Schwarze Gesellen in der Provinz

Etwas Positives, Mutmachendes solle ich doch auch einmal mitteilen – den Wunsch höre ich ab und zu, wenn ich zu Vortragsveranstaltungen unterwegs bin. Aber gerne: Ein Lesungstermin zum ernsten Thema „Fremde Täter, deutsche Opfer“ bot mir am vergangenen Wochenende in der ehemaligen badischen Residenzstatt Rastatt die seltene Gelegenheit zum unbeschwerten Eintauchen in die deutsche Geschichte.

Schloß Rastatt, vor gut drei Jahrhunderten für Markgraf Ludwig Wilhelm als erstes Schloß im Reich nach Versailler Vorbild erbaut, nachdem die Truppen Ludwigs XIV. seine alte Residenz in Baden-Baden zerstört hatten, ist allein eine Reise wert. Die Besuchergruppe ist klein, eine Französin läßt sich von ihrem deutschen Freund übersetzen. Der Rhein ist nahe, das Original des flammvergoldeten Jupiter, der vom Dach seine Blitze nach Frankreich schleudert, steht im Treppenhaus.

Zwei Jahrzehnte war im Rastatter Barockschloß nach Kriegsende ein französischer Stab einquartiert, ebenso lange dauerte die preisgekrönte Wiederherstellung der ramponierten Räume mit nach alten Vorlagen neu hergestellten Parkettböden und Wandbehängen, berichtet die Schloßführerin. Es hat sich gelohnt. Im prunkvollen Ahnensaal fällte nach 1945 ein Militärgericht Todesurteile im Namen der französischen Besatzungsmacht. Heute dient der über zehn Meter hohe Prachtraum als festlicher Konzertsaal. Der Blick nach oben lenkt die Gedanken auf andere Herausforderungen, die Franzosen und Deutsche heute gemeinsam zu bestehen haben: Drastisch modelliert, müssen recht elend dreinblickende osmanische Kriegsgefangene die Saaldecke tragen und zugleich von den Waffentaten des Hausherrn künden, des legendären „Türkenlouis“.

Ohne sozialpädagogischen Krampf und Firlefanz

Weiter ins Wehrgeschichtliche Museum, das in einem Seitenflügel des Schlosses untergebracht ist und mit dem Bayerischen Armeemuseum in Ingolstadt das bedeutendste seiner Art zumindest in Süddeutschland sein dürfte. Angenehme Überraschung: Keiner hat das vom Bombenkrieg verschonte Barockschloß mit Stahlglasbetonkeilen dekonstruiert, und im Museum selbst geht es tatsächlich um Militärgeschichte, ohne „Erlebnisparcours“ und anderen sozialpädagogischen Krampf und Firlefanz.

Groß wie ein Kinderzimmer ist das Zinnfiguren-Diorama, das den bedeutendsten Sieg des kaiserlichen Generalleutnants darstellt: Die Schlacht von Slankamen 1691. Kein Detail hat der Schöpfer, ein fleißiger Privatsammler offensichtlich, mit seinen akribisch bemalten Figuren ausgelassen, selbst gepfählte Gefangene im Türkenlager fehlen nicht.

Was glänzt dort vom Saale im Sonnenschein? Eine Schar schwarzer Gesellen in historischen Uniformen, Totenkopf am dunklen Barett, rote und goldene Biesen am schwarzen Waffenrock, drängen sich im ansonsten leeren Museum interessiert fachsimpelnd vor Vitrinen und Schautafeln. Sie geben sich als Lützower Jäger zu erkennen: Mitglieder eines Traditionsvereins, die das Jahr über historische Schlachten aus der Zeit der Befreiungskriege nachstellen und zu Beginn der „Feldzugssaison“ aus ganz Deutschland an einem historisch bedeutsamen Ort zu ihrer ersten Mitgliederversammlung zusammentreffen.

Respekt vor dem patriotischen Idealismus früherer Generationen

Rastatt war eine gute Wahl – den Lützowern, die ihre Farben an die Burschenschaft weitergaben, durch die sie zu den deutschen Nationalfarben wurden, ist im Wehrgeschichtlichen Museum eine eigene Vitrine gewidmet, mit der Stammrolle des Freikorps als Prunkstück.

Ein Schwerpunkt der Sammlung ist das 19. Jahrhundert, von den preußischen Reformern und den Freiheitskriegen über die süddeutsche Revolution von 1848/49 – der im Schloß eine eigene, am Samstag leider nicht geöffnete Erinnerungsstätte  des Bundesarchivs gewidmet ist – bis zu den Einigungskriegen und dem Weg in den Ersten Weltkrieg.

Die historischen Hintergründe sind sachlich dargestellt, mit Respekt vor dem patriotischen Idealismus früherer Generationen und ohne Schuldstolz und Fritz-Fischer-Geschichtsklitterungen. Wer sich für waffentechnische Entwicklungen, Hieb- und Stichwaffen oder historische Uniformen interessiert, kommt ebenfalls auf seine Kosten. Mehr kann man von einem militärhistorischen Museum kaum erwarten. Hier also die ermutigende Botschaft: Deutschland lebt noch, und in der Provinz ist es vielleicht sogar am lebendigsten. Besuchen Sie es doch einfach mal!

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