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Ribbentrop, Jünger und die kämpfenden Staaten (II)

Da just heute die Biographie Joachim v. Ribbentrops aus der Feder des Kolumnisten in den Handel kommt, sei ein Hinweis darauf gestattet. Aus dem Vorwort von „Ribbentrop – die Verlockung des nationalen Aufbruchs“:

„Über die wissenschaftstheoretische Unmöglichkeit einer objektiven Geschichtsschreibung und die notwendige Prägung des Autors durch literarische Neigungen, beispielsweise zur Tragödie oder zur Farce, ist in den letzten Jahrzehnten viel geschrieben worden, mit Sicherheit zu viel. Zu diesen möglichen Einflüssen gesellen sich mögliche politische Prägungen des Autors und natürlich der Eindruck aktueller politischer Entwicklungen.

Während nun dies hier in den letzten Jahren geschrieben wurde, trafen praktisch täglich Nachrichten über eine Krise der Europäischen Union ein. Es war dabei die Rede von einem Deutschland, das den einen zuviel politisches und wirtschaftliches Gewicht entwickelt hatte, während bei den anderen der Eindruck entstand, die Bundesrepublik Deutschland solle geradezu von den Nachbarn ausgebeutet und als Staatswesen ausgelöscht werden. Demnach stand so etwas wie die ‘deutsche Frage’ einmal mehr im Raum und dies gelegentlich zumindest rhetorisch als eine Frage von Krieg und Frieden.

Außenpolitik vor 1945

Der größere von zwei vergleichsweise bescheidenen Nachfolgestaaten jenes deutschen Reichs, dessen Außenpolitik vor 1945 hier im folgenden geschildert werden wird, wurde teilweise verdächtigt, eine Hegemonie in Europa anzustreben. Daß die Auseinandersetzung darüber vielleicht ins Militärische eskalieren könnte, haben mehrere Regierungschefs dieses Staates angedeutet.

Ob diese Eindrücke in irgendeiner Form die Darstellung beeinflußt haben, ist schwer zu sagen. Beabsichtigt war es jedenfalls nicht. Immerhin ist der hier beschriebene politische Lebenslauf Joachim von Ribbentrops in den Jahren 1933 bis 1945 auch eine Abhandlung über gegenseitiges Mißtrauen und die daraus resultierenden Mißverständnisse. Wenn beides in der ideologisch aufgeladenen Ära der Weltkriege auch ganz anders begründet war, so scheint dies doch in gewissem Umfang ein zeitloses Problem zu sein, das mit dem drohenden Zerfall der jeweils vorhandenen internationalen Ordnung immer akuter wird.

Die ‘realistische Schule’ der außenpolitischen Vorstellungswelten mit ihrer Grundannahme internationaler Anarchie wird in diesem Fall tendenziell zu zutreffenderen Beschreibungen kommen als die Annahmen von wertegeleiteter Außenpolitik und der allgemeinen Gültigkeit von Völkerrecht. Diese Annahmen und die daraus gewonnenen Normen stellen eben häufig auch den Ausdruck einer Hegemonie einzelner Staaten dar – die teilweise nur andere Staaten an diese Normen binden, sich selbst aber nicht – und sie werden mit dem Verfall dieser Hegemonie fragwürdig.

Offensive Ziele in Polen oder der UdSSR hat Ribbentrop nicht

Was hier nun folgt, ist eine ‘realistische’ Darstellung deutscher Außenpolitik der nationalsozialistischen Ära anhand der Biographie Joachim von Ribbentrops. Mit den oben angesprochenen Problemen der Europapolitik hat dies insofern unausweichlich zu tun, als die Europapolitik der letzten Jahrzehnte offiziell von der Grundannahme einer unprovozierten und grenzenlosen deutschen Kriegspolitik in den Jahren bis 1945 ausging (und weiter täglich ausgeht), die den Krieg von 1939 verschuldet hätte. Diese Grundannahme hat sich als unzutreffend herausgestellt. Insofern – und nur insofern – ist dies unvermeidlich ein politisches Buch.

Ribbentrops Ernennung zum Außenminister ging zum Jahreswechsel 1937/38 ein umfassender Bericht voraus. In der Gedankenwelt, die in diesem Hauptbericht zum Ausdruck kommt, sieht man den kommenden Außenminister, der dem deutschen Staats- und Parteichef Analysen und Empfehlungen gibt, die sich im Kern ausschließlich auf Revisionsziele in Mitteleuropa mit Blick auf die am Rand der deutschen Grenzen lebenden Deutschen beziehen. Kolonien sind als Verhandlungsgegenstand ebenfalls ins Auge gefaßt, aber von zweitrangiger Bedeutung. Von irgendwelchen weitergehenden Zielen mit Blick auf Einflußzonen in Osteuropa oder gar ‘Lebensraum im Osten’ ist nicht die Rede.

Offensive Ziele in Polen oder der UdSSR hat Ribbentrop nicht und unterstellt er auch Hitler nicht. Es geht ihm um die Möglichkeit der Vereinigung des deutschen Staates mit dem 1918 proklamierten Deutschösterreich angesichts der von ihm beobachteten und seiner Meinung nach zu erwartenden englischen Politik. Dieses Ziel zu erreichen, wird nach dem hier dargestellten Szenario die ganze Staatskunst und den vollen Einsatz der deutschen Mittel erfordern. Ein Krieg ist dabei möglich, wenn einzelne Staaten sich diesem Szenario gewaltsam widersetzen. Erwünscht ist er weder im Rahmen dieser großdeutschen Politik, noch soll diese Politik einen späteren, größeren Krieg vorbereiten.“

So viel an dieser Stelle zum „Zeitalter der kämpfenden Staaten“.

Stefan Scheil: Ribbentrop. Oder: Die Verlockung des nationalen Aufbruchs. Duncker & Humblot, Berlin 2013, gebunden, 409 Seiten, 28,90 Euro

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