Kameras und Mikrofone
Kameras und Mikrofone verschiedener Medien (Symbolbild) Foto: picture alliance / dpa
Corona-Krise und Medien

Ratlos und opportunistisch

Im Erdgeschoß unseres Bürohauses befindet sich ein Friseurladen. Seit über 20 Jahren gehe ich dort hin. Wie bei Zehntausenden anderen in Deutschland hängt seit Anfang der Woche ein Schild im Fenster, daß man „bis auf weiteres“ geschlossen habe wegen der Anordnungen der Behörden zur Bekämpfung der Corona-Pandemie.

Schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite ist die „Salatbar“, wo manche von uns mittags Eintopf essen. Dort findet sich ein ähnlicher Hinweis an der verschlossenen Tür. Die Inhaberin hat schon seit längerem wirtschaftlich zu kämpfen, weil die Mieten rasant gestiegen waren und die Einnahmen stagnierten. Ihr Hauptgeschäft ist Catering für Firmenveranstaltungen und Feste. Dieser Geschäftszweig ist jetzt auf Monate tot. Ob wir sie überhaupt noch wiedersehen?

Journalisten als hilflose Zuschauer

Anfang der Woche telefoniere ich mit dem Firmenkundenberater unserer Bank. Er sagt, das Telefon stünde nicht mehr still, weil viele mittelständische Firmen jetzt kurzfristig Überbrückungskredite bräuchten. Ein befreundeter Verleger fragt besorgt nach, wie es uns gehe. Bei vielen Medien brächen die ohnehin rückläufige Anzeigenumsätze fast komplett zusammen. Es sei auch in unserer Branche mit Pleiten zu rechnen.

Wie verhalten wir Journalisten uns während der Corona-Krise? Werden wir unserer Aufgabe ausreichend gerecht, die Bürger über die Lage bestmöglich aufzuklären? Oder sind wir selbst hilf- und ahnungslose Zuschauer bei einem Ereignis, von dem wir alle überrollt werden und in dem wir Aussagen von Virologen und Epidemologen blind vertrauen müssen?

Eine Menge Opportunismus ist im Spiel: Dieselben Moderatoren, die wie Georg Restle noch Ende Januar im ARD-Magazin „Monitor“ vor Übertreibungen in bezug auf den Corona-Virus gewarnt und „Populisten“ für das Schüren von Panik verantwortlich gemacht hatten, weil sie Grenzen schließen wollten, jubeln jetzt der Regierung zu („Knallhart-Beschlüsse“), weil diese spät doch zu drakonischen Maßnahmen greift, um den plötzlich gefährlichen Virus zu stoppen – einschließlich der zunächst verpönten Grenzkontrollen.

Harter Streß-Test für Staat und Wirtschaft

Aus einer abstrakten Gefahr wurde eine konkrete. Die Massenflucht in die Heimarbeit – für Journalisten vielfach machbar, – nicht aber für Handwerker, Ladenbesitzer oder Restaurantbetreiber. Nun beschleicht alle die Angst vor den Folgen einer alles umfassenden, nie dagewesenen Rezession.

Der Chef des Springer-Verlages (Bild, Welt) Mathias Döpfner artikulierte in einem Aufsatz jetzt die Sorge („Ich habe Zweifel“), daß die Zwangsmaßnahmen zu weit gehen. Angst um seine Firma? Damit ist er wahrlich nicht allein. Wir haben nicht lange Zeit, das Virus und einen wirtschaftlichen Totalabsturz zu stoppen. Im besten Fall ist die Corona-Krise ein harter Streß-Test für Staat und Wirtschaft. Nur mit Disziplin und gegenseitiger Hilfe können wir ihn bestehen.

JF 14/20

Kameras und Mikrofone verschiedener Medien (Symbolbild) Foto: picture alliance / dpa

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