Der Traum vom ewigen Leben

Kinder und Narren sagen zumindest häufig die Wahrheit. Wenngleich im Fall der Raelianer und der in ihren Diensten stehenden Firma Clonaid die Narren nur ein großes Medienspektakel inszeniert und sicher kein Klonbaby zur Welt gebracht haben, so entfesselten ihre „Klonerien“ doch einen Sturm der Entrüstung bei Vertretern von Politik und Kirchen. Quer durch die Lager ist man sich einig, daß das Klonen moralisch verwerflich ist und fordert ein möglichst weitreichendes Verbot. Wissenschaftler und Wissenschaftsstrategen versuchen demgegenüber auf die möglichen Vorteile des therapeutischen Klonens, etwa die Ersetzung kranker Organe durch künstlich hergestellte gesunde, hinzuweisen, aber das Interesse der Öffentlichkeit richtet sich vor allem auf das weit spektakulärere, jedoch nach herrschender Meinung noch nicht durchführbare reproduktive Klonen von Menschen. Zwar ist davon auszugehen, daß sich die Position der Wissenschaft insgesamt durchsetzen wird – denn was machbar ist, wird auch gemacht; die Frage ist nur, wie und von wem – jedoch, wie immer, wenn neue Technologien entwickelt werden, schreien anfangs die Fundamentalisten auf beiden Seiten am lautesten und werden am meisten gehört: Auf der einen die Moralisten etwa bei Grünen und Kirchen, auf der anderen religiöse Technokraten wie die Raelianer. Während das Geplärre grüner Menschenrechtshüter, die jahrzehntelang für die massenhafte Abtreibung von Embryonen kämpften, aber jetzt deren genetische Vervielfältigung für ethisch verwerflich halten, sich von vornherein erledigt, ist die kirchliche und zumal die katholische Position wenigstens konsequent, zumindest was die Ablehnung von Abtreibung und Klontechnik betrifft. Eine andere Frage ist freilich, ob nicht gerade die biblischen Religionen mit ihrer Aufforderung an den Menschen, sich die Erde untertan zu machen, mit ihrem eschatologischen Fortschrittsprinzip und ihrer Verbreitung der Hoffnung auf ein individuelles ewiges Leben nicht nur dem technischen Weltbemächtigungsstreben des europäischen Menschen, sondern selbst noch dem Technikkult der Raelianer, die sich vom Klonen das ewige Leben erhoffen, den Weg geebnet haben. Dafür spricht nicht nur die Beflissenheit, mit welcher deren Guru Claude Vorilhon – ein katholischer Internatszögling, der sich für den Sohn eines Außerirdischen und Bruder Christi hält – seinem bevorzugten Haßobjekt, der katholischen Kirche, nacheifert und die „Frohe Botschaft“ von der Geburt eines Klonkindes verkündet, sondern dafür sprechen auch tiefgreifendere Gemeinsamkeiten. Auf den ersten Blick zeigt sich zwar eine große Differenz zwischen der Auffassung vom menschlichen Leben als einem Geschenk Gottes und derjenigen seiner technischen Reproduzierbarkeit, aber hinter beiden steht die Vorstellung von einem planenden Schöpfer der Welt, der selbst außerweltlich ist: als transzendenter „ganz Anderer“ oder, wieviel primitiver auch immer, als zumindest von weither gekommener Außerirdischer, der nach Meinung der Raelianer unsere Vorfahren klonte. Auch die raelianische Konzeption vom ewigen Leben ist biblisch bedingt, sowohl in der Negation der Faktizität des Todes als auch im Vertrauen auf das menschliche Tun: Gott wird jedem „nach seinen Werken“ das Verdiente zuteilen, also auch „ewiges Leben denen, die in aller Geduld mit guten Werken trachten“ nach „unvergänglichem Leben“ (Römer 2, 6,7). Hat die Verheißung eines solchen als Verneinung des wirklich erlebbaren Lebens immerhin noch den relativen Vorteil mangelnder Überprüfbarkeit und dadurch von Unwiderlegbarkeit – mit der freilich die Unbeweisbarkeit immer im Gleichschritt marschiert, wie der Zweifel stets der böse Schatten des Glaubens ist -, so müssen sich die weltlich-technokratischen, von den biblischen Religionen abgeleiteten Ideologien an ihren Taten messen lassen. Und hier beließen es die Raelianer bislang bei medienwirksamen Ankündigungen. Selbst wenn aber – nicht einer Ufo-Sekte, sondern der Biotechnologie – das reproduktive Klonen gelingen sollte, dann ist damit noch lange kein „ewiges Leben“ geschaffen, sondern lediglich das Erbgut eines Menschen kopiert, also ein Zwilling erzeugt worden, der sich von einem gewöhnlichen eineiigen Zwilling nur in zweierlei Hinsicht unterscheidet: nämlich darin, daß er erstens auf künstliche Weise und zweitens erst später hervorgebracht wurde. Ebensowenig wie zwei Zwillinge derselbe Mensch sind, also gemeinsame Erinnerungen, eine gemeinsame Biographie und ein gemeinsames Ichbewußtsein haben, kann ein Klon, der nach seinem „Original“ wieder als Säugling sein Leben beginnt und es auf eine individuelle, je eigene Weise führen muß, als dessen identische Reduplikation betrachtet werden. Trotz der prägenden Rolle des Erbgutes, die gegen alle soziologistischen Fiktionen vom gesellschaftlichen Sein, das das Bewußtsein bestimme, bewiesen wurde, ist der Mensch nicht mit seinem Gencode identisch. Freilich weiß dies auch der Sektenführer „Rael“, der deshalb auch noch zwei weitere Schritte neben dem Klonen ankündigte, um das ewige Leben zu erschaffen: Zunächst muß, wie er unlängst in der FAZ mitteilte, ein Accelerated Growth Process in Gang gesetzt werden, damit man, wenn man sich klonen läßt, innerhalb weniger Stunden einen erwachsenen Klon hat, und anschließend „muß man die Erinnerung und die Persönlichkeit, die man im Gehirn hat, ins Gehirn des Klons herunterloaden“, um nach seinem Tod in dessen Körper weiterzuleben. Leider hat „Rael“ nicht bedacht, daß ein ewiges Leben diese sich ständig selbst kopierenden Klone mit so vielen Eindrücken konfrontieren würde, daß die „Speicherkapazität“ ihrer auf eine gewöhnliche Lebenszeit angelegten Gehirne sehr schnell erschöpft wäre, so daß spätestens alle hundertundnochwas Jahre die „Festplatte“ gelöscht werden müßte, womit es mit der personalen Identität und also auch mit einem individuellen ewigen Leben sehr schnell ein Ende hätte. Man sollte also gleich noch die passenden Gehirncomputer konstruieren und mit einem Speicher ausstatten, der dem ewigen Leben gewachsen ist, oder anders gesagt: Zur Ewigkeit gehört auch Allwissenheit. Außerdem sollte man dafür Sorge tragen, daß immer jemand zur Verfügung steht, der einen notfalls kopieren könnte, wenn man selbst nicht mehr rechtzeitig vor seinem Verschleiß dazu kam, weil einem etwa ein Dachziegel auf den Kopf gefallen ist, wovor einen ja die grundsätzliche Klonbarkeit nicht schützt. Wer weiß aber, ob die Zeitgenossen wirklich Lust haben, mich zum Beispiel schon wieder zu klonen und nicht vielmehr froh sind, mich los zu sein? Sicherheitshalber sollte man also nicht nur die gesamte Zukunft, sondern auch gleich noch die jeweilige Gegenwart mit möglichst vielen Klonen seiner selbst bevölkern, die notfalls als willige Kopiergehilfen für ihre Mitklone bereitstünden. Am sichersten wäre es jedoch, auf fremde Klone, die einem womöglich das ewige Leben mißgönnen könnten, ganz zu verzichten – womit wir wieder bei dem ewigen, allwissenden Gott wären, der ebenfalls keine anderen Götter neben sich duldet, oder – sehr profaner – bei einem Guru, der die Welt gerne als sein privates Computerspiel besäße, mit Datenhandschuhen für Cybersex.

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