Ästhetik als Sinnstiftung

Von besonderem Reiz für die Kritik und Erforschung der frühen Prosa Ernst Jüngers war lange Zeit vor allem die der Wahrnehmung und Schilderung des Krieges zugrunde liegende oder eingeschriebene Ideologie. Vor allem die politischen und nicht so sehr die poetischen Aspekte von Jüngers Werk waren Gegenstand der Forschung. Erst in jüngster Zeit geriet zunehmend die literarische Form von Jüngers Texten in den Blick wissenschaftlicher Untersuchungen. So beleuchtete Volker Mergenthaler in seiner 2001 erschienenen Dissertation Jüngers frühe Kriegsprosa im Spannungsfeld von Authentizität und Subjektivität und analysierte der britische Germanist John King das originale Kriegstagebuch Ernst Jüngers (JF 42/03). Nun hat auch der flämische Germanist Hans Verboven eine Dissertation vorgelegt, die sich mit der Ästhetik der frühen Prosa Jüngers auseinandersetzt. Verboven, Vorsitzender der Ernst Jünger Gesellschaft Flandern (Internet: www.stahlgewitter.be ), setzt sich zum Ziel, die verschiedenen Metaphern, die Jünger zur Beschreibung und Deutung des Krieges einsetzt, zu analysieren und damit die Struktur von Jüngers Gedanken und seiner Deutung des Krieges offenzulegen. Der Versuch der „Bewältigung und Deutung“ des Ersten Weltkrieges bilde nicht nur in erheblichem Maß die Grundlage von Ernst Jüngers Frühwerk, er offenbare sich zu einem beträchtlichen Teil im „reichen Metaphernkorpus“ seiner Kriegsliteratur, so Verboven. In chronologischer Folge werden „In Stahlgewittern“, „Der Kampf als inneres Erlebnis“, „Sturm“, „Das Wäldchen 125“ und „Feuer und Blut“ analysiert. Im vorletzten, siebenten Kapitel hebt Verboven die Sonderstellung der Novelle „Sturm“ hervor. In einem Anhang zieht Verboven die jeweiligen Erstausgaben dieser Werke heran und nimmt einen Fassungsvergleich vor, der die besondere Rolle der Metapher als Deutungsmechanismus des Krieges unterstreichen soll. Für die Einordnung der frühen Kriegsprosa Ernst Jüngers bezieht Verboven sich ausdrücklich auf die in derselben Reihe erschienene Dissertation Mergenthalers, der gleichfalls die Denkmalsfunktion von Jüngers Frühwerk hervorgehoben hat: Als hochdekorierter Frontoffizier wollte Jünger den gefallenen Soldaten nach dem Krieg ein literarisches Denkmal setzen. Überzeugend stellt Verboven dar, wie der Versuch, dem Krieg einen Sinn zu geben, bei Jünger oft den ersten Anlaß zur Metaphorisierung darstellt und wie Jünger seine Leser durch die bewußte Wiederholung gut ausgesuchter Metaphern zu überzeugen vermag. Im Gegensatz zur politischen Publizistik kommt diese Sinnstiftung dabei größtenteils mittels komplexer Metaphern statt über politische Schlagworte zustande. Die Metapher „Stellung oder Menschenmasse als Wasser“ bildet dafür ein gutes Beispiel. Die geregelte und energische Bewegung der Kompanien während des Aufmarsches wird in den „Stahlgewittern“ mit der Kraftentfaltung eines Wasserfalls verglichen. Menschen, die im alltäglichen Leben „wie Fische auf dem trockenen Land“ erscheinen, bewegen sich in der Kriegsgefahr als in ihrem eigentlichen Element. Der verteidigende Soldat wird in den „Stahlgewittern“, wie Verboven feststellt, „allmählich zum Material, mit dem die Lücken des Dammes wie mit Sandsäcken gefüllt werden“. Widerstand leistende Stellen bilden die „Inseln“ im Feuer- und Angriffssturm. Eine ruhige Periode mit vergleichsweise nur wenig Artilleriefeuer wird von Jünger als „Trockenheit“ betrachtet, ein Beweis dafür, wie stark die Wassermetapher Jüngers Schreibstil und Denken bestimmt. Die logische Übertragung des Angriffs und der Verteidigung auf den natürlichen Zyklus von Ebbe, Flut und Überschwemmungen läßt den Krieg als unvermeidliches Naturereignis erscheinen. Die Einsicht, daß Jünger den Krieg als ein elementares Naturereignis auffaßt, ist zwar nicht neu, wird aber durch Verbovens präzise, textnahe Untersuchung auch aus sprachwissenschaftlicher Sicht bestätigt. Dabei fallen auch Unterschiede zwischen den einzelnen Werken besser ins Auge. So werden die in den „Stahlgewittern“ entwickelten Metaphernbereiche in „Der Kampf als inneres Erlebnis“ auf Gefühle und weitere nicht-kriegerische Konzepte ausgedehnt; das Rauscherlebnis wird zum Inbegriff aller Urkräfte stilisiert. Der Rausch wird auf die Sexualität und das Stadtleben übertragen. Das Gefühl der Verbundenheit mit den Urinstinkten erweckt dabei eine lebensbejahende Kraft. Die Wechselwirkung zwischen Ursprungs- und Zielbereich der Metapher und die Ausdehnung auf nicht-kriegerische Bereiche verlaufen parallel zu dem, was im Essay „Die totale Mobilmachung“ als zentrale Idee hervortritt: die Ausdehnung des Krieges auf die gesamte Gesellschaft. In „Sturm“ erscheint der Rausch vielmehr negativ konnotiert als momentane Geistesverwirrung. Positiv wirkt der Rausch in diesem immer noch etwas unterschätzten Jugendwerk Jüngers nur im Sinne des künstlerischen Schaffens. Allmählich wird in den „Stahlgewittern“ deutlich, daß der deutsche Soldat der Gewalt des Gegners nicht gewachsen ist. Die Materialstärke des Gegners ist zu groß. Am Ende der „Stahlgewitter“, als die Lage der deutschen Armee unhaltbar wird, beschreibt Jünger die Angriffe des Gegners als „Dammbruch“. Die Niederlage werde durch diese Beschreibung als Naturgewalt bereits antizipiert, so Verboven: Sie erscheint unausweichlich. Der deutsche Soldat hat keine Schuld daran, da er sich mit höheren Kräften konfrontiert sieht. Verbovens sprachliche Untersuchungen werfen ein interessantes Licht auf die in der Forschung immer noch nicht eindeutig geklärte Frage, ob Jünger in seinem Werk die „Dolchstoßlegende“ propagiert hat. Dennoch hätte man sich an manchen Stellen eine tiefgreifendere Analyse vor allem der ideologischen Dimension der von Jünger gewählten Metaphern gewünscht. Doch Verboven ging es wohl in erster Linie darum, in seiner Studie die komplexe Metaphorik Jüngers sichtbar zu machen und das Material bereitzustellen, an dem künftige Studien anschließen können. Besprochene Textstellen aus Jüngers Werk sind in Verbovens Studie integral aufgenommen, das Korpus der Zitate ist entsprechend groß. Dies gibt dem Leser aber zugleich die Möglichkeit, die Grundlage dieser wissenschaftlichen Untersuchung zu studieren und die Wirkung mancher Metapher als eigenes Leseerlebnis nachzuvollziehen. In der Forschung fehlte bisher eine detaillierte und systematische Analyse der Kriegsmetaphern in Ernst Jüngers Frühwerk. Verboven hat mit seiner an der Universität Heidelberg angenommenen Dissertation diese Lücke gefüllt. Seine Studie macht deutlich, daß es sich bei den von Jünger in seiner Kriegsprosa verwendeten Metaphern um tief in seinem Denken verankerte Strukturen der Erfahrungsgestaltung handelt. Hans Verboven: Die Metapher als Ideologie. Eine kognitiv-semantische Analyse der Kriegsmetaphorik im Frühwerk Ernst Jüngers. C.H. Winter, Heidelberg 2003, gebunden, 294 Seiten, 37 Euro

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