Der Lockruf des Westens

Der schwedische Regisseur Lukas Moodysson hat ein Geschick, Filme zu drehen, die bewegen, die Eindrücke hinterlassen, noch Stunden, Tage, Wochen, vielleicht Jahre, nachdem man das Kino verlassen hat. War es in „Raus aus Amal“ (1998) die rührende Geschichte einer erwachenden Liebe zwischen zwei jungen Schülerinnen, so begeisterte Moodysson mit „!Zusammen!“ (2000) durch seine komödiantische Rückschau auf die Kommune-Zeit der 1970er Jahre und die Beschäftigung mit der Frage, welche positiven Impulse aus jener Phase wir auch heute noch bewahren sollten. War seinen früheren Filmen bei aller Tragik und Empfindsamkeit stets ein stark komödiantisches Element immanent, so hat Moodysson nun mit „Lilja 4-Ever“ eine Tragödie geschaffen, von solcher Hoffnungslosigkeit und schonungsloser Brutalität, daß sie den Zuschauer erschüttert und ihn noch sehr lange nach Verlassen der Vorstellung in ihrem Bann hält. „Lilja 4-Ever“ spielt in einem tristen Vorort in Estland. Ein verlassener ehemaliger sowjetischer Militärstützpunkt, völlig heruntergekommen, nur noch bewohnt von den Alten, die nicht mehr fortkommen, und den Jungen, die nicht wissen, wie sie in den Westen gelangen können. Hier lebt die 16jährige Lilja (Oksana Akinshina), die von einem besseren Leben in den USA träumt. Doch ihre Mutter zieht alleine mit ihrem neuen Freund nach Amerika und überläßt ihre Tochter sich selbst. Lilja geht zur Schule, lungert mit anderen Jugendlichen herum und wartet vergeblich auf Post aus Amerika. Sie muß in eine schäbige kleine Wohnung umziehen, die alte Tante, deren Mündel sie ist, versorgt sie kaum mit dem Lebensnotwendigen. Ihr einziger richtiger Freund ist der 11jährige Volodya (Artiom Bogucharskij), ein Herumstreuner aus maroden Verhältnissen, der sich den Tag mit Klebstoffschnüffeln vertreibt. Auf den Tip einer Schulkameradin hin prostituiert sich Lilja gelegentlich, um an etwas Bargeld zu kommen. Dem widerwillig ausgeübten Job steht das Glücksgefühl und der Stolz gegenüber, im kleinen Einkaufsladen konsumieren zu können, ohne in die Geldbörse zu schauen. Dann trifft Lilja den gutaussehenden Andrei, der neue Hoffnung in ihr weckt. Sie beginnt eine Liebelei mit dem scheinbar wohlsituierten jungen Mann. Andrei verspricht, Lilja mit nach Schweden zu nehmen, wo er tätig sei, und ihr dort eine Arbeit zu besorgen. Er schickt die begeisterte Lilja im Flugzeug vor. Doch bereits kurz nach der Landung am Flughafen muß sie ihren Paß abgeben. Sie ist an Menschenhändler geraten, wird in einer Wohnung gefangen gehalten, geschlagen, vergewaltigt und zur Prostitution gezwungen. „Lilja 4-Ever“ ist wahrlich kein Film für schwache Gemüter. Spannend bis zur letzten Minute, handelt er von der Ausbeutung von Menschen, von Erniedrigung, von Angst, von einem hoffnungslosen Leben, das man durch einen Sprung ins Unbekannte und Ungewisse zu verändern glaubt. Der Zusammenbruch des Kommunismus hinterließ eine durch und durch materiell und seelisch verwahrloste Gesellschaft. Die zwanghaften Parolen zu Solidarität und Sozialismus, das rein materialistische Fundament dieser Ideologie, bereiteten einer um so extremeren Ellenbogengesellschaft den Boden, bei der sich keiner mehr um den anderen kümmert, jeder nur noch auf Kosten des anderen zu profitieren und letztlich zu emigrieren versucht. Moodyssons Milieustudie zeigt, wie selbst die geringsten zwischenmenschlichen Strukturen in den Kreislauf des Gegeneinanders, der Ignoranz oder des Ausnutzens eingebunden sind. Die Träume, die unsere westlich-materialistische Welt über die Medien verbreitet, werden zur Antriebskraft für die Anstrengungen der Jungen, schaffen aber zugleich – aufgrund ihrer Unerreichbarkeit – Frustration, Aggression und tiefsitzende Hoffnungslosigkeit. Wie soll eine Lilja in ihrer heruntergekommenen Plattensiedlung jemals erreichen, eine Britney Spears zu werden? Und dennoch hätte es auch für Lilja eine Chance gegeben, was sie spät erkennt: die Bescheidenheit womöglich, die Disziplin, die Aufmerksamkeit gegenüber ihren Mitmenschen, die Solidarität. Als sie allein in ihrer schwedischen Wohnung sitzt, die ihr Gefängnis ist, denkt, sie, wie anders alles geworden wäre, wenn sie Volodya nicht allein zurückgelassen hätte, nicht ausgewandert wäre, wenn sie der alten Nachbarin bei ihren Besorgungen geholfen hätte, statt sie zu beschimpfen, ja, wenn sie vielleicht zur Schule gegangen wäre und sich mit einem soliden Beruf und kleinem Gehalt begnügt hätte. Doch zu sehr lockt die Verheißung des Westens, und so sieht man Lilja selbst in ihrer mißlichen Lage in Schweden bei einem überwachten Einkaufsbummel heimlich, wie sie voller Neid und Bewunderung auf die westlichen Frauen und Mädchen blickt, die in den Geschäften Kleider und Dessous einkaufen. Moodysson sieht in seinem drei Millionen Dollar teuren Film über eine 16jährige am persönlichen Abgrund auch die Geschichte einer größeren politischen Wirklichkeit: „Wir leben in einer Kultur, in der man alles kaufen kann. Man kann Menschen kaufen, ihre Arbeitskraft oder ihre Organe – eine Niere aus Indien oder der Türkei. Auch TV-Shows (…) stellen eine Art von Menschenhandel dar. Mein Film handelt von dieser Welt. (…) Worüber man einen Film macht, ist eine politische Entscheidung, und in diesem Sinne ist mein Film eben ein politisches Statement.“ Trotz seines großen politischen Hintergrundes ist „Lilja 4-Ever“ kein politischer Film, sondern einer, der sehr nahe an den authentischen menschlichen Empfindungen ist. Das macht ihn ehrlich und adelt ihn zur Kunst. Dennoch voraussichtlich ein Film, den nicht viele Menschen werden sehen wollen.

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