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Trost für Mubarak

Mitten in der ägyptischen Revolution, das Volk füllt die Straßen, die Anspannung wächst, da kommt es zur kleinen Katharsis. Zwar ertönt kein befreites Lachen, aber immerhin entspanntes Kichern ist zu hören: Ein Scherzkeks hatte den Präsidenten Husni Mubarak auf ebay zum Versteigern angeboten. Werbetext: „?Verpassen Sie nicht die Gelegenheit, Ihren eigenen Diktator zu erwerben!“ Allerdings ohne Garantei und Rückgaberecht. Wer also braucht Unterdrückung als professionelle Dienstleistung?

Immerhin bot ein Kunde ganze zehn Euro für den Diktator, bevor ebay das Angebot vom Server nahm. Die meisten, die davon hörten, dürften in Häme verfallen sein. Nur, wieso eigentlich? Weil das Versteigert-Werden eine Demütigung, eine Herbsetzung auf Sklavenstatus impliziert? Aber sind die Möglichkeiten an Karrikierung, Degradierung und Verspottung nicht unbegrenzt? Warum ist da die „Versteigerung“ besonders treffend?

Weil hier nach dem „Wert” der Gesamtperson gefragt wird, bemessen mit Geld, dem letzten und entscheidenden Maßstab der Gegenwart. Der finale Preis kennt kein Wenn und Aber, kein Abwägen, kein Pro und Contra. Wer hohen Marktwert vorweisen kann, ist von jeder Legitimation befreit. Wer aber nur zehn Euro einbringt, den kann bestenfalls die Nachwelt rehabilitieren.

Metaphysische Letztbegründung

Man kennt das aus Hollywood: Ein Film ist abgedreht und wird als miserabel bewertet. Dann macht er Kasse und damit steigt auch die Meinung über seine Qualität, zumindest in den Studios. Der finanzielle Gegenwert übernimmt die „metaphysische“ Letztbegründung, eine kaum zu brechende Legitmitation von Leistung und Person.

Der Geldkreislauf ist derart mit Angst- und Glücksprojektion aufgeladen, daß ihm nichts im Weg steht – die Emotion ist mit ihm. Darin vergleichbar mit dem Status der Religion in archaischen und traditionellen Gesellschaften. Außerdem sorgt er, nebenbei gesagt, für gleiche Legitimationsschwierigkeiten.

Man erinnere sich an Fortuna oder den Gott des Alten Testaments: Beide privilegieren und verurteilen aus völlig undurchsichtigen Gründen. Der Philosoph Thomas Macho diskutiert in seinem Essay „Das Leben ist ungerecht“ (2010) diese Frage: Warum nimmt Gott das Opfer Abels an und weist Kain zurück? Warum ist Jacob bevorzugt und Esau auf den zweiten Platz verwiesen? Irritierte Exegeten und Autoren von Jugendbibeln suchen in ihren Nacherzählungen nach Gründen, unterstellen beispielsweise Kain ein egoistisches Interesse bei der Opferung, um dessen Abweisung zu legitimieren.

Unkalkulierbarer Seiltanz mit Fortuna

Unnötig zu sagen, daß sie damit weit unter dem Niveau der antiken Bibelverfasser und ihrer Redakteure stehen. Denn die haben solche Begründung nicht etwa „vergessen“, sondern wußten, daß es keine gibt. Die letzte Instanz, man mag sie „Gott“, „Fortuna“ oder sonstwie nennen, ist undurchschaubar, ungerecht. Dessen Liebe, Haß oder Launen sind so willkürlich wie die der Menschen. Nicht anders geht es in der heutigen „Letztbegründung“ aller Dinge zu, der Geldwirtschaft. Die lädt ein zum unkalkulierbaren Seiltanz mit Fortuna.

Da dies der Mehrheit allzu schrecklich klänge, suchen Politiker und Ökonomen seit Generationen nach „Spielregeln”, nach „Erklärungen“, nach einer monetären „Theodizee“, einer marktimmanenten Gerechtigkeit. Das brachte einige Populärformeln hervor wie „Angebot und Nachfrage“. Oder: Der Grad des Einkommens orientiere sich an „Risiko und Verantwortung“ der jeweiligen Tätigkeit. Nun, ob eine Krankenschwester mit ihrem Minigehalt wirklich weniger Nachfrage bedient als ein Bankdirektor? Außerdem ist ihre Tätigkeit im höchsten Maße verantwortungsvoll und riskioreich – Menschenleben hängen davon ab.

Kurzum, diese „Erklärung“ ziehen genauso wenig wie die Entschuldigungen von Jugendbibeln. Die Geldwirtschaft scheint Krankenschwestern einfach nicht zu lieben. Aus und Ende. Also, gestehen wir uns endlich ein, daß menschliche Existenz pure Akrobatik bedeutet, die sich mit sozialen und traditionell-spirituellen Sicherheitsnetzen irgendwie ertragen läßt. Egal, wer das alles lenkt und legitimiert. Und damit sind wir wieder am Beginn unserer Ausführung: Mubarak sollte nicht traurig sein, wenn man nur ein paar Euro für ihn bietet: Geld ist, wie wir gezeigt haben, tatsächlich ein unzuverlässiger Maßstab für den Wert von Mensch und Werk… Jedoch, ob er aus anderer Perspektive besser abschneidet?

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