Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Ohne Stil

Ein trauriger Jahrestag: Vor fünf Jahren zerstörten die Kultusminister die Einheit der deutschen Rechtschreibung. Am 1. August 1998 ging mit dem Inkrafttreten der Rechtschreibreform die orthographische Einheitlichkeit zu Ende, die 1901 erreicht worden war. Fast hundert Jahre lang hatte die deutsche Sprachgemeinschaft einen orthographischen Standard besessen, an den sich jeder halten konnte. Ohne Not wurde er auf dem Verwaltungswege geopfert. Schulen und Behörden sind gezwungen, „so Leid es uns tut“, sich an teilweise aberwitzige Regeln zu halten. Seither herrscht Durcheinander im deutschen Buchstabenwald. Die Reformer schafften Wörter ab, beschnitten die sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten und erhoben Grammatikfehler zur Regel. Seit fünf Jahren ist Deutschland wieder ein Entwicklungsland in der Rechtschreibung. Fünf Jahre Rechtschreibreform bedeuten fünf Jahre „Missstand“ und „Aufsehen erregenden“ Unsinn; aber auch, aufgrund teilweise erbitterten Widerstands: fünf Jahre Rückbau der Reform und langsame Wiederannäherung an die bewährten klassischen Regeln. Bei diesem Durcheinander ist es kein Wunder, daß die Geburtstagswünsche zumeist wenig freundlich ausfallen. Der Schriftsteller Ralph Giordano wünscht sich „ab sofort die alte Rechtschreibung zurück“: „Schifffahrt mit drei ‚f‘ gibt es nur über meine Schriftsteller-Leiche“. Von einem „Glaubwürdigkeitsverlust“ bei denen, die die Rechtschreibreform zu verantworten haben, spricht der Erlanger Universitätsprofessor Theodor Ickler. Und der für die Einführung der Reform mitverantwortliche seinerzeitige Kultusminister Hans Zehetmair gesteht in der Passauer Neuen Presse: „Wir hätten die Rechtschreibreform nicht machen sollen.“ Die Schüler leiden sogar schon seit sieben Jahren unter der Rechtschreibreform, denn in der Schule wurde sie bereits 1996 von den Kultusministern vor Inkrafttreten handstreichartig eingeführt, um vollendete Tatsachen zu schaffen. Seit sieben Jahren ist denn auch – anders als beabsichtigt und vollmundig verkündet worden war – nachgewiesenermaßen die Zahl der Rechtschreibfehler der Schüler gestiegen. Das ist nicht erstaunlich: Weil die Zahl der Rechtschreibregeln erhöht wurde und zahlreiche Ausnahmeregeln geschaffen wurden, blicken oft selbst die Lehrer nicht mehr durch. Sogar die Wörterbuchmacher haben Verständnisschwierigkeiten und legen die Reformregeln unterschiedlich aus, widersprechen sich sogar teilweise. Die erste Generation der Reformwörterbücher von 1996 war schnell überholt. Inzwischen reicht die Rechtschreibkommission Änderungen am Regelwerk laufend und stillschweigend an die Wörterbuchverlage weiter. Wer sich heute einen Duden kauft, muß damit rechnen, daß sein Nachschlagewerk in ein, zwei Jahren schon veraltet ist. Die Reform hat nicht das Schreiben erleichtert. Die Unterscheidung, ob „das“ oder „daß“ geschrieben werden muß, wird nicht damit einfacher, daß man „dass“ statt „daß“ schreiben kann. Im Gegenteil: Häufig werden „das“ und „dass“ verwechselt. Bei den Getrenntschreibungen übergeneralisieren die Schüler, indem sie plötzlich alles auseinanderschreiben. Die schwierige neue Kommaregelung haben die Zeitungen und Nachrichtenagenturen, die umgestellt haben, erst gar nicht mitgemacht. Sie wird ausschließlich in den Schulen gelehrt und angewendet, getreu dem Spottspruch: Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir … Auch wenn es Rückschläge bei dem Bestreben gab, den Reformunsinn abzuschaffen, wie etwa als der erfolgreiche schleswig-holsteinische Volksentscheid gegen die Reform in einer beispiellosen Mißachtung des Volkswillens vom Landtag wieder aufgehoben wurde: Der Widerstand gegen die Rechtschreibreform, angeführt vor allem vom Verein für deutsche Rechtschreibung und Sprachpflege (VRS), hat dazu geführt, daß die Reformkommission bereits am Rückbau der Reform arbeitet. In ihrem dritten Bericht verkündete sie eine „Toleranz-Metaregel“, mit der sie bestimmte klassische Regeln als „Varianten“ wieder zulassen will. Für den vierten Bericht, der in diesem Herbst erscheinen soll, werden weitere Rückzieher erwartet. Rudolf Hoberg, Vorsitzender der Gesellschaft für deutsche Sprache und Mitglied der Rechtschreibkommission, kündigte vor kurzem an, daß man wieder „leid tun“ neben „Leid tun“ zulassen könnte: „Man kann auf die Dauer keine Reform machen, die die Bevölkerung nicht annimmt.“ Günther Nonnenmacher, Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, ist zuversichtlich: „Ich habe die gute Hoffnung, daß in zwei Jahren nicht mehr viel von der neuen Rechtschreibung übrigbleibt.“ Dann nämlich, am 1. August 2005, endet für die Schüler eine Übergangsfrist: Ab diesem Zeitpunkt sollen „daß“, „aufwendig“ und „Spaghetti“ als Rechtschreibfehler gewertet werden, auch wenn in den Schulbüchern Texte von Schriftstellern stehen, die sich eine Umwandlung ihrer Werke in den Neuschrieb verbitten. Nach einer kürzlich durchgeführten Umfrage der Meinungsforschungsinstituts polis ist für 85 Prozent der Befragten eine einheitliche Rechtschreibung in Büchern und Zeitungen von großer Bedeutung. Deswegen findet die „Resolution zur Wiederherstellung der Einheitlichkeit der deutschen Rechtschreibung“ regen Zuspruch, von Altbundespräsident Walter Scheel bis zu Manfred Krug und Reiner Kunze (im Internet unter www.deutsche-sprachwelt.de/archiv/unterzeichner.shtml ). Eine sofortige Rückkehr zu den bewährten Regeln wäre wesentlich billiger als das fortwährende Ausbessern eines Regelwerks, das vom Ansatz her falsch geplant war, weil es die Entwicklungsrichtung der deutschen Sprache umkehrte, wie der Dichter Reiner Kunze in einer Denkschrift schrieb: „vom Hochentwickelten zum Primitiveren, vom Unmißverständlichen zum Mißverständlicheren, vom Feineren zum Gröberen“. Das Nebeneinander verschiedener Schreibungen führt uns zum Zustand des 19. Jahrhunderts zurück, als mehrere Hausorthographien nebeneinander bestanden. Auch die vermeintlich neue Doppel-s-Regelung wurde bereits im 19. Jahrhundert als Heysesche ss-Regelung wegen ihrer Fehlerträchtigkeit verworfen. Deswegen ist es eigentlich falsch, von „neuen“ Regeln zu sprechen, wenn die „Reform“ die Schreibentwicklung um 200 Jahre zurückwirft. Die Rechtschreibreform steht im Zusammenhang mit dem allgemeinen Niedergang des Stils in Deutschland. Der Verfall des Stils, der Verbindung von Anmut und Nützlichkeit, ist Zeichen eines erschütterten Selbstverständnisses. Wo der Stil abhanden kommt, wabert der Inhalt beliebig umher und wird schwerer greifbar, begreifbar. Stil bedeutete im Griechischen (stylos) Schreibgriffel. Wir sollten uns unseren Griffel nicht von einer „Hand voll“ selbsternannter Schreibregler führen lassen, sondern uns nach der Entwicklung der Schreibgewohnheiten unseres Volkes richten, die auf die größtmögliche Verständlichkeit des Geschriebenen zielen. Thomas Paulwitz ist Schriftleiter der viermal im Jahr erscheinenden Zeitung „Deutsche Sprachwelt“ (Postfach 1449, 91004 Erlangen).

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