Pankraz, G. Depardieu und der Geist des Bischofs

Gérard Depardieu liest Augustinus" – diese Aktion findet zur Zeit in Frankreichs Kathedralen statt, und die Weisheitslehrer sämtlicher Klassen und Fakultäten befällt Neid. So möchte man modernerweise unter die Leute gebracht werden: indem das, was man sich ausgedacht und mühsam zu Protokoll gebracht hat, von einem großen und populären Schauspieler, einem Liebling der Massen, mit allen rhetorischen Raffinessen und unter größter medialer Anteilnahme vorgetragen wird, und sogar noch in der Kirche! Was wäre in Deutschland ein Pendant gewesen? "Harald Juhnke liest im Konzerthaus am Gendarmenmarkt aus Hegels Phänomenologie des Geistes".

Soeben hat der französische Star noch im Asterix-Film als dicker Obelix mit Königin Kleopatra geturtelt und nebenbei viele ägyptische Feinde niedergewalzt – und nun strömt das Publikum zu Tausenden in die Kathedrale von Notre Dame, um ihm zuzuhören, wie er Augustinus "Bekenntnissen" Gestalt und Stimme verleiht. Alles paßt, alles wirkt ungeheuer glaubhaft und eindrucksvoll, denn auch der große Augustinus war, wie Obelix, ein stürmisches, niederwalzendes, oft dunkel dröhnendes Temperament.

Wer in seinen Schriften liest, weiß nie genau: Überwältigt da das Temperament Augustinus, so daß er gleichsam wider Willen von der "Perspicuitas", der Klarheit, in die "Obscuritas", die Dunkelheit, fällt, oder setzt er die Obscuritas ganz planvoll zur Erlangung von Perspicuitas ein? Das letztere ist wahrscheinlicher; jedenfalls gibt es an einer Stelle die Aussage, daß jeder gute christliche Prediger eine "festivitas verborum", ein Fest der Wörter, anrichten müsse, um Gott zu dienen.

Der Lateiner Augustinus, 354 n. Chr. in Thagaste, dem heutigen Bone in Algerien, geboren, war nach seiner Bekehrung zum Christentum (da war er schon über dreißig) Bischof von Hippo Regius nahe Karthago und führte als solcher ein bewegtes, arbeitsreiches Leben. Außer zu predigen, hatte er auch der täglichen Feier der Liturgie vorzustehen, hatte die Sakramente zu spenden, Konvertitenunterricht abzuhalten, die Caritas, die Armenfürsorge, zu organisieren, ja, sogar Recht zu sprechen. So rühmt er sich in einer seiner Schriften, daß er – im Gegensatz zu den staatlichen Gerichten, die oft Geständnisse durch schwerste Folterungen erpreßten – nie zu einem dramatischeren Mittel als der Rute gegriffen habe.

Augustinus war nicht tolerant, entbehrte also einer der allerersten philosophischen Tugenden. Es ist ein großes Gezeter und eine ewige Rechthaberei in seinen Schriften, in jeden Dogmenstreit mischte er sich ein und verdammte aus voller Brust seine Meinungsgegner, hießen sie nun Arianer oder Pelagianer, Anhänger des "bloßen" Menschseins Christi oder Anhänger der Willensfreiheit. Gleichzeitig war Augustinus aber ein wahres Wunder an Gedankenschärfe und Formulierungskraft, einer der größen Schriftsteller und Nachdenker, die je gelebt haben.

Tausend Jahre vor Descartes entdeckte er die Rolle des Zweifels im Erkenntnisprozeß, erkannte die große Bedeutung des Unbewußten und des Ichbewußtseins für das Denken, Leibnitz und Fichte und Sigmund Freud vorwegnehmend. Er dachte folgenreich über das Verhältnis von Sein und Zeit nach und entwarf (in seinem "Gottesstaat") eine Theorie von Anfang und Ende der Geschichte, die bis in den Marxismus hinein ihre Spuren gezogen hat.

Seine Lehre von der Unfreiheit des Willens und von unserer totalen Ausgeliefertheit an die Gnade Gottes hat, von Luther bis Calvin, alle Reformatoren am Beginn der Neuzeit inspiriert und die Grundlagen geschaffen für jenen "Geist des Kapitalismus", wonach sich wahre Gottgefälligkeit in wirtschaftlichem Erfolg abspiegelt und der wirtschaftlich Erfolgreiche auch der ethisch "Gute" ist, der das Recht hat, allen "Bösen", weil weniger Erfolgreichen, von oben auf die Köpfe zu spucken. Die gegenwärtige Weltpolitik ist in geradezu penetranter Weise mit dem Parfüm des Bischofs von Hippo getränkt, wofür dieser selbst freilich nichts kann und wofür er nicht verantwortlich gemacht werden sollte.

Jenseits aller Rechthaberei und im tiefsten Herzen war Augustinus ein Zweifler, zumindest wenn er ernsthaft zu philosophieren begann. "Cogito ergo sum", ich zweifle, also bin ich – das war und blieb sein Ausgangspunkt. Gewiß, sein Zweifel richtete sich in erster Linie gegen die Trübungen und Versuchungen der sinnlichen Außenwelt, die es skeptisch abzutasten und gegebenenfalls abzuwehren galt. Doch das Neue und unheimlich Moderne in der augustinischen Perspektive war, daß sie den Zweifel auch an einer zweiten Front, nämlich auch gegenüber Gott mobilisierte.

Augustinus sagte nicht mehr, wie einst Origines und andere Kirchenväter: "Hurra, ich habe die Dunkelheiten der Materie abgeschmettert, nun "bin" ich, nämlich "in Gott" bin ich. Sondern Augustinus sagte: Daß ich zweifeln kann, beweist, daß ich tatsächlich bin, ob Gott das nun will oder nicht. Es gibt die ehrwürdigen Ideen Gottes, aber ich bin leider nicht von Anfang an in diesen schönen "rationes rerum stabiles" drin, ich bin ja ein Sünder und muß strebend mich bemühen. Das ist mein Kreuz, aber auch mein Stolz. Zweifelnd erkenne ich: Ich "bin", und "inquietum est cor meum", unruhig ist mein Herz.

Als das unruhige Herz des Bischofs von Hippo, im Jahre 430 n. Chr., aufhörte zu schlagen, waren gerade die Vandalen dabei, die Stadt und ganz Numidien einzunehmen. Der sterbende Augustinus hörte noch, wie die Angriffsrammen der germanischen Eroberer gegen die Stadttore krachten. Und die Vandalen waren Arianer! Sie gehörten jener Glaubensrichtung an, die der Bischof sein Leben lang bekämpft und rhetorisch niedergemacht hatte. Wie mag es in dem Sterbenden ausgesehen haben? Es wäre eindrucksvoll, wenn Gérard Depardieu in seinen Augustinus-Lesungen auch etwas von dieser schon immer vorhandenen letalen Verzweiflung überbrächte.

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