Rückzugsgefechte der Siegerpropaganda

Der in den letzten Wochen viel diskutierte Berliner Historiker Arnulf Baring führt das Fehlen der Antriebskraft und des Selbstbehauptungswillens der Deutschen auf die permanent negative Darstellung ihrer Geschichte zurück, die aus den Deutschen eine Verbrecherbande macht. Wenn er recht hat, dann besteht Grund zur Hoffnung, da sich eine Wende in der heute sogenannten Geschichtspolitik abzeichnet. In den vergangenen Monaten wurde durch das Buch von Günter Grass „Im Krebsgang“ die Tatsache ins allgemeine Bewußtsein gehoben, welch grauenhaftes Schicksal die Rote Armee bei ihrem Einmarsch ins Reichsgebiet den Deutschen bereitete. Ein weiterer Komplex, der das größte Aufsehen zur Zeit erregt, ist die ausführliche populäre Darstellung des britischen und amerikanischen strategischen Luftkrieges gegen die deutsche Zivilbevölkerung „Der Brand“ aus der Feder von Jörg Friedrich. Er hat Planung, Durchführung und Wirkung des Massenmordes aus der Luft dargestellt, dabei sich der bisher kaum an die breite Öffentlichkeit gedrungenen Forschungsergebnisse der Historiker bedienend. Niemand kann nun noch leugnen, daß sich mit dieser Art der Kriegführung die verantwortlichen Politiker Großbritanniens und der USA über die auch von ihren Staaten anerkannten Regeln des internationalen Kriegsvölkerrechts hinweggesetzt und sich damit eines monströsen Kriegsverbrechens schuldig gemacht haben. Hamburg 1943 sei die Antwort auf Coventry 1940 gewesen Nun wäre es ein Wunder, wenn sich die bisherigen Verbreiter der Thesen, allein Deutschland sei Schuld an der Barbarisierung des Krieges, geschlagen gäben. Ein treffliches Beispiel für die erbitterten Rückzugsgefechte der Propagandisten alliierter psychologischer Kriegführung bietet die zur Zeit laufende Serie über den Bombenkrieg im Spiegel, mit der sich die Zeitschrift an den Erfolg des Buches „Der Brand“ anhängt und gleichzeitig bemüht ist, eine Deutung des Luftkrieges zu liefern, die wenigstens eine Mitschuld der Deutschen suggeriert. Schon im Vorspann wird der Eindruck erweckt, der anglo-amerikanische Bombenkrieg gegen Hamburg sei nichts anderes gewesen als Winston Churchills „Gegenzug“ zum deutschen Angriff auf Coventry. Und die Beschuldigung setzt sich fort mit der Behauptung, Deutschland habe den Luftkrieg gegen die Zivilbevölkerung begonnen, etwa mit den Angriffen von Bombenflugzeugen der Legion Condor 1937 im spanischen Bürgerkrieg gegen die baskische Stadt Guernica, und fortgesetzt mit Angriffen auf Warschau und Rotterdam. Auch die der Vorbereitung der Invasion dienenden Angriffe der Luftwaffe 1940 auf britische Industrieanlagen, Schiffe, Flugplätze, Befestigungen werden vom Spiegel als Terrorangriffe auf die Zivilbevölkerung umgedeutet und mit britischen Bombenteppichen auf deutsche Arbeiterwohnviertel gleichgesetzt. Nicht jede Art des Luftkrieges ist völkerrechtswidrig. Richtet er sich gegen Befestigungen, feindliche Stellungen, Flughäfen, Rüstungswerke, Hafenanlagen, Verkehrslinien, ist er legitim, auch wenn dabei unbeabsichtigt Zivilisten und zivile Einrichtungen zu Schaden kommen. Richtet sich der Luftkrieg jedoch gezielt gegen Zivilisten, ist er ein Verbrechen. Die Haager Landkriegsordnung, um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert erarbeitet und von nahezu allen zivilisierten Staaten unterzeichnet, faßt die allgemein geltenden Gesetze und Gebräuche des Krieges zusammen. Sie dient dem Schutz der Zivilbevölkerung, der Verwundeten, der Kriegsgefangenen und der Kulturgüter. Die Haager Landkriegsordnung legt nicht nur fest, daß die „Kriegsführenden kein unbeschränktes Recht in der Wahl der Mittel zur Schädigung des Feindes“ haben, sondern bestimmt auch in Artikel 25: „Es ist untersagt, unverteidigte Städte, Dörfer, Wohnstätten oder Gebäude, mit welchen Mitteln es auch sei, anzugreifen oder zu beschießen.“ Das schließt eine konventionelle Kriegführung nicht aus, doch müssen die Kriegführenden stets darauf bedacht sein, die Zivilbevölkerung so wenig wie möglich zu schädigen. Wird aber die Zivilbevölkerung Ziel der Kriegsführung, dann macht sich die Krieg führende Macht des Bruchs des Völkerrechts schuldig. Dem Spiegel-Autor Jochen Bölsche müßten die schon vor längerer Zeit erschienenen Untersuchungen der deutschen Luftangriffe auf Guernica, Warschau und Rotterdam bekannt gewesen sein, doch schob er sie beiseite, weil sie sonst sein Vorurteil beschädigt hätten. Bereits 1975 veröffentlichte das Militärgeschichtliche Forschungsamt die Studie von Klaus A. Maier über Guernica 1937. Ihr folgte zwölf Jahre später eine weitere Untersuchung von dem in Großbritannien lehrenden Hans-Henning Abendroth, veröffentlicht in den Militärgeschichtlichen Mitteilungen, die damals durch Manfred Messerschmidt für das Militärgeschichtliche Forschungsamt herausgegeben wurden. Beide Historiker kommen nach gründlicher Prüfung aller Unterlagen zu dem Schluß, 1937 hätten auf Anforderung der nationalspanischen Seite deutsche Flugzeuge der Legion Condor sowie des italienischen Hilfskontigents zur Unterstützung der vor Guernica kämpfenden nationalspanischen Fronttruppen am 28. April einen Luftangriff auf die strategisch wichtige Straßenkreuzung östlich von Guernica geflogen. Straßen und Brücken sollten so bombardiert werden, daß der Rückzug des Feindes behindert wird. Nie wurde die Zerstörung der Stadt beabsichtigt. Dafür, daß die Brände, verursacht durch widrige Witterung, einen großen Teil der Stadt erfaßten, kann man nicht den Vorwurf ableiten, die Legion Condor habe bewußt einen Angriff gegen die baskische Zivilbevölkerung geführt. Der Angriff war also keineswegs völkerrechtswidrig. Als die Truppen des deutschen Heeres im September 1939 Warschau eingeschlossen hatten und die polnische Hauptstadt fünfmal zur Übergabe aufforderten, lehnte die polnische Führung sie fünfmal ab. Warschau wurde erbittert verteidigt. Vor dem Sturm auf Warschau wurde die Bevölkerung aufgefordert, auf frei gehaltenen Straßen Warschau zu verlassen. Sodann erfolgte ein für damalige Verhältnisse schwerer Luftangriff, der die Kapitulation Warschaus zur Folge hatte. Coopers „Pulverisierung“ und Hitlers „Ausradierung“ Lufangriffe auf die in der Frontlinie liegende und verteidigte Stadt sind völkerrechtlich nicht zu beanstanden, was der französische Militärattaché in Warschau in Berichten an seine Regierung ausdrücklich bestätigte. Im Mai 1940 lagen die deutschen Heereseinheiten am Stadtrand von Rotterdam und hatten die Stadt zur Übergabe aufgefordert. Diese wurde abgelehnt, und auch das noch, als Luftangriffe angedroht wurden. Als dann nach Ablauf des Ultimatums deutsche Bomber im Anflug waren, bot der holländische Oberbefehlshaber Übergangsverhandlungen an. Man rief die Bomber zurück. Eine Teil des Geschwaders konnte nicht mehr erreicht werden. Sie warfen ihre Bomben auf den Stadtrand, wo sich die holländischen Stellungen befanden. Obwohl nur Sprengbomben eingesetzt wurden, breiteten sich große Brände aus, die ein Sechstel der Stadt vernichteten. Die ungewöhnliche Ausbreitung des Feuers wird von dem Feuerwehrfachmann Hans Rumpf in seinem Buch „Der hochrote Hahn“ damit erklärt, daß Rotterdam keine zeitgemäße Berufsfeuerwehr hatte, so daß das Feuer nicht wirkungsvoll bekämpft werden konnte. Um nach der Niederkämpfung Frankreichs die Invasion der britischen Insel vorzubereiten, griff die deutsche Luftwaffe ab Anfang August 1940 militärische und Rüstungsziele in Küstennähe und in Nordost-England an. Es waren ausnahmslos genau gezielte Tagesangriffe. Bombenangriffe bei nicht einwandfreier Sicht sowie Angriffe auf London waren laut Führerbefehl verboten. In der Nacht vom 11. auf den 12. Mai 1940 warfen britische Flugzeuge zum ersten Mal ungezielt Bomben auf deutsche Wohngebiete, und zwar in Mönchengladbach. Von da an – es war der Tag, an dem Churchill britischer Ministerpräsident wurde – folgten solche ungezielten Bombenabwürfe auf Städte im Ruhrgebiet Nacht für Nacht. Bis zum 13. Mai 1940 registrierte die deutsche Seite insgesamt 51 britische Luftangriffe auf nicht militärische Ziele neben 14 Angriffen auf militärische Objekte. Am 25. August 1940 begannen britische Bomber nachts Berlin anzugreifen und Bomben ins Stadtgebiet zu werfen. Die Angriffe wurden von sich steigernder Propaganda begleitet. Der britische Informationsminister Duff Cooper kündigte im August im Rundfunk und in der Presse an, die Royal Air Force werde Hamburg „pulverisieren“. Als Erwiderung drohte Hitler in einer öffentlichen Rede, wenn die Briten Hamburg „pulverisierten“, werde Deutschland englische Städte „ausradieren“. In den Nachkriegsbetrachtungen wird stets nur die Hitler-Rede zitiert, während man Coopers vorangegangene Drohung unterdrückt. Nachdem die Briten achtmal Berlin angegriffen hatten, erfolgte am 6./7. September 1940 ein deutscher Gegenangriff auf London, und zwar gezielt auf Bahnhöfe, Rüstungswerke, Docks. Es war den Besatzungen der ein- und zweimotorigen Bombenflugzeuge ausdrücklich verboten, ihre Bomben auf Wohngebiete abzuwerfen, da „damit kein kriegsentscheidender Erfolg zu erwarten ist“. Auch in den folgenden Monaten wurden nur englische Häfen, Handels- und Kriegsschiffe, Vorratslager, Kühlhäuser, Lebensmittellager, Truppen- und Versorgungstransporte, Flughäfen, Flugzeug-, Waffen- und Munitionsindustrie angegriffen. Nachdem nachts britische Bomber Wohngebiete von München angegriffen hatten, flog die deutsche Luftwaffe als offizielle „Repressalie“ am 14. November 1940 einen Angriff auf das britische Rüstungszentrum Coventry, das nach den Zielunterlagen 17 Flugmotoren- und andere Rüstungswerke aufwies, die innerhalb von Wohngebieten in der ganzen Stadt verteilt waren. Folgende Ziele waren den Verbänden zugewiesen worden: – Gruppe I, Lehrgeschwader 1: Standard Motor Comp. und Coventry Radiator and Press Works Co. Ltd. – Gruppe II Kampfgeschwader 27: Flugmotorenwerke Alvis Ltd. – Kampfgruppe 606: Cornercraft Ltd. Ace Works (Motorenzubehör) – Kampfgruppe 606: Gasbehälter in der Hill Street – Gruppe I, Kampfgeschwader 51: The Bristol Piston Co., Gießerei – Gruppe II, Kampfgeschwader 55: Maint Unit Co. – Gruppe III, Kampgeschwader 55: Daimler & Co. Ltd., Autos und Motoren Daß dabei auch zivile Gebäude, bedauerlicherweise sogar die Kathedrale von Coventry getroffen wurden, war nicht Gegenstand der Angriffsabsicht. Tatsächlich wurden aufgrund des gezielten Angriffs nur sechs Prozent der bebauten Fläche der Stadt zerstört. (Zum Vergleich: In Hamburg zerstörten die britischen und amerikanischen Angriffe 74 Prozent des bebauten Gebietes.) 400 bis 500 Einwohner Coventrys fanden den Tod (in Hamburg im Juli 1943: circa 35.000 bis 40.000). Wissenschaftlich fragwürdig ist der Spiegel-Vorwurf, die Deutschen hätten „schon in den dreißiger Jahren den totalen Krieg konzipiert“. Das von Bölsche für diese These herangezogene Buch „Der totale Krieg“ des Ex-Generals Erich Ludendorff dürfte zumindest kaum als Beweis dafür herhalten. Dieser veröffentlichte 1935 eine Schrift, in der er konstatierte, seit der Französischen Revolution habe sich der Charakter der Kriege grundlegend verändert. Seien früher Kriege Schlachten der Kabinette gewesen, kämpften jetzt Völker gegeneinander – eine Feststellung, die heute von allen Historikern geteilt wird. Der Pensionär machte darauf aufmerksam, daß sich die politische Führung auf den neuen Charakter einzustellen habe. Deutschland war so wenig auf den „totalen Krieg“ eingestellt, daß die Luftwaffe über keine viermotorigen Langstreckenbomber verfügte, die zwingend notwendig waren, wenn man Bombenteppiche auf Wohnviertel werfen will. Zu just dieser Zeit aber begann man in Großbritannien, eben solche Bomber zu entwickeln, die dann im Zweiten Weltkrieg die deutsche Zivilbevölkerung terrorisierten.

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