Endstation Bildung

Zwei Indikatoren sind für den Zustand der Bildungspolitik in Mecklenburg-Vorpommern fatal aussagekräftig: Zum einen ist die Zahl der funktionalen Analphabeten gut zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung mit 150.000 im Nordosten so hoch wie vermutlich noch nie seit der Einführung der allgemeinen Schulpflicht; zum anderen korrespondiert damit die Quote von Schulabbrechern, die zwischen 14 bis 18 Prozent angegeben wird.

Man muß dazu wissen, daß dieser deutsche Abbrecherrekord nicht etwa strengen Examina geschuldet ist. Prüfungen, die ihren Namen verdienen, sind längst romantisch anmutende Bildungsgeschichte, denn das System ist mittlerweile so eingestellt, das früher gefürchtete Scheitern kaum mehr im Abitur zuzulassen. Woanders schon gar nicht. Es gilt mittlerweile als ebenso diskriminierend wie das „Sitzenbleiben“ und ist politisch gänzlich unakzeptabel geworden. Wer durchfällt oder sitzenbleibt beziehungsweise „im eigenen Interesse wiederholt“, ist, so die Lehrmeinung, bislang nur nicht richtig gefördert worden und konnte sein Talent noch nicht entfalten.

Wo nicht gefordert wird, hat Förderung keinen Sinn

Die Teilnahme zur Feststellung der „Berufsreife“ an den „Regionalschulen“ etwa wird deswegen gleich gänzlich der Freiwilligkeit der Schüler überlassen. Wer nicht teilnimmt, schließt auch ab. Eine einigermaßen aufgeschlossene physische Anwesenheit reicht also völlig aus. Wo aber nicht gefordert wird, hat auch Förderung wenig Sinn, und die Fähigkeiten versanden unentwickelt.

Gerade weil Mecklenburg einen sehr niedrigen Anteil an Immigranten hat, der Unterricht also auf Muttersprachler trifft, verwundert die Extremziffer funktionaler Analphabeten ebenso wie jene der Schulabbrecher. Dafür soll es ab der Grundschule nun noch gerechter zugehen: Um die Zahl der Schüler ohne Hauptschulabschluß zu verringern, wird kurzerhand die Förderschule abgeschafft, auf die besonders schwache Schüler gingen, die früher als „lernbehindert“ galten und an „Sonderschulen“ besondere Zuwendung erfuhren. Sonderschule klingt aber nach Negativauslese oder gar Selektion und darf deshalb trotz jahrzehntelanger Bewährung nicht sein.

Die früheren „Förderschüler“ sollen mit Gewinn am Unterricht der Grundschule teilnehmen und diese im Sinne eines „integrativen Ansatzes“ bereichern. Wer immer noch nicht mitkommt, für den gibt es „Diagnoseförderklassen“, in denen der Unterricht der ersten beiden Schuljahre in dreien erfolgt, alles möglichst an Ganztagsschulen, dem vermeintlichen Wundermittel moderner Pädagogik, mit dem das böse Leben abgeschirmt wird.

Ein glückloser Schulpraktiker geht

Kultusminister war von 2006 bis 2011 der ehemalige Direktor des Neustrelitzer Gymnasiums, Henry Tesch, ein Schulpraktiker also, dessen persönliche Qualifikation ansonsten darin bestand, in der DDR neben der Mitgliedschaft in den obligatorischen Massenorganisationen wenigstens jene in der SED ausgelassen zu haben und als Geschichtslehrer vor wie nach der Wende souverän zurechtgekommen zu sein – ein Vorzug, den er mit den allermeisten Kollegen allerdings teilt, die heute das Grundgesetz ebenso plausibel als Errungenschaft vertreten können wie weiland die Verfassung der untergegangenen Republik. Die Amtszeit des spät in die CDU Eingetretenen galt vor den letzten Landtagswahlen als glücklos.

Unter anderem wollte er Gymnasialkollegen als Allrounder in Grundschulen unterrichten lassen, um Lehrerlücken bei Erst- bis Vierkläßlern auszugleichen und damit im gleichen Schritt sehr schlau den Überhang junger Gymnasiallehrer abzubauen. Vor allem aber wünschte sich der etwas farblose Minister offenbar erfolglos die schnellere Verbeamtung junger Lehrer, die in den neuen Bundesländern aus Kostengründen gern vermieden wird, und am Ende seiner Amtszeit betrieb er insbesondere die Absicherung seiner eigenen Rückkehr auf den vertrauten Neustrelitzer Schulmeisterposten, denn die neuerliche große Koalition wollte ihm den Ministersessel nicht noch einmal freihalten.

Ein „Kämpfer gegen Rechts“ kommt

Den bekommt jetzt der als „Bildungsexperte“ der SPD-Fraktion firmierende Mathias Brodkorb. Mehr als alles andere dürfte ihn gerade in diesen Tagen qualifizieren, daß der vormals aus der PDS in die Sozialdemokratie hinübergerutschte Landtagsabgeordnete ein bekannter und geradezu enthusiasmierter „Kämpfer gegen Rechts“ ist, der zwar nie Lehrer war und es schwer haben wird, die eklatanten Bildungsnotstände zu verbessern, aber dafür politisch um so richtiger liegt.

Immerhin betrieb er als Mitbegründer und Redakteur die Internetseite „Endstation rechts“, die nach eigenem Verständnis rechte und ultrarechte Bewegungen observiert, und initiierte die ikonographisch so irritierend mißverständliche wie von allen anerkannt Wohlmeinenden hochgelobte und mittlerweile preisgekrönte Storch-Heinar-Kampagne. Mindestens staatsbürgerkundlich geht es also richtig voran.

Und die Bildung? Veränderte man künftig mit der weiteren Liberalisierung der Zugänge zum Gymnasium und der Reduzierung der Prüfungsanforderungen auch noch die Kriterien für funktionalen Analphabetismus und faßte, wie tendenziell spürbar, die obligatorische Zuteilung von Abschlüssen als juristische Pflicht oder Bringschuld der Schulen auf, hätte man alsbald sogar eine optimistische Statistik zu bieten.

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