Joachim Kuhs

 

Der Frühvollendete

Der vor 80 Jahren geborene Wolfgang Harich war in gewisser Weise ein Frühvollendeter. Die Spuren, die er als Philosoph, Herausgeber, Journalist, Politiker und Nationalkommunist hinterließ, hatte er bereits zwischen seinem 22. und 33. Lebensjahr gelegt. Am Anfang seiner Laufbahn standen zwei Artikel in der von der sowjetischen Besatzungsmacht herausgegebenen Täglichen Rundschau. Seine Karriere endete mit der Verhaftung am 29. November 1956, der acht Jahre Gefängnis folgten. Der frühe Eintritt in das intellektuelle Leben war weder zufällig noch voraussetzungslos. Harich war am 9. Dezember 1923 in Königsberg als Sproß einer gutbürgerlichen Familie geboren worden. Der Großvater väterlicherseits, Ernst Harich (1858-1940), war Druckereibesitzer und Zeitungsverleger in Allenstein, der die Allensteiner Zeitung und Harichs landwirtschaftlichen Anzeiger aus Ostdeutschland herausgab und eine Villa schräg gegenüber der Bischofsburg bewohnte. Der Großvater mütterlicherseits, Alexander Wyneken (1848-1939), gründete die Königsberger Allgemeine Zeitung, bis 1928 war er als Verleger und Chefredakteur tätig Sein Vater Walther Harich (1888-1931) war promovierter Literaturwissenschaftler. In den Artikeln vom 23. August und 27. Oktober 1946 hat man bereits den ganzen Harich: scharfsinnig, gebildet, demagogisch und maßlos polemisch. Ihr Anlaß war eine positive Rezension des Buches „Die deutsche Frage“ des Sozialökonomen Wilhelm Röpke (1899-1966), der 1933 in die Schweiz emigriert war. Die Besprechung war in der Zeitschrift Deutsche Rundschau erschienen, ihr Verfasser war der Herausgeber Rudolf Pechel (1882-1961). Röpke war für einen wirtschaftlich und politisch autarken, föderal verfaßten deutschen Weststaat eingetreten. Dieser sollte einem westlichen Bündnis angehören, das sich gegen die „totalitäre“ Sowjetunion richtete. Röpke hatte die Grundzüge der Politik skizziert, die Konrad Adenauer kurz darauf praktizieren sollte. Adenauer versuchte sogar, Röpke als Mitarbeiter zu gewinnen. Der blieb zwar auf seinem Genfer Lehrstuhl, vermittelte dem Kanzler aber den Kontakt zu Walter Hallstein, der dann maßgeblich die außenpolitischen Konzeptionen formulierte. Harich griff seine Gegner unter der Überschrift „Röpke, Pechel und der Totalitarismus“ scharf an. Zunächst äußerte er sich anerkennend über Röpkes analytische Kraft, um ihm dann vorzuwerfen, hinter „individualistischen Freiheitspostulaten alle reaktionären Argumente gegen die Sowjetunion, gegen das Bollwerk und die Heimat des sozialen Fortschritts“ zu tarnen und eine „ignorante Demagogie“ zu betreiben. Es mache doch einen Unterschied, ob eine Regierung „durch ihre Einsicht in die historische Notwendigkeit legitimiert“ sei und die „Avantgarde des menschlichen Fortschritts“ darstelle – gemeint war die sowjetische Führung unter Stalin -, oder ob sie eine „finstere Gangsterbande“ sei. Damit hatte er Röpkes Totalitarismus-Ansatz natürlich nicht widerlegt, sondern bloß verworfen. Zweitens machte er sich Sorgen wegen der „satanischen Absicht der endgültigen Aufspaltung und Vernichtung Deutschlands“ durch die Etablierung eines westdeutschen Separatstaates. Pechel sah sich durch den Angriff herausgefordert. Vor allem traf ihn der Vorwurf, wegen seiner lobenden Besprechung Röpkes ein „Feind des deutschen Volkes“ zu sein. Außerdem hatte Harich seine nazifeindliche Gesinnung in Zweifel gezogen. Das war infam gegenüber einem Mann, der von 1942 – dem Jahr, in dem seine Zeitschrift zwangsweise eingestellt wurde – bis 1945 im KZ gesessen hatte. Er antwortete in der Septembernummer der Deutschen Rundschau mit dem Artikel „Von Himmler zu Harich“, in dem er eine interessante Charakterisierung Harichs gab. Er nannte ihn ein „genialisch-intellektuelles Wunderkind“ und fuhr dann fort: „Er ist sozusagen ein reiner Intellekt auf zwei Beinen, eine Art Homunculus. In leichteren Fällen entsteht so ein Genie im Rechnen oder ein Schachmeister, in schwereren ein politikasternder Feuilletonist – eben ein Harich. (…) Ohne Regulator, ohne Hemmung, ohne Ehrfurcht, intolerant bis ins Letzte, ohne Achtung vor Menschenwürde, vor fremder Persönlichkeit, Überzeugung und Arbeitsleistung, ohne Selbstzucht und Selbstkritik, ohne Herz und Herzensbildung. (…) Ein Negativist, der vor dem eigenen Nihilismus in die Dialektik flüchtet. Er braucht wie alle Substanzlosen einen Gegner, an dem er sich reiben kann, und das führt ihn dann zu intellektuellen Lustmordversuchen.“ Harich antwortete darauf mit dem Artikel „Nicht abschweifen, Herr Pechel!“, in dem er sich über Pechels onkelhaften Ton lustigmachte. Dann folgten inquisitorische Fragen von der Art: „Sind Sie in der Lage, die mit Röpkes Sammelbegriff ‚Totalitarismus‘ behauptete Identität von Faschismus und Kommunismus auf Grund einer Analyse der faschistischen Ideologie einerseits und des konsequenten wissenschaftlichen Sozialismus andererseits hieb- und stichfest zu beweisen?“ Zehn Jahre später sollte Pechels Prophezeiung über Harichs Schicksal sich erfüllen: „Er ist ein brauchbares Werkzeug, das der Gebraucher gern benutzt und mit Verachtung betrachtet.“ Harich aber darf man zugute halten, daß er die langfristigen Folgen eines westdeutschen Separatstaates instinktsicher erfaßt hatte: Das deutsche Volk würde „in einer unpolitische Existenzform gefangengehalten“ und „wehrlos“ gemacht werden „durch politische Ratlosigkeit und Apathie“ sowie „ein zur amorphen Masse summiertes spießbürgerliches Philistertum seiner Individuen“.

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