Bayern im Dschungel

Eine kleine Ansammlung neuer Holzhäuser mitten im graugrünen Dschungel Paraguays. Sengende Sonne, verbrannte Erde, Abgeschiedenheit, das Warten auf eine Botschaft, die Unmöglichkeit der Rückkehr, das Erwachen aus einem Traum, die Enttäuschung: Für den norddeutschen Reisenden Jan Rogge wird dieser triste Ort „Bayern“, dessen Name in diesem südamerikanischen Nichts bereits eine einzige Illusion darstellt, zum Mittelpunkt eines grausigen Geschehens. Beim Heraufziehen eines Wassereimers fördert er aus dem Brunnenschacht einen toten Jungen zutage. Und in einem Haus des ausgestorbenen Nestes hängt eine tote Frau an einem Strick. Da erscheint plötzlich zu Pferde der Aussteiger Franz Brunner, der Planer der Siedlung, ein von dem Verbrechen scheinbar völlig unbeeindruckter Mann, dessen schöne junge Frau in Rogge ganz offensichtlich einen zuverlässigen Verbündeten sucht, um dieser Hölle zu entkommen. Gräber werden für die Ermordeten ausgehoben, ein gewaltiges Unwetter braut sich vor der undurchdringlich scheinenden Kulisse des Dschungels zusammen, und für den müden Wanderer aus Deutschland spitzt sich die Situation immer stärker zu. Wolfgang Winkel, ein ehemaliger Berufsoffizier, der heute als Lehrer und Schriftsteller in der Nähe von Cuxhaven lebt, ist bislang mit Veröffentlichungen in Zeitungen und Literaturzeitschriften, Beiträgen in einer Festschrift zu Ehren Ernst Jüngers und zwei Bänden mit Erzählungen hervorgetreten. In seiner neuen Erzählung „Nacht in Paraguay“ entfesselt der Autor einen Showdown träumerischer Ungewißheit und unheilvoller Täuschung fern seiner Heimat. Dabei verwebt er die lakonisch erzählte Geschichte um das mysteriöse Verbrechen im Dschungel mit starkem Strich und feinem Gespür für jene Undurchschaubarkeiten, die für gute Abenteuerliteratur unabdingbar sind. Die Auflösung des dunklen Geheimnisses ist hingegen nach einem duellähnlichen Kampf mit Schießerei, Tod und Nacht eher untypisch, aber dennoch durchaus genregerecht. Wolfgang Winkel: Nacht in Paraguay. Erzählung. Verlag Deutsches Haus, München 2002, 95 Seiten, 7 Euro

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