mayas, nördlich vom aztekischen Großreich eingenommen wurde. Die Azteken, die sich selber „Mexica“ nannten, waren erst spät von Norden ins mexikanische Hochtal eingewandert, wo sie 1325 ihre Hauptstadt Tenochtitlan, heute Mexiko-Stadt, gründeten. Ihr schneller Aufstieg zur Macht und die kulturelle Blütezeit von nur 200 Jahren wurden zum Endpunkt in der Entwicklung der altmexikanischen Völker und ihrer archaischen Hochkultur. Ihrem imperialen Glanz entsprach auch ihre riesige Hauptstadt, die zur Zeit der Conquista mit 250.000 Einwohnern größer war als jede europäische Metropole. Den Eintritt Mesoamerikas in die hochkulturelle Periode begleitete ein Urbanisierungsprozeß. Dessen Keimzelle waren monumentale Kultbauten, die sich zu komplexen „Zeremonialzentren“ inmitten einer noch dörflichen Umgebung ausgestalteten. Die als Ruinenstädte noch heute eindrucksvollen Sakralbezirke umfaßten stufenpyramidale Tempelbauten mit Gipfelheiligtümern, Plätze, Terrassen, rituelle Ballspielplätze, große Freitreppen, Säulenhallen und Prozessionsstraßen. Prinzip und Motor der sozialen Integration wurden somit Glaube und Kult. Deren kosmische Denkform begründete die altamerikanische Gesellschaft, indem sie ein ideelles Universum schuf, dessen Symbol die sakrale Stadt selbst war. Die Unterscheidung heilig/profan entwickelte eine Weltstruktur, einen „effektiven Raum“, der Orientierung ermöglichte, ein „Organisationsmodell“, das Architektur, Gesellschaft, Ritus, Himmelskörper und Königtum aufeinander bezog. Solch „kosmomagisches“ Denken entsteht durch die Parallelisierung natürlicher Zyklen mit der menschlichen Kulturtätigkeit. Es zielt ab auf die Herstellung eines harmonischen Gleichgewichts von Mensch und All und den Aufbau einer universalen Sinntextur. Das Analogiesystem von Mikro- und Makrokosmos stellt dabei überall sympathetische Entsprechungen her, erzeugt so ein mythisches Weltbild. Blut war die heilige Nahrung des Kosmos So ist der Tempel ein sakraler „Berg“, der Annäherung an die Götter erlaubt. Geometrisch und ikonographisch symbolisiert er Erde und Himmel, chiffriert also eine imago mundi, wie die gotische Kathedrale das himmlische Jerusalem. In Tenochtitlan unterteilten die Azteken ihre Stadt nach Quadranten, deren Bebauung und Funktion mit der Symbolik der Himmelsrichtungen zusammenging. Im Kreuz der großen Achsen errichtete man den templo major als Zentrum des riesigen Sakralbezirks: Hier lag die Mitte des Universums. Den vier ersten (von 13) Himmelsphären entsprachen die Etagen des gewaltigen Bauwerks, dessen Abstieg ins Totenreich man sich unter der Basis spiegelbildlich dachte. Durch seine absolute Zentralität verband der templo major vertikal alle kosmischen Zonen wie eine axis mundi, die den Himmel stützt. Damit überbot die archetypische Fünfzahl als räumliches Muster hier das Quadrat, sonst Inbegriff heiliger Ganzheit. Analog hierzu die Weltalterlehre der Azteken. Nach dem katastrophalen Ende von vier kosmischen Zyklen befand man sich jetzt im Zeitalter der „fünften“, der „letzten Sonne“. Kritisch waren auch deren Aussichten. Die Angst vor der Instabilität des Kosmos war eine kollektive Obsession, die in aztekischen Schöpfungsmythen wurzelte. Kosmos und zeitliche Ordnung waren durch göttliches Selbstopfer entstanden, blieben gleichwohl gefährdet. Das verpflichtete nun den Menschen, sich am göttlichen Heilswerk zu beteiligen. Er war mitverantwortlich für die Existenz der Sonne, kosmischer Garant allen Lebens. An ihrem Umlauf orientierte sich der Sonnenkalender mit seinen 365 Tagen; 260 zählte der Ritualkalender. Beide wurden einem großen System integriert, dessen 52 Jahre dem aztekischen „Weltenjahr“ entsprachen. Nach diesen 18.980 Tagen trafen Ritual- und Sonnenkalender zusammen, ein großer Zyklus endete. Das „Fest des großen Feuers“ löschte dann alle Lichter. Die ganze Welt verfinsterte sich, und entsetzt hielt das Volk den Atem an, ob die rituelle Entfachung der neuen Flamme gelänge und das Licht ins Leben zurückkehre. Da das Risiko eines Sonnentodes bestand, mußte dem Gestirn Energie zugeführt werden. Die heilige Nahrung des Kosmos aber war Blut, das absolute Lebenselixier. Nur das Opfer von Menschen, ihr Herz und Blut, konnte das Universum als lebendigen Organismus magisch wieder aufladen. Das makabre Blutsakrament ist anstößig. Es schockierte auch die ersten spanischen Eroberer. Doch bleibt die Gewaltfrage ambivalent. Zwar war die aztekische Kultur grausam und kriegerisch. Große Bedeutung kam den beiden Kriegerorden zu, deren Totemtiere Jaguar und Adler eine mystische Schicksalsgemeinschaft zwischen soldatischem Mut und kosmischer Souveränität stifteten. Doch gingen die Gefallenen nach ihrem Tod, gemeinsam mit den rituell Geopferten und den im Kindbett verstorbenen Frauen, ins Jenseitsreich der Auserwählten ein und stiegen, Adlern gleich, mit der Sonne auf. Reine Gewalt, bloße Machtgier war unbekannt, Leben und Tod vielmehr komplementär aufeinander bezogen, Gnade und Opfer ineinander verschlungen. Die Sehnsucht der Azteken drang auf die Überwindung von Zeit und Tod, die der altmexikanische Hauptgott Quetzalcoatl verkörperte, in dem Schlange und Vogel miteinander verschmolzen. Als „gefiederte Schlange“ brachte er seine Souveränität auf Erden und im Himmel zum Ausdruck; die periodische Häutung faßten die Azteken als Gewähr ewig sich erneuernden Lebens. Es treten somit neben den generellen Kultthemen – Weltentstehung, Fruchtbarkeit und Kriegertum – zwei Aspekte in den Vordergrund: die Idee der Unsterblichkeit und das Prinzip einer allgemeinen Metamorphose. Wie in Altägypten sind die Grenzen zwischen Gott, Mensch und Tier durchlässig, alles bleibt wandelbar. Das ganze Leben steht in kosmischem Verbund. Das schließt den Schrecken, den Riß in der Schöpfung ein, wie es der kosmologische Pessimismus und die morbide Blutmystik zum Ausdruck bringen. So war das Leben der Azteken mythisch, kollektiv und kriegerisch – unheimlich und faszinierend zugleich. Alle Dinge sind Teil einer größeren Ordnung Schlußendlich sehen wir hier ein allgemeines Modell archaischer Gesellschaften. Nichts steht in ihnen für sich, alles ist auch religiös bestimmt, weist über sich hinaus als eine Chiffre des Heiligen. Somit trägt alles neben der Sachfunktion einen symbolischen Aspekt an sich, der die Dinge als Teil einer größeren Ordnung zeigt, bedeutsam für die Gemeinschaft. Vermutete „Naturreligiosität“ führt dabei in die Irre. Im Gegenteil: Archaische Kulturen sind gar nicht „natürlich“, desto mehr künstlich. Vielmehr zeigen sie eine Besessenheit, das empirisch Gegebene symbolisch zu überformen und kulturell zu interpretieren. Ihr spezifischer Fanatismus lag im Anspruch einer totalen Welterschließung und dem Aufbau einer allumfassenden Ordnung. So hat der archaische Mensch schöpferisch auf das Rätsel des Daseins und Geheimnis des Lebens geantwortet und sein Universum aus Sinn und Bedeutung geschaffen. Foto: Adlerkrieger (1440-1469), Cihuateoti (ca. 1500): Schöpferische Antworten auf das Rätsel des Daseins Die Ausstellung wird vom 26. September 2003 bis 11. Januar 2004 in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn zu sehen sein.

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