Ein König gegen Diktatoren

Schon bei der Krönung des ersten deutschen Königs, Otto I., scheint das Verhältnis zwischen Herrscher und Volk ganz anders gewesen zu sein, als man das heute gewöhnt ist. In der ZDF-Reihe „Die Deutschen“ aus dem Jahre 2008 heißt es: „Nicht nur Adlige sind gekommen, auch viel Volk, wie die Chronisten berichten.“ Nach der Aufforderung „Wenn euch diese Wahl gefällt, erhebt die rechte Hand zum Himmel empor!“ herrschte kein Mangel an Gefallen.

Wenn heute dagegen die Chefin der Deutschen irgendwo eine Rede hält, findet das Volk Zweitliga-Fußballspiele interessanter, und dies völlig zu Recht. Ich müßte schon sehr viel Langeweile haben, wenn ich mir freiwillig eine Stellungnahme von Alternativlos-Angie anhören würde. Und dann auch noch applaudieren würde.

Daher nutzen Politiker heutzutage Fußball-Weltmeisterschaften, um ihren miserablen Ruf zu polieren, indem sie sich ins Fußballstadtion setzen und dort Begeisterung für die Nationalmannschaft vortäuschen. Hätte sich Otto I. in ein Fußballstadion begeben, wäre das wahrscheinlich eher ein Prestige-Gewinn für das Stadion gewesen, als für den König: man hätte es als Ehre empfunden.

Egalitäre Strukturen begünstigen bürgerferne Politik

Offenbar nimmt die Bürgerferne der Politik paradoxerweise immer mehr zu, je mehr die politischen Strukturen bis ins letzte Detail durchdemokratisiert und egalitär werden. Dies liegt natürlich an der Tyrannei der Wahlkämpfe, die ständig zu kurzfristigem und opportunistischem Denken zwingt und Visionen unmöglich macht. So ist es auch kein Wunder, daß die Sitten von Politik und Teilen der Gesellschaft zunehmend alles andere als königlich sind.

Bestätigt wird diese These der vergleichsweise relativ hohen Potenziale für Bürgernähe in Monarchien nun wieder durch die aktuellen Entwicklungen in der arabischen Welt. Während der ägyptische und der tunesische Diktator gestürzt wurden und sich die Erhebungen nun auch auf den Protest gegen das besonders unmenschliche iranische Regime ausweiten, bleiben die Monarchien erstaunlich stabil. Diese sind zudem insgesamt liberaler als die nicht-monarchischen arabischen Staaten.

In Jordanien etwa gibt es zwar auch Unmut der islamisch orientierten Opposition, der sich aber gegen das Parlament richtet, nicht gegen König Adullah II. Vielleicht nicht ohne Grund: Selbst der Spiegel mußte zugeben, daß das Land „zu den liberaleren arabischen Staaten“ zu zählen sei und bezeichnete es als „liberale Monarchie“. Jordanien sei zudem „leidlich stabil, was angesichts seiner geografischen Lage (…) keine Selbstverständlichkeit ist.“

Keine nennenswerte Frustration

Auch in der Oman-Monarchie steht offenbar keine Revolution an. Es gebe dort „keine nennenswerte Frustration“, meint der Islamwissenschaftler Udo Steinbach. Hört, hört! Der Spiegel lobt stark: „Lohngleichheit für Frauen und Männer, kaum Analphabetismus, religiöse Toleranz. – Wenn es so etwas wie ein Musterland im Nahen Osten gibt, dann ist es wohl Oman.“

In Kuwait, muß der Spiegel eingestehen, geht es der Bevölkerung „finanziell nicht schlecht“, es sehe außerdem „ihre Interessen durch das Parlament ausreichend repräsentiert“. Die Islamwissenschaftlerin Katja Niethammer meint, es würde sie „schon sehr wundern, wenn die Bürger dort auf die Barrikaden gingen.“

Nicht gerade bestätigt wird auch die dauernde Unterstellung einer Verwandtschaft von Monarchie und Diktatur: Der marokkanische König Mohamnmed VI. hatte die Erhebung in Tunesien früh unterstützt und Mubarak zum Rücktritt aufgefordert. Auch Marokko ist seit Jahren auf einem, wenn auch vorsichtigen, Reformkurs.

Zufriedenheit mit Monarchien in Medien unterschlagen

Es ist nun sicher nicht so, daß dort das Paradies auf Erden herrschen würde. Aber es ist schon bedauerlich, daß die politisch korrekten Medien so ohne weiteres über diese erstaunlich unterschiedlichen Entwicklungen zwischen monarchischen und nicht-monarchischen Ländern hinwegsehen und keinen Anlaß sehen, sich mit möglichen Ursachen zu befassen.

Überall auf der Welt wollen die Menschen eben doch eine charismatische, Ehre und Stolz ausstrahlende Lichtgestalt an der Staatsspitze, die auch etwas zu entscheiden und zu gestalten hat. Sie wollen keinen Notar eines Parteien-Schmierentheaters, wo ständig dieser „Hü“ und jener „Hott“ sagt. Sie wollen eine Gestalt, die dem Volk ein Vorbild ist, es dazu anspornt, über sich selbst hinauszuwachsen und das unmöglich Erscheinende zu vollbringen. Oder, um es mit einer Passage aus dem Lied „Müssen nur wollen“ von „Wir sind Helden“ auszudrücken: „Das ist das Land der begrenzten Unmöglichkeiten / Wir können Pferde ohne Beine rückwärts reiten!“

Mit der Chefin von Deutschland aber können wir keine Pferde ohne Beine rückwärts reiten lassen. Wenn sich ein Pferd ihre Reden anhören müßte, würde das Pferd wahrscheinlich allenfalls umkippen. Mir ist schon klar, daß eine solche Position momentan nicht mehrheits- und salonfähig und somit etwas utopisch sein düfte, aber das galt vor kurzem auch noch für viele Positionen von Thilo Sarrazin oder der JUNGEN FREIHEIT. Doch das Rad der Geschichte steht nicht still.

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