Konzeptionslos

Betritt Hans Sachs die Opernbühne, dann muß es sich wohl um den Schuster aus Richard Wagners deutschester Oper handeln; weist ihn jedoch das Personenverzeichnis als einzigen Meistersänger vor allen anderen aus, dann kann es sich wiederum nur um die Titelfigur aus Albert Lortzings Komischer Oper handeln. Richard Wagner hat Deinhardsteins dramatisches Gedicht von 1827 und Lortzings Libretto von 1840 gründlichst studiert, verwertet und – verworfen. Während Wagner das Ränkespiel um Junkerehre und Bürgerstolz, Tradition und Fortschritt in visionärer Volks-, Kunst- und Festwiesengemeinschaft aufgehen läßt – selbstverständlich unter Ausschluß des jüdischen Merkers, der sich unter das Volk zu verlieren hat -, bleiben Lortzings Figuren nur allzu sehr ihrer kleinen Stadt verhaftet, als daß sie außerhalb ihrer schirmenden Mauern anderes als trostlose Fremde vermuten dürften, Deutschland beispielsweise. Ihren Traum vom Reich können sie immer nur träumen; die Revolution immer nur am Tag ihrer Beerdigung erleben. In Lortzings Opern reimt sich Vormärz stets noch aufBiedermeier, sie aufzuführen gab und gibt es allen Grund. Maßstabsetzend wurden in jüngerer Zeit Arbeiten des Regisseurs Peter Konwitschny, welche Abgründiges und Verdrängtes schonungslos offenlegten, „Regina“ (1989/1998, Gelsenkirchen), aber weit mehr noch „Der Waffenschmied“ (1986, Leipzig), ein Abgesang auf den preußischen Sozialismus Honneckerscher Prägung. Damit können sich die gewiß verdienstvollen Bemühungen der Städtischen Bühnen Osnabrück um Lortzings Oper „Hans Sachs“ keineswegs messen; zu ernüchternd ist das auf CD (Ars Produktion FCD 368 420-21) dokumentierte Ergebnis, welches offensichtlich aus dem Material von sechs Vorstellungen von Juni/Juli 2001 zusammengeschnitten wurde. Erstmals läge, so Dirigent Till Drömann, „eine vollständige Einspielung vor, die Lortzings Sachs nicht als Vorbote des dritten Reiches, sondern als ein Werk im Geiste des deutschen Vormärzes“ zeige. Die Frage hintangestellt, wovon der deutsche Vormärz denn Vorbote war, ist gar nicht so ausgemacht, ob die Bearbeitung durch den Kapellmeister und Musikwissenschaftler Max Loy von 1940 die Intentionen Lortzings verfälscht und „im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie umgeformt“ habe. Ganz im Gegenteil liest sich Loys Fassung – deren Text im Beiheft faksimiliert wiedergegeben ist und die auch in einer Rundfunkaufnahme von 1950 unter Loys Leitung vorliegt – durchaus ambivalent; und im übrigen dienten Partitur und Orchesterstimmen als eine wesentliche Quelle für den Osnabrücker Versuch, Lortzings Fassung von 1844 zu rekonstruieren, sich der originalen Gestalt und Reihenfolge der einzelnen Nummern wieder anzunähern. Vom Geist des deutschen Vormärzes läßt die Einspielung nichts, aber auch gar nichts hören, erweisen sich doch musikalische Ausführung und unzuständige Dialogregie den Ansprüchen des Stückes kaum gewachsen. Das Osnabrücker Symphonieorchester unter Leitung Till Drömanns beschränkt sich auf insgesamt konzeptionsloses Abarbeiten der Partitur. Die Solisten verschiedener Nationalitäten radebrechen sich durch den oder helfen sich mit mehr oder weniger gekonntem Chargieren über den Text hinweg. Anstatt Lortzings Musiktheatersprache in Ensemblespiel und -gesang beredt zu machen, werden Gesang, Rezitativ, Melodram oder Balletteinlage unbestimmt ineinandergeschmiert. So dokumentiert die Osnabrücker Einspielung das Fehlen von Sänger-Darstellern Lortzingschen Formats und den Verlust einer Aufführungstradition der deutschen Spieloper, welche sich von den ehrgeizigen Unternehmungen einer Liedertafel deutlich abzuheben vermag.

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles