Scherenschnitt und Unsterblichkeit

„Media vita in morte sumus“ (zu deutsch: „Mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben“), soll der karolingische Dichter Notker I. von St. Gallen ausgerufen haben, als er balancierende Brückenarbeiter über dem Abgrund sah.

Noch alltäglicher kommt die Symbolik des Sommers daher: An sonnigen Tagen, wo alles in satter Blüte steht, werden auch die dunkelsten, schärfsten Schatten geworfen. Diese Schatten, finstere Doppelgänger, gingen nach antikem Glauben in den Hades – sie waren nichts anderes als „Psyche“ (Seele).

Mag „Leben“ ohne sie unmöglich sein, sie selbst verfügt über keine Vitalfunktion: Sie kann weder fühlen noch denken. Wenn ein Mensch stirbt, scheidet sie von ihm. Nur „als sein Schattenbild überdauert sie ihn und alle seine Lebenskräfte“ – interpretierte der Altphilologe Erwin Rohde. Vergil beendete sein „Aeneis“-Epos mit dem Satz: „Da sanken erkaltet des Turnus / Glieder, und seufzend entfloh sein zürnender Geist zu den / Schatten“.

Malfarben sparen

Was für ein Jenseits! Voll funktionsloser Zombie-Seelen, Untoter auf Ewigkeit. Erst Plato drehte den Spieß um: Im Höhlengleichnis ist die empirische Welt nur Schattenreich, während sich im Ewigen das wahre Sein verbirgt. Neuplatonische Christen wußten diese Auffassung für ihr Weltbild zu nutzen.

Dennoch ließ sich das „Reich der Schatten“ nicht wirklich bannen. Der im mittelalterlichen China entstandene Scherenschnitt kam im frühen 18. Jahrhundert nach Europa. Gefördert hatte dies der französische Finanzminister Étienne de Silhouette, der im Zeitalter der Wirtschaftskrise Malfarben sparen wollte. Solche Schattenrißporträts wurden bald – trotz konkurrierender Porträtmalerei – zur großen Mode an Fürstenhöfen und in Bürgerhäusern.

Lag der Grund dafür im Beginn der Aufklärung, die den Jenseitsglauben schwächte, wenn nicht zum Verschwinden brachte? Schließlich lautete ein geflügeltes Wort jener Zeit: „Was bleibt, das ist nur noch ein Schatten“. War die Schattenrißmode womöglich Ausdruck einer aufkommenden (Sterblichkeits-) Angst?

Moderner Hades

Auch das Kino wurzelt in Schatten und Mythos: Vor wenigen Jahren fanden Archäologen eine persische Schüssel aus der Bronzezeit (ca. 3000 Jahre vor Christus). Bemalt ist sie mit  Silhouettenbildern einer Bezoarziege inmitten von Bäumen, einem Symbol der (Fruchtbarkeits-) Göttin Murkum. Diese Darstellungen – in einer Reihe angeordnet – ähneln sich, nur die Extremitäten der Ziege ändern sich von Bild zu Bild.

Dreht man die Schale, vollzieht sie einen Sprung: So entstand quasi der erste Trick-Film, inhaltlich basierend auf einem Kult, der Parallelen zu dem des Dionysos aufweist (der seinerseits in der griechischen Antike das Theater hervorbrachte).  

Als das Kino – ein Nachfolger der „Laterna Magica“-Schattenspiele – sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausbreitete, war es zunächst auch ein Medium der „Göttinnen“. In der Erotik ihrer Darstellung einer Fruchtbarkeitsgöttin ähnlich, erfuhr die Filmdiva der 10er bis 30er Jahre derartige Verehrung, daß die Kirche gegen solch eine neuheidnische Religion mobil machte.

Jahrzehnte später ist der Film ein moderner Hades: Schatten längst Verstorbener sind auf ihn gebannt; lebendig gemacht durch den Lichtstrahl eines laufenden Projektors. Der  wirft die Vergangenheit, das Jenseitige in einen dunklen Raum und erinnert damit an jenen „Lichtstrahl der erzgöttlichen Orakel“ (Dionysius Areopagita, 5. Jahrhundert nach Christus), der eine minimale Offenbarung des Absoluten gewährt.

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