Das Rätsel der Sexpüppchen

Im Augenblick – muß ich bekennen – beschäftige ich mich nicht so gerne mit der aktuellen Politik, sondern greife lieber in den archetypischen Urschleim der menschlichen Existenz; überall schäumt und gluckst er mir entgegen, sowohl privat, was hier natürlich nicht von vorrangigem Interesse ist oder sein sollte, als auch beruflich: etwa zu einem Buch von Marija Gimbutas geronnen, mit dem ich mich gerade näher zu beschäftigen habe: „The Goddesses and Gods of Old Europe“.

Die litauische Archäologin war eine Hauptvertreterin der Kurganhypothese, das heißt sie faßte verschiedene Kulturen des neolithischen und frühbronzezeitlichen südrussischen Raumes aufgrund ihrer Bestattungsmethoden unter dem Begriff der „Kurgankultur“ zusammen („Kurgane“ waren bis weit in historische Zeiten gewaltige, den Herrschern vorbehaltene Grabhügel).

Da sie diese kriegerischen, halbnomadischen, ihrer Auffassung nach patriarchal geprägten Stammesverbände den angeblich friedfertigen und matriarchalen, seßhaften, von Ackerbau und Viehzucht lebenden Hochkulturen vornehmlich des Balkan entgegensetzte, die in ihren Augen „Alteuropa“ darstellen, war sie in den sechziger und siebziger Jahren auch eine Vorkämpferin der Matriarchatstheorien – nicht jedoch auch des Feminismus, denn Wissenschaftlerinnen und Publizistinnen ihrer Ausrichtung (zu denken ist hier vor allem an die Italo-Amerikanerin Camille Paglia) wurden ja nicht müde, gerade die Unterschiede zwischen männlichem und weiblichem Wesen zu betonen und an archäologischen Relikten festzumachen.

Unzählige weibliche Figürchen

Zu denken ist hier natürlich an die unzähligen kleinen Figürchen – meist weibliche „Idole“ mit ausgeprägten Geschlechtsmerkmalen –, die in weiten Teilen Europas, nicht nur im Südosten, sondern etwa auch auf der Schwäbischen Alb erhalten sind, wo die bislang ältesten (mindestens 30.000 Jahre alten) Darstellungen menschlicher Figuren gefunden wurden.

Wie alle stark generalisierenden, von „der Kultur“, „den Indoeuropäern“ und „dem Matriarchat“ ausgehenden Theorien sind diese Thesen sehr umstritten; niemals fehlt es am „mephistophelischen“ intellektuellen Gegentypus, dem Spezialisten, der dem Kulturphilosophen überall störende Details wie nicht passende Puzzleteile entgegenhält. Und wenn die Puzzleteile, die man zufällig gefunden hat, zusammenpassen sollten, sind es auf jeden Fall zu wenige, um ein einheitliches Bild zu vermitteln, und selbst dann, wäre das Bild stumm und spräche nicht zu uns.

Archäologen, die in siebentausend Jahren die Reste unserer Friedhöfe durchstöbern sollten, würden, wenn sie nicht noch über andere Quellen verfügen, auch wenig über die Glaubensvorstellungen unserer Zeiten erfahren. Und wer sagt überhaupt, daß es sich immer um Religionen, Göttinnen, Urmütter und Fruchtbarkeitskulte handelt, wo man auf kleine, dickliche Frauenfigürchen stößt?

Vorstufe der heutigen Pornographie?

Erst recht, wenn man – wie im populären Verständnis noch immer – von einer „primitiven“ Kultur unserer steinzeitlichen Vorfahren ausgeht? Vielleicht handelt es sich doch eher um Vorstufen jener Pornographie, die uns in unserer so kultivierten Zeit permanent umgibt?

Wahrscheinlich ist dies nicht der Fall, schließlich hätte man kleine „Sexpüppchen“ nicht als Grabbeigaben verwendet. Oder vielleicht doch, weil man keine grundsätzliche Differenz zwischen den Sphären des Sexus und der Religion sah?

Wie dem auch sei, etwas ist offensichtlich und für uns Kinder immer schnellebigerer Zeiten, in denen die „Generationen“ im Fünfjahrestakt aufeinander folgen, erstaunlich: die ungeheure Konstanz der Kulturformen über Jahrtausende hinweg. Zwar gab es auch im Neolithikum „Moden“ und eine allmählich zunehmende Akzeleration hinsichtlich der Innovationen und Veränderungen (nicht nur der Dinge, sondern vermutlich auch der Weltbilder), aber diese Entwicklungen bewirken Nuancierungen in Jahrtausenden und keine Informationsexplosionen von Jahr zu Jahr.

Ist es bloß Langsamkeit, die uns als Stillstand erscheint und in den kulturellen Erzeugnissen ferner Zeiten etwas Ewiges vorgaukelt, oder handelt es sich tatsächlich, wie etwa Mircea Eliade und viele ähnlich „veranlagte“ Religionsphilosophen annehmen, um etwas Immerwährendes und Archetypisches, das hier gleichsam in das Zeitliche einbricht? Zweifellos muß sich dieses nicht nur in den Attributen von Zeugung, Gebärung, Fruchtbarkeit, Rausch und Wollust zeigen, sondern auch in rationaleren Bereichen, aber wenn, dann spricht es aus den erstgenannten Phänomenen besonders unmittelbar.

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