Ausverkauf der deutschen Erdölindustrie

Das Karussell der Wirtschaft dreht sich immer schneller. Traditionsreiche Betriebe verschwinden oder wandeln sich vollständig um. Aus Industrieunternehmen werden Touristikveranstalter (Preussag), aus Schuhfabriken entstehen Dienstleistungsbetriebe (Salamander); altehrwürdige Firmennamen tauchen häufig nur noch in Kompendien der Wirtschaftsgeschichte auf. Einen erstaunlichen Wandel hat der rheinische Energiekonzern Eon vollzogen. Vor zwei Jahren erst aus der Verschmelzung von Veba und Viag entstanden, strebt der Düsseldorfer Stromriese die globale Führungsposition als privater Energiedienstleister an. Das vor kurzem noch hochgelobte zweite Standbein der Eon, das Mineralölgeschäft des Tochterunternehmens Veba Öl AG, wurde kurzerhand der Fokussierung auf das Geschäftsfeld Energie geopfert. „Es ist ein erstklassiges Geschäft für die BP“, frohlockte BP-Chef Lord John Browne im Januar 2002 „Es wird der BP den größten Anteil an Europas wichtigstem Treibstoffmarkt bringen.“ Die Abgabe von Veba Öl an den britischen Mineralölkonzern BP gilt als eines der größten Desinvestitionsprojekte des rheinischen Stromerzeugers, aus deutscher Sicht kann die Abgabe als eine „nationale Tragödie“ bezeichnet werden. Die Veba Öl AG betreibt die Gewinnung, Verarbeitung und den Vertrieb von Erdöl und Erdgas. Sie ist Mehrheitsbeteiligter an der Essener Deminex, dem größten deutschen Erdöl- und Erdgasproduzenten, der gegründet wurde, um die Rohölversorgung heimischer Raffinerien zu sichern. Außerdem besitzt Deminex die Vertragsrechte für die Ölförderung in zwölf Ländern. Darüber hinaus war die Veba Öl AG zu 99 Prozent an der Aral AG, dem nationalen Marktführer im deutschen Tankstellengeschäft beteiligt. Aral betreibt mit rund zweieinhalbtausend Tankstellen das umfangreichste Tankstellennetz in unserem Land. Das Unternehmen wurde bereits 1898 als Westdeutsche Benzol-Verkaufsvereinigung in Bochum gegründet. Damals schlossen sich 13 Bergbaugesellschaften zusammen, um das bei der Koksgewinnung anfallende Benzol zu verwerten. BP muß Traditionsnamen „Aral“ weiterführen Man fand heraus, daß eine Mischung aus Benzol und Benzin einen ausgezeichneten Treibstoff ergab und nannte diesen „ersten Superkraftstoff der Welt“ Aral. Der Name resultierte aus den ersten beiden Buchstaben von Aromaten (Benzol) und Aliphaten (geradkettige Kohlenwasserstoffe). Für das Signet wählte man die Farben Blau-Weiß. Der britische Mineralölkonzern BP besitzt nun mit Veba Öl auch das gesamte Tankstellennetz von Aral, wobei BP sich allerdings verpflichtete, den Traditionsnamen Aral weiterzuführen. Außerdem müssen die Briten aus kartellrechtlichen Gründen rund 800 ihrer nun 3.700 deutschen Tankstellen verkaufen, um den gemeinsamen Marktanteil von BP/Aral von 26,5 auf unter 22,5 Prozent zu senken. 494 Tankstellen davon gingen im Dezember 2002 an den polnischen Raffineriekonzern PKN Orlen. Im Gegenzug erhielt Eon die Mehrheit an der BP-Tochter Geisenberg AG, in der wiederum die 25,5 Prozent Beteiligung der BP am größten deutschen Gasversorger, Ruhrgas AG, gehalten wird. Die British Petroleum Company, London, Anfang des 20. Jahrhunderts als „Anglo-Persian Oil Company“ am Persischen Golf gegründet, wird auf dem deutschen Markt durch die Tochtergesellschaft Deutsche BP AG, Hamburg, repräsentiert. Diese besitzt ein eigenes Tankstellennetz und erwarb 1980 mit der Gelsenberg AG Anteile an mehreren deutschen Erdölraffinerien. In früheren Jahren war es ein vorrangiges Ziel deutscher Bundesregierungen, die Sicherheit der Ölversorgung zu garantieren, sowie die Abhängigkeit von ausländischen Energieträgern zu verringern. Die Eon AG konzentriert sich jetzt auf das Kerngeschäft Energie und betreibt konsequent den Ausbau der Bereiche Gas und Strom. Erdgas gilt in Europa als Wachstumsmarkt, man sagt der Gaswirtschaft jährliche Steigerungen von mehr als fünf Prozent voraus. Gegenüber Kohle und Öl gewinnt das Erdgas immer mehr an Boden, auch hinsichtlich des Umweltschutzes: Um die gleiche Strommenge zu erzeugen, wird beim Erdgas deutlich weniger CO2 freigesetzt als bei Kohle und Mineralöl. Wiederholt haben Eon und Ruhrgas der Bundesregierung erklärt, daß sich die anspruchsvollen Ziele der deutschen Klimaschutzpolitik nur mit einem steigenden Einsatz von Gas erreichen lassen. Am Primärenergiebedarf ist Erdgas heute mit 21 Prozent beteiligt, damit ist es nach dem Mineralöl (39 Prozent) sowie der Stein- und Braunkohle (25 Prozent) der dritte Pfeiler in der deutschen Energieversorgung. Seit anderthalb Jahren ringt Eon-Chef Ulrich Hartmann um die Übernahme der Essener Ruhrgas AG. Der 1938 in Berlin geborene Hartmann, ein studierter Jurist, der dem Unternehmen seit 30 Jahren angehört, will mit der Fusion von Eon und Ruhrgas einen vertikalen Energiekonzern schaffen, der die Bündelung des Gasgeschäfts von der Quelle bis zum Endverbraucher in einer Hand hält. Dagegen hat aber der Präsident des Bundeskartellamts Einspruch erhoben. Ulf Böge untersagte der Eon die Übernahme des größten deutschen Gasimporteurs, ihn plagte die Sorge um den Wettbewerb. In diese Entscheidung griff nun die Bundesregierung ein und erwirkte eine Ministererlaubnis, die das Kartellamtsverbot aushebelte. Rot-Grün will die großen Unternehmen so ausrüsten, daß sie im internationalen Wettbewerb mithalten können. Gegen die mit harten Fusionsauflagen verknüpfte Erlaubnis des Bundeswirtschaftsministeriums haben Fusionsgegner Beschwerde eingelegt und damit die Ministererlaubnis zur Ruhrgas-Übernahme derzeit gerichtlich blockiert. Wenn Deutschland schon das Ölgeschäft an die internationalen Multis hat abgeben müssen, so Eon-Chef Hartmann, dann soll das wenigstens beim Erdgas nicht passieren. Der Konzernchef erwartet ein baldiges Ende der „juristischen Hängepartie“. Die Ruhrgas AG, Essen, gleichermaßen an der Verschmelzung interessiert, ließ durch ihren Vorsitzenden Bergmann erklären: „Mit der Kapitalkraft und der strategischen Zielsetzung eines Großaktionärs Eon kann Ruhrgas die Chancen der russischen Gaswirtschaft in größerem Umfang nutzen.“ Die Ruhrgas AG betreibt ein 700 Kilometer langes Leitungsnetz. Mit etwa 600 Beschäftigten erzielte sie im Jahr 2001 einen Umsatz von zwölf Milliarden Euro – sie soll zu einer integrierten Gasgesellschaft ausgebaut werden, angefangen bei der Suche und Ausbeutung von Erdgaslagerstätten bis hin zu den Stadtwerken. Öffnung der EU-Energiemärkte ab 2007 Inzwischen haben sich die Energieminister der EU auf die vollständige Öffnung der Energiemärkte für private Haushalte zum l. Juli 2007 geeinigt. Der Beschluß soll für mehr Wettbewerb und damit auch für günstigere Preise auf den Energiemärkten sorgen. Um die Energieproduktion vom Transport zu trennen, müssen die Konzerne die Sparten nicht verkaufen, sondern nur in verschiedene Tochtergesellschaften ausgliedern. Mit dieser vorgesehenen Trennung ist die deutsche Strom- und Gaswirtschaft allerdings nicht einverstanden, sie fürchtet, daß die Trennung einer de facto Enteignung der 900 Strom- und der etwa 700 Gasversorger in Deutschland gleichkäme. An der Stromerzeugung in Deutschland sind die Kernkraftwerke mit 33 Prozent beteiligt. Da es nach wie vor erklärter Wille der Bundesregierung ist, aus der Kernenergie auszusteigen, wird man als Ersatz neue Erdgas- und Kohlekraftwerke bauen müssen. Es ist wohl gelungen, den Schwefeldioxidausstoß der konventionellen Heizkraftwerke um 92 Prozent zu senken, aber haben die in höchste Regierungsämter aufgestiegenen Atomkraftgegner auch bedacht, daß dann 1.850 Millionen Tonnen CO2 die Umwelt zusätzlich belasten würden? Prof. Dr. Rüdiger Ruhnau , arbeitet an der Forschungsstelle Umwelt und Chemie-Industrie (FUCI).

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