Des Euros Krieg und Frieden

In diesen Tagen geschieht das Erwartete: die Euro-Krise geht in die nächste Runde. Es sind neue Kredite zur Refinanzierung der üblichen Schuldenverdächtigen in Irland, Griechenland und Portugal fällig, und weil im internationalen Finanzwesen offenbar jeder weiß, daß diese Staaten die geborgten Mittel aus eigener Kraft nicht bedienen können – geschweige denn zurückzahlen – wird die EU solidarisch werden müssen.

Wenn die EU aber solidarisch wird, dann kostet das Geld und wenn in der EU etwas Geld kostet, dann zahlt das in vorderster Linie die Bundesrepublik Deutschland.

Wer führt im Zweifel Krieg gegen wen?

Seit einiger Zeit läuft die publizistische Vorbereitung dieses Schritts. Dabei werden neben der Beschwörung subtiler wirtschaftspolitischer Notwendigkeiten auch Waffen vorgewiesen. Kanzlerin Merkel griff in ihrer Parteitagsrede Anfang letzter Woche auf die bereits von Helmut Kohl entwickelte Formulierung zurück, daß der Euro eine Frage von Krieg und Frieden sei. Geht man einmal von der Richtigkeit dieser Annahme aus, dann stellt sich die Frage, was genau damit gemeint ist. Wer führt im Zweifel Krieg gegen wen?

Da nicht anzunehmen ist, daß hier der Zahler den Schuldnern mit vorgehaltener Pistole sein Geld aufdrängt, wird man zunächst darauf schließen müssen, daß die Schuldner die geladene Pistole in der Schublade haben, um den Zahler im Fall seiner Verweigerung zur Räson zu bringen. Auch dies läßt sich natürlich als Verteidigungsschritt darstellen, denn es sind nach einem vielgeglaubten Gerücht die entfesselten Produktivkräfte vorwiegend der Bundesrepublik, die erst die anderen EU-Staaten im Zusammenhang mit dem Euro in die Zahlungsunfähigkeit treiben.

Insofern wird man Merkels lautstarke, ebenfalls auf dem Parteitag abgegebene Erklärung, man werde sich das Exportieren nicht verbieten lassen, im Bedarfsfall als deutsche Kriegserklärung und klaren Beweis der alleinschuldigen Verstocktheit ausdeuten können.

Schiefes Geschichtsbild über den Zweiten Weltkrieg

Mir kam dieser Tage zufällig ein Brief von Alfred Dregger aus dem Jahr 1997 in die Hände. Darin verteidigt er die Kohlsche Politik. Der damals eben auch von Krieg und Frieden sprechende Kanzler, der zu dieser Zeit lieber die persönliche Niederlage bei der kommenden Bundestagswahl 1998 in Kauf nahm, als die Euro-Einführung zu gefährden, müsse „sein Prestige in die politischen Projekte stecken, mit denen wir im Interesse Deutschlands eine europäische Friedensordnung schaffen wollen.“

Als Grund für Kohls Zwangslage nannte Dregger dabei das schiefe Geschichtsbild über den Zweiten Weltkrieg und die zu diesem Punkt immer noch geschlossenen Archive, unter anderem in London. Interesse an einer Wahrheit, die Deutschland entlasten könne, habe naturgemäß andernorts niemand. Das gibt in der Tat zu denken. Das Leben und Zahlen unter vorgehaltener Pistole ist nicht angenehm, aber es gab auch schon Zeiten, in denen der permanente Kalte Krieg in Europa seine heißen Phasen hatte.

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