Alles suggeriert und nichts direkt behauptet

Über Kriegsbilder wird zur Zeit wieder viel gesprochen. Es sind die Tag für Tag ins Haus kommenden Fernsehaufnahmen und Photographien aus dem Irak-Krieg, die zur Debatte stehen. Was sie zeigen, wer sie aufgenommen hat, wo und wann, ob sie veröffentlicht werden sollten und welche Beweiskraft sie haben, darüber wird in den Redaktionen und unter Wissenschaftlern ernsthaft gestritten. Für die Bilder und die Deutung eines anderen Krieges gilt das leider immer noch nur eingeschränkt. Etwas mehr als drei Jahre ist es her, da ging mit der Schließung der von Jan Philipp Reemtsma gesponserten und von Hannes Heer zusammengestellten ersten Wehrmachtsausstellung einer der größeren Skandale der Bundesrepublik vorläufig zu Ende. Eine privatfinanzierte Ausstellung reiste jahrelang durch Deutschland, ausgestattet mit der politischen Unterstützung zahlreicher öffentlicher Würdenträger und fast ohne Widerspruch seitens der deutschen Geschichtswissenschaft. Sie überzog vor allem mit Hilfe von Photographien eine Generation von Soldaten mit Anklagen wegen nichts geringerem als Massenmord. Exakte Nachforschungen jedoch, wie sie bei journalistischer Berichterstattung über vergleichsweise leichtgewichtigere Kriegsthemen die Regel sind, hielten die Aussteller weder für möglich noch für nötig. Hannes Heer hat das auf der Fachtagung zur ersten Wehrmachtsausstellung am 27. Februar 1997 in Bremen klar ausgesprochen: „Zu verlangen, die Fotos müßten analysiert werden: Wer hat sie gemacht? Wann sind sie gemacht worden? Was ist auf ihnen dargestellt? Das heißt Geschichte unmöglich machen.“ Bislang nur milde Kritik an der neuen Ausstellung Nun ist es nicht „Geschichte“, die durch Analyse unmöglich wird, sondern die Präsentation von Legenden und falschen Anklagen. Es ist nicht zuletzt die Wehrmachtsausstellung selbst, die bei ernsthafter Recherche in der alten Form unmöglich gewesen wäre. Die Ausstellungsleitung wollte sich jedoch nicht davon abhalten lassen, jene Behauptung aufzustellen, die Jan Philipp Reemtsma so beschrieben hat: „Zu zeigen, wie weit verbreitet die freudige und freiwillige Beteiligung am Massenmord (war), ist diese Ausstellung da. Sie behauptet nicht, daß jeder Wehrmachtsangehörige jene Grenze überschritten habe, die die Haager Landkriegsordnung zog, oder sich in jener Grenzenlosigkeit wohlgefühlt hat, die das Konzept des totalen Krieges eröffnete.“ Nur „fast“ jeder Wehrmachtsangehörige soll sich nach Meinung Jan Philipp Reemtsmas freudig am Massenmord beteiligt und sich dabei wohlgefühlt haben. Eher zu milde ist wohl Horst Möllers Einschätzung in einem Focus-Interview zur Behauptung Hannes Heers, „deutsche Soldaten hätten gegen die Sowjetunion gekämpft, um sadistische Triebe zu befriedigen“. Wäre dieser Unsinn in der Ausstellung offen ausgesprochen worden, hätte die Ausstellung an keinem öffentlichen Ort in Deutschland gezeigt werden können. So blieb es bei der verdeckten und doch deutlichen Botschaft, es hätte flächendeckende und von den Soldaten mit Genuß begangene „Verbrechen der Wehrmacht“ gegeben, wie Reemtsma im nachhinein am 15. Januar 2001 in einem Feuilleton-Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung zugestand: „Die Ausstellung hat einiges über das hinaus suggeriert, was sie tatsächlich gesagt hat.“ Bei soviel faktenresistenter Überzeugung hat es nicht wirklich überrascht, als Reemtsmas Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS) die Schließung der Ausstellung nicht akzeptierte, sondern sich berufen fühlte, mit vervielfachtem Aufwand eine Neuauflage zu produzieren. Seit November 2001 wird sie nun in Deutschland gezeigt, nächste Station wird Neumünster sein. Die Kritik daran ist bisher relativ milde ausgefallen. Walter Post, der zur ersten Ausstellung eine Gegendarstellung geschrieben hatte, bemängelte zwar das „weiterhin selektive Bild“ auch der neuen Variante. Ein prominenter Kritiker wie Bogdan Musial rief dagegen lediglich der alten Ausstellung und der von Reemtsma eingesetzten Historikerkommission noch etwas Spott nach und bemerkte zur neuen nur lapidar, es seien trotz Verbesserungen wieder Fehler zu finden: „So wird beispielsweise behauptet, daß die Wehrmacht nichts gegen das Lemberger Pogrom im Sommer 1941 unternommen habe. Allerdings belegen Dokumente genau das Gegenteil.“ Er wies nicht noch extra darauf hin, daß die Ausstellung auch die Zahl der Opfer sowjetischer Morde in Lemberg mit „einigen Hundert“ viel zu niedrig angibt. Bekanntlich waren aber mindestens zweitausendfünfhundert, wahrscheinlich mehr als dreitausendfünfhundert Menschen ermordet worden, wie man in sowjetischen Akten und in Musials Veröffentlichungen selbst nachlesen kann. Erneut gibt es hier eine Fehldarstellung der Ausstellung, in der sowjetische Verbrechen verkleinert und Zusammenhänge vernebelt werden. Das ist um so unverständlicher, als es sich bei Lemberg um einen spektakulären und seit Jahrzehnten vieldiskutierten Fall handelt. Trotz solcher Mängel war zunächst nach der Neueröffnung die Rede davon, daß jetzt „auch Jan Philipp Reemtsma zur Linie der ernsthaften wissenschaftlichen Erforschung zurückgefunden“ hätte, wie etwa der Historiker am Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Potsdam, Rolf-Dieter Müller, damals schrieb. Diese Einschätzung überrascht dann doch, denn die neue Ausstellungsvariante nähert sich ihrem Gegenstand weiterhin offensichtlich polemisch. Das beginnt bei ihrem Titel, der wahrscheinlich mehr als alles andere dazu beigetragen hat, eine öffentliche Kontroverse zu provozieren. Unter der Aufgabenstellung, eine Überschrift zu finden, die alles suggeriert und nichts direkt behauptet, muß diese Formulierung als gelungen bezeichnet werden. Der Effekt ist durchaus gewollt, Reemtsma hat ihn auf der anfangs zitierten Bremer Fachtagung selbst skizziert: „‚Verbrechen der Wehrmacht‘ sind von der Formulierung her potentielle Verbrechen des Jedermann, Verbrecher von jedermanns Vater, Bruder, Onkel, Großvater.“ Die neue Ausstellung hält an alten Behauptungen fest Unter dieser Überschrift läßt sich frei hin und her springen zwischen der Verurteilung aller, wie schon der sprachliche Lapsus bei Reemtsma zeigte, der „jedermanns Vater, Bruder, Onkel, Großvater“ unversehens zum „Verbrecher“ werden ließ. Gleichzeitig kann behauptet werden, es würde nicht pauschal verurteilt, denn es handelt sich ja um „potentielle“ Verbrechen. Es ist eine beliebig ausfüllbare Formulierung, mithin das Gegenteil einer wissenschaftlichen These. Dennoch hat auch die neue Ausstellung an ihr nicht nur festgehalten, sondern sie gar vom Unter- zum Haupttitel gemacht. Dies geschah trotz vereinzelter Vorschläge, man könne doch auch von „Verbrechen in der Wehrmacht“ sprechen und somit präzise und ohne Provokation das bezeichnen, was gemeint sei. Grundsätze sorgfältiger Recherche werden verletzt Die Ausstellungsleitung blieb sich treu und hat das abgelehnt. Auch in der neuen Ausstellung wird in diesem Sinn an den gewohnten Behauptungen festgehalten und es werden weiterhin altbekannte Vorwürfe erhoben. Selbst Orte wie Tarnopol und Lemberg, an denen die alte Ausstellung gescheitert ist, tauchen erneut und auch wieder mit offensichtlichen Falschbehauptungen auf. Der Ausstellungstext ist weiterhin an vielen Stellen unscharf und provokant formuliert, ergänzt um eine Neuerung: der Nicht-Aussage, sprich dem Verschweigen von Tatsachen, die der Ausstellungsleitung bekannt sind. Es war der Historiker Klaus Hesse, der diesen Begriff am Beispiel Tarnopol zur Beschreibung der neuen Ausstellung eingeführt hat. Unter anderem über den Fall Tarnopol kam bekanntlich die alte Wehrmachtsausstellung an ihr Ende. Bei ihrer Darstellung der dortigen Ereignisse im Juli 1941 gipfelten die Willkür und der später vom Focus attestierte „Dilettantismus“ der Ausstellungsmacher um Hannes Heer. Es wurden Bilder falsch zugeordnet, Zitate manipuliert und der ganze Vorgang zudem symbolischerweise noch der 6. Armee – „Unterwegs nach Stalingrad“ – zugeschrieben, die nicht durch Tarnopol gezogen war. Auch die Abschrift eines NS-Propagandaflugblatts vom Spätsommer 1941 sah sich dort als „Franzl-Brief“ in den Rang eines Beweisstücks erhoben. Dieter Schmidt-Neuhaus hat das 1999 öffentlich nachgewiesen und jüngst eine ausführliche Darstellung gegeben, wie es kommen konnte, daß hier NS-Propaganda nach Jahrzehnten plötzlich gegen die Wehrmacht verwendet wurde. Der „Fall Tarnopol“ hätte daher, wenn überhaupt, jetzt als Beispiel für eine inzwischen erreichte seriöse Auseinandersetzung der Ausstellungsmacher mit den Fakten präsentiert werden können, also etwa mit einleitenden Sätzen wie: „Wir stellen hier noch einmal das Material vor, das bei uns zu diesem Eindruck geführt hat, stellen aber ausdrücklich fest, daß für Tarnopol keine Wehrmachtsverbrechen belegt werden können.“ Diese oder eine ähnlich klare Aussage gibt die Ausstellung aber nicht. Allerdings spricht sie gar nicht mehr ausdrücklich von einem „Verbrechen der Wehrmacht“ in Tarnopol und gibt den Kritikern damit vollkommen recht. Sie sagt nicht, es hätten sich deutsche Soldaten dort an Morden beteiligt. Sie deutet es an, denn Tarnopol wird unter der Überschrift „Wehrmacht und Völkermord“ abgehandelt. Dazu wird mehrfach die Ereignismeldung des Sicherheitsdienstes der SS zitiert, wo der Wehrmacht eine „erfreulich gute Einstellung gegen die Juden“ bescheinigt wird. Auch das nur als Kopie überlieferte NS-Flugblatt „Franzl-Brief“ ist nicht nur wieder aufgenommen worden, sondern wird jetzt gleich dreimal gezeigt. Das ist Teil einer Präsentation, die beim Besucher den Eindruck erwecken kann, „die Wehrmacht“ habe in Tarnopol Verbrechen begangen, ohne es direkt zu behaupten. Der einzige Soldat aber, den die präsentierte Fotoserie offenbar während der Ausschreitungen zeigt, nicht eindeutig als Täter, aber in drohender Haltung gegenüber einem Zivilisten, ist ein Unteroffizier der Waffen-SS. Das spricht die Ausstellung jedoch nicht aus. Statt dessen greift sie zur bereits erwähnten „Nicht-Aussage“ und spricht vage von einem „Uniformierten“. Der Betrachter einer Ausstellung über „Verbrechen der Wehrmacht“ kann aber kaum etwas anderes annehmen, als daß der „Uniformierte“, dessen Bild als Beleg vorgewiesen wird, eben auch ein Angehöriger der Wehrmacht ist. Er ist es nicht. Damit ergibt sich, daß die Fotos der Ausstellung keinen Hinweis für die „Verbrechen der Wehrmacht“ in Tarnopol liefern. Es ist unverständlich, daß hier auch in der Neuauflage der Grundsatz sorgfältiger Recherche und klarer Darstellung verletzt wurde, wobei Lemberg und Tarnopol nicht die einzigen Fälle sind. Darüber wird zu berichten sein. In der nächsten Woche wird der Artikel über die Wehrmachstausstellung fortgesetzt. Nächste Station Neumünster Aufgrund eines Antrages vom „Verein für Toleranz und Zivilcourage“ hat die Ratsversammlung im schleswig-holsteinischen Neumünster am 9. November 2002 beschlossen, in der Zeit vom 4. April bis zum 18. Mai 2003 die Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht – Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941 – 1944“ zu präsentieren. Der Beschluß wurde mit der absoluten Ratsmehrheit der SPD und einer Stimme der fraktionslosen Ex-Grünen gegen die Stimmen von CDU und Statt-Partei durchgesetzt. Die Stadt Neumünster wird danach mit 50.000 Euro die Ausstellung, die im städtischen „Kommunikationszentrum“ am Jugendgästehaus gezeigt wird, bezuschussen. Das umfangreiche Rahmenprogramm wird größtenteils von Gewerkschaften und Kirchen organisiert. Bisherfand die Wehrmachtsausstellung des Hamburger Institutes für Sozialforschung in Bielefeld, Wien, Leipzig und München statt. (JF)

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