Langen Müller Sarrazin Wir schaffen das

 

Danke, Danubia!

Ich überlege oft, ob die erste Person Singular, das Ich, entgegen angloamerikanischer Gewohnheit überhaupt Platz in einem journalistischen Text haben sollte, selbst in einer Kolumne, die dem Autor wohl ein gewisses Recht darauf gibt.

Offenbar bin ich immer mehr dazu übergegangen, persönlich zu werden, hoffentlich nicht aus Eitelkeit, sondern eher deswegen, weil einem zur eigenen Ortung und Positionierung letztlich nur das Ich bleibt. Gerade in schwierigen Fragen kann grundsätzlich nur jeder für sich selbst sprechen und für das, was er sagt, verantwortlich sein. Und für diese Notiz möchte ich das Verfahren sogar verstärken.

Bildungspolitik ist irreversibel verfahren

Also: Ich schätze mich glücklich, daß mich, der ich ungern Reden halte, weil ich nie und nimmer „Erklärbär“ sein möchte, die Münchener Burschenschaft „Danubia“ zu ihren 28. Bogenhausener Gesprächen einlud und mich neben anderen qualifizierten Referenten eine Vortrag über Schulpolitik halten ließ, obwohl ich dazu eigentlich gar nichts mehr sagen möchte, weil mir die Bildungspolitik so irreversibel verfahren erscheint, daß sie – im Wortsinn – nur noch revolutionär zu ändern wäre.

Insofern folgte ich bei meinen Darstellungen vor der „Danubia“ den eigenen Wahrnehmungen aus meiner praktischen Erfahrung und zitierte als Autoritätsbeweise meine politisch wie philosophisch zwar kaum in einer Richtung liegenden, aber durchweg starken Gewährsmänner Konrad Paul Liessmann, Manfred Fuhrmann und den couragierten Vorsitzenden des Deutschen Lehrerverbandes Josef Kraus.

Coaching für die Ganztagsschule

In aller Kürze, um hier nicht etwa mein Referat zu wiederholen: Ich hatte nie ein aufmerksameres Auditorium und konnte schon an den Fragen innerhalb der Aussprache erkennen, daß die Diskutanten sich auskannten. Es ging nicht um kulturpessimistisches Lamento, sondern um die perplexe Verblüffung darüber, was kultusministeriell gewollt wird; und natürlich ging es um Vorschläge, wie man zu Inhalt und echter Kompetenz zurückfände – im klaren Wissen darüber, daß das unter gegenwärtigen politischen Bedingungen nie und nimmer geschehen wird, und zwar schon deswegen nicht, weil die Semantik des Begriffs Bildung völlig unklar ist.

Die Regierenden verstehen darunter ein pragmatisch ausgerichtetes „Coaching“, das irgendwie „fit für den Job“ macht, von klarer Inhaltlichkeit, verbindlichen und realistischen Bewertungen weitestgehend absieht und das Heil in der Vermittlung von Methoden sucht, „das Lernen zu lernen“, möglichst noch exemplarisch und bloß nicht systematisch oder gar kanonisiert. Auf „Wissensballast“ zu verzichten und Lehrpläne, so es sie noch gibt, zu „entrümpeln“, das gilt als modern, ebenso eine „Ganztagsschule“, die den Schüler festhält und von Wirklichkeit und Abenteuern abschirmt.

Präsentationstechnik wichtiger als Wissen

Ich habe in meiner Spalte genug darüber geschrieben und bin mit diesem Thema durch, solange Präsentationstechniken der Schule wichtiger sind als Wissen und im übrigen an Abschlüssen allen alles zugetraut wird. Wir haben etwa fünfzig Prozent Abiturienten und streben siebzig Prozent an. Die politische Logik: Abiturienten und Hochschulabsolventen haben die besten Chancen auf einen „Job“, also müssen mehr davon her, am einfachsten per Dekret.

So wie man das Rauchen verbietet, gebietet man „Bildung“. Das funktioniert nur durch Reduzierung der Anforderungen und die Zahlenmystik der Abrechnerei von Notenpunkten. Fehlerquoten im Deutsch-Abituraufsatz gibt es mindestens in Mecklenburg-Vorpommern schon lange nicht mehr, und null Notenpunkte im Mathematikabitur sind gar kein Problem, wenn man an anderer Stelle nicht so gravierend unterbelegt hat. Was den Schwachen hilft, das bremst die Starken, ganz zu schweigen davon, daß das System dazu einlädt, den einfachsten Weg zu gehen, also abzuhaken, abzuwählen und abzurechnen, anstatt sich durch Aufgaben und Fachgebiete herausfordern zu lassen und an den Ansprüchen zu wachsen. Wichtig noch: Man darf die Schüler nicht verantwortlich machen für das System!

Nicht mit Phrasen in der Bildungspolitik abfinden

Die „Danubia“, in der substantiell und kultiviert diskutiert wird, gilt nicht nur der Linken als „rechts“, sondern vermutlich auch der „Mitte“, von der ich immer nicht weiß, wo sie ist. Man kann sich dieses Etikett „rechts“ anheften oder es als verkürzend empfinden. Aber sei es, wie es sei: Ein kritisches Gespräch über die Euphemismen und Lebenslügen der Bildungspolitik, in der sich die ideelle Krise der Bundesrepublik am deutlichsten, nämlich wie in einem Brennpunkt manifestiert, ist nirgendwo mehr möglich als auf Seiten der Konservativen oder der Rechten.

Ebensowenig wie jeder andere wurde ich als Linker oder als Rechter geboren. Mein Weg zur Jungen Freiheit und jetzt zur „Danubia“ war aus einem sehr einfachen Grund zwangsläufig: Ich wollte mich einfach nicht mehr mit Phrasen abfinden und Bildungsprobleme ganz sachlich benennen. Das reichte. Damit steht man schon mitten im politischen Skandal und rückt wie von selbst nach rechts, weil woanders keine klare Rede mehr möglich ist. Der Wahlspruch der „Danubia“ lautet: „Frei in Rede, kühn in Tat!“ Danke, Danubia!

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