Ausverkauf nach Übersee

Mit dem Verkauf des traditionsreichen Flugzeugturbinenherstellers MTU Aero Engines an den US-Finanzinvestor Kohlberg Kravis Roberts (KKR) durch den „Global Player“ Daimler-Chrysler fällt erneut ein strategisch wichtiger deutsche Rüstungs- und Hochtechnologiefirma (Zulieferer für Eurofighter) in US-Hände. Die MTU Aero Engines hat allein in Deutschland drei Standorte: München, Hannover und Ludwigsfelde bei Berlin. In der Zentrale München entwickeln, fertigen, montieren, testen und vermarkten 5.500 Mitarbeiter zivile und militärische Triebwerkskomponenten. Speziell die MTU-Niederdruckturbinen genießen Weltruf. Außerdem werden zivile und militärische Triebwerke in München instand gehalten. Der MTU Standort Hannover ist das Kompetenz-Zentrum für die Instandsetzung ziviler Triebwerke des mittleren und oberen Schubbereichs. In Ludwigsfelde ist die Instandhaltung für zivile Kleintriebwerke und die Neubau-Montage von Niederdruckturbinen angesiedelt. Bereits im vergangenen Jahr wurde der technologisch weltweit führende U-Boot-Bauer Howaldtswerke Deutsche Werft AG an One Equity Partners (OEP), eine dem US-Rüstungsriesen General Dynamics nahestehende Investmentfirma, verkauft (siehe JF 27/02 und Interview in JF 18/03). Auch der Panzerhersteller Krauss-Maffei-Wegmann geriet in die Zange: Den schwedischen Leopard-Hersteller Bofors hat die US-Firma United Defense übernommen. Der spanische Lizenzfertiger Santa Barbara Blindados ging an General Dynamics. Die Bundesregierung hat auf diese Vorgänge mit einer Novelle des Außenwirtschaftsgesetzes reagiert, die ihr ein Mitspracherecht beim Verkauf deutscher Rüstungsfirmen ins Ausland sichern soll. Die hiermit verbundenen Gesetzesveränderungen sollen demnächst in Kraft treten. Im Falle MTU kommen sie auf jeden Fall zu spät. Der SPD-Wehrexperte Rainer Arnold mutmaßte denn auch, daß die Konzernverantwortlichen von DaimlerChrysler (DC) MTU „ohne Not“ auch deshalb verkauften, „um den von der Regierungskoalition geplanten Gesetzesänderungen, mit denen die Veräußerungen von Rüstungsbetrieben erschwert werden sollen, zuvorzukommen“. Massive Kritik übte Arnold an den Konzernlenkern von DC. Deren Prinzip, „stets öffentliche Aufträge und Subventionen aus Steuermitteln einzufordern, aber gleichzeitig die sicherheitspolitischen Belange Deutschlands zu ignorieren, zeugt nicht von dem notwendigen Verantwortungsbewußtsein des Managements“. In der dreimonatigen Bieterphase für MTU, aus der KKR schließlich als Gewinner hervorging, schälten sich aus fünf Bietern schnell zwei Favoriten heraus: einmal die britische Investmentgesellschaft Doughty Hanson sowie ein US-Konsortium um die Investmentgesellschaft KKR und JF Lehman. Überraschend frühzeitig schied Carlyle, die größte Fondsgesellschaft der USA, aus dem Rennen um MTU aus. Doughty Hanson ist bereits Eigentümer des US-Triebwerkskomponentenbauers Dunlop Standard. Der Verkauf von MTU an KKR, den Daimler bis Jahresende abschließen will, ist ein weiterer Baustein im aktuellen Eigentümerwechsel der Triebwerksindustrie Europas. KKR ist eines der führenden Private-Equity-Häuser der Welt. Die Anlagestrategie konzentriert sich auf Investments in attraktive Unternehmen und die langfristige Zusammenarbeit mit dem Management, um nachhaltige Wertschöpfungsstrategien umzusetzen. KKR wurde 1976 gegründet und hat in Nordamerika und Europa mehr als 100 Transaktionen zum Abschluß gebracht. Seit 1996 hat KKR in Großbritannien und auf dem europäischen Festland neun Transaktionen durchgeführt. Das aktuelle Portfolio von KKR besteht aus 30 Unternehmen mit Sitz in den USA, Kanada, Deutschland, Österreich und Großbritannien. Darunter befinden sich Amphenol, Rockwood Specialties (übernommen von der Laporte plc), Willis Group (früher Willis Corroon), Shoppers Drug Mart und Alliance Imaging. Im deutschsprachigen Raum ist KKR außer an Wincor Nixdorf (früher Siemens Nixdorf) auch an Tenovis, der früheren Bosch Telekom, und Zumtobel, einem führenden europäischen Leuchtenunternehmen, beteiligt. Im Durchschnitt hat KKR die Beteiligung an seinen Unternehmen über sieben Jahre gehalten. Das frühzeitige Ausscheiden von Carlyle aus dem Rennen um MTU kommt überraschend. Die US-Beteiligungsgesellschaft hatte kürzlich mit der Finmeccanica SpA die im Fluggeschäft tätige Fiat Avio vom Fiat-Konzern übernommen. Eine Zusammenführung mit MTU war von Branchenbeobachtern als „synergieträchtig“ bezeichnet worden. Carlyle selbst wollte sich zu dem angeblichen Ausscheiden im Rennen um MTU nicht äußern. Die Gesellschaft wurde 1987 von David Rubinstein gegründet und verwaltet heute ein Anlagevermögen von 14 Milliarden Dollar. Ein Drittel des Portfolios von Carlyle ist in die Rüstungsindustrie investiert. Carlyle verdient nicht nur an fast allen Rüstungsprojekten mit, sondern vor allem auch im Telekommunikationssektor. Beides sind gewinnträchtige Wirtschaftszweige, die sehr stark von der jeweiligen Politik eines Staates abhängen. Deshalb besetzen viele Ex-Minister und hohe Beamte aus der Ära Bush und Reagan die hochdotierten Beraterposten von Carlyle, darunter beispielsweise Frank Carlucci (Verteidigungsminister unter Präsident Ronald Reagan) oder James Baker (Außenminister unter Reagan). Die Übernahme des italienischen Flugzeugunternehmens Fiat Avio durch Carlyle und der angestrebte Verkauf von MTU dürfte die Unruhe in der europäischen Rüstungsindustrie weiter anfachen. Vertreter deutscher Rüstungskonzerne und die ,,Wehrexperten“ aller Bundestagsfraktionen befürchten bereits seit längerem, US-amerikanische Rüstungsunternehmen könnten über den Einkauf in deutsche und europäische Unternehmen auf die geplante EU-Militärmacht Einfluß nehmen wollen. Die Vorgänge um MTU zeigen, wie aktuell die Forderungen der Berliner Stiftung für Wissenschaft und Politik (SWP) sind, die bereits seit längerem eine eigene rüstungstechnologische und -industrielle Basis für Deutschland einfordert. Eine derartige Basis liefere „als sicherheitspolitisches Instrument die Voraussetzung für eigenständige politische und militärische Handlungsfähigkeit oder erlaubt die Einflußnahme auf die Gestaltung der politischen und militärischen Ziele von Allianzen oder Ad-hoc-Koalitionen“. Daß die USA an einer derartigen Eigenständigkeit gerade nicht interessiert sind, bedarf wohl keiner eigenen Begründung mehr.

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