Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Geist der Wahrhaftigkeit

Charles Peguy entstammte einer einfachen Bauern- und Handwerkerfamilie aus der französischen Provinz. Mit 21 Jahren trat der am 7. Januar 1873 in Orléans geborene Peguy der Sozialistischen Partei bei und gründete an der Universität eine sozialistische Zelle. Doch schon ein Jahr später ging er wieder nach Orléans zurück, um hier das Schriftsetzen zu erlernen. Nach der Arbeit traf man sich in der „Gruppe für soziale Studien“, wo über Marx, die deutschen Philosophen und die sozialen Verhältnisse in Frankreich diskutiert wurde. Im Jahr 1900 gründete er die Zeitschrift Cahiers de la Quinzaine, die er bis zu seinem Tode 1914 leitete. Die Mitarbeiter der Cahiers rekrutierten sich von links bis rechts aus den weltanschaulich verschiedenartigsten Lagern. Bald brachte die Zeitschrift neben Berichten über politische Ereignisse auch Novellen, Dichtungen und Essays und avancierte zu einem der bedeutendsten kulturellen Blätter Frankreichs vor dem Ersten Weltkrieg. Die Cahiers unterzogen den parlamentarischen Sozialismus in Frankreich einer scharfen Kritik. Peguy selbst kritisierte die großen Vertreter des Laizismus, Renan, Taine und Durkheim. Er stand dabei ganz auf der Seite Bergsons, als dessen Schüler er sich verstand, vor allem aber auch George Sorels. Ähnlich wie diese stellte er das organische Leben und die schöpferische Offenheit gegen den Fortschritts- und Wissenschaftsglauben, den Intellektualismus, Soziologismus und Ökumenismus seiner Zeit. Diesen unheilvollen Mächten stellte er als Symbole des Kampfes für Gerechtigkeit und Menschheitserlösung die Kräfte der Antike und des Christentums entgegen. Mit „Notre patrie“ (1905) beginnend, trat Peguy für den Geist der Wahrhaftigkeit in der Politik und für eine Erneuerung des nationalen Bewußtseins ein. Er näherte sich nun Nationalisten wie Maurras und Barrés. Wenig später führte ihn die Erkenntnis des Bankrotts des „modernen Geistes“ schrittweise zum Katholizismus zurück. Die Erkenntnis der endgültigen Niederlage der Cahiers im Kampf um soziale und bürgerliche Gerechtigkeit veranlaßte Peguy zu einem fast zweijährigen Schweigen. Erst 1909 wandte er sich wieder an die Öffentlichkeit, wobei er das Wort von der „besiegten Generation“ prägte und Kapitalismus und Demagogie heftig kritisierte. Von nun an folgte er völlig seiner eigenen Berufung: der des Dichters. Es erschienen seine drei Mysterien: „Das Mysterium der Erbarmung“, das von der Berufung der Jeanne d’Arc zum Heldentum und zur Heiligkeit handelt; „Das Tor zum Geheimnis der Hoffnung“, das die Öffnung des menschlichen Herzens zur Hoffnung darstellt und „Das Mysterium der unschuldigen Kinder“, in dem das Geheimnis der Geburt dichterisch gestaltet ist. In pathetischen Versdichtungen und Sonetten, aus denen tiefer Glaube sprach, sprengte Peguy alle dichterischen Traditionen der französischen Neuzeit und eröffnete seiner Muttersprache eine große Weitatmigkeit und schöpferische Freiheit. „Clio“ wurde sein charakteristischstes Werk, ein Meisterstück nach dem Muster mittelalterlicher Streitgespräche, eine Zwiesprache mit der Person gewordenen Geschichte über die Verfallenheit alles Irdischen und die Kraft der Gnade. Peguy fiel in den ersten Kriegstagen am 5. September 1914 bei Plessis-l’Evàque.

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