Für Aufregung haben Mitschnitte gesorgt, die zeigen, wie AfD-Chef Tino Chrupalla bei der DDR-Hymne mitsingt. Zugetragen hat sich die Szene bei einer Wahlkampfveranstaltung im sachsen-anhaltischen Dessau-Roßlau. Ob auch Spitzenkandidat Ulrich Siegmund mit eingestimmt hat, ist nicht belegt. Es ist auch nicht wichtig, denn es handelt sich um keinen Skandal, höchstens um eine Skurrilität.
Zu sehen ist, wie Chrupalla fröhlich sagt: „Wir wollen noch die Nationalhymne singen. Das machen wir noch. Das machen wir immer in Sachsen-Anhalt, genau.“ Den mit auf der Bühne stehenden Kabarettisten Uwe Steimle fordert er auf: „Uwe, du stimmst jetzt mal die deutsche Nationalhymne an. Kennst du die?“
Doch der 63-jährige Künstler beginnt, die DDR-Hymne zu singen: „Auferstanden aus Ruinen…“ Chrupalla reagiert: „Die andere!“ und lacht. Später stimmt er lachend mit ein. Textsicher scheint er jedoch nicht zu sein.
Nach einer solchen Blamage hat die AfD endgültig meine Unterstützung/Zuneigung verspielt.
Herr Chrupalla singt die Nationalhymne der totalitären DDR-Diktatur. Das ist eine Schande für eine rechte Partei, die klare Kante gegen den Kommunismus zeigen muss.pic.twitter.com/yHh4YA2zZA
— 🇩🇪Alexander Borenholts🇦🇹 (@Alex_Borenholts) July 14, 2026
Hymne wurde zum Synonym des Untergangs der DDR
Warum ist es kein Skandal? Bereits Anfang der 1970er Jahre hatte die DDR den Text von Johannes R. Becher defacto verboten. Er durfte nicht mehr gesungen werden, weil er der SED-Führung zu gesamtdeutsch patriotisch war. Fortan wurde nur noch die von Hanns Eisler komponierte Melodie gespielt. Ein Staat, der den Text seiner eigenen Hymne verbot, demaskierte sich selbst.
Stein des Anstoßes waren vor allem die Verse, die direkt nach der ersten Zeile folgten: „Lass uns dir zum Guten dienen, Deutschland, einig Vaterland. Alte Not gilt es zu zwingen, und wir zwingen sie vereint, denn es muss uns doch gelingen, dass die Sonne schön wie nie über Deutschland scheint.“
Der Text hat sich vielmehr zum Synonym für den Untergang der sozialistischen Diktatur entwickelt und ist seitdem positiv besetzt. Beim Sturz des SED-Regimes 1989 und den Demonstrationen für die Wiedervereinigung 1990 entdeckten nämlich die DDR-Bewohner in allen Städten den Text wieder.
„Deutschland einig Vaterland“ als Schlachtruf gegen die SED
Auf den Montags-Demonstrationen skandierten sie immer wieder: „Deutschland, einig Vaterland! Deutschland, einig Vaterland!“ Die Zeile fand sich auch auf vielen Transparenten der Bürgerrechtler.

Auch als der damalige westdeutsche Kanzler Helmut Kohl am 19. Dezember 1989 seine legendäre Rede vor der Ruine der Frauenkirche in Dresden hielt, waren die Spruchbänder zu sehen. Kohl sagte an die „lieben Landsleute“ gerichtet: „Mein Ziel bleibt, wenn die historische Stunde es zulässt, die Einheit unseres Vaterlandes.“ Die Dresdener antworteten begeistert mit einem nicht enden wollenden „Deutschland, einig Vaterland!“
Der Vorfall bei der AfD in Dessau-Rosslau kann also nicht mit einer Verherrlichung des DDR-Unrechtsstaates in Zusammenhang gebracht werden – allein schon, weil die SED den Text jahrzehntelang inkriminiert hatte. Vielmehr stand die Hymne 1989/90 für die friedliche Revolution und den Wunsch der Menschen in der DDR nach einer schnellen Wiedervereinigung. Sie ist dadurch zu einem Symbol der schönsten Monate geworden, die die Deutschen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erlebt haben.

Übrigens sangen Chrupalla, Siegmund und die Zuhörer der Veranstaltung danach noch die dritte Strophe des Deutschlandliedes. Der AfD-Bundeschef hatte sie selbst angestimmt. Der JUNGEN FREIHEIT sagte Chrupalla zur Aufregung um die DDR-Hymne, er verstehe nicht, wie „unentspannt“ darauf reagiert werde: „Es wird alles zum ‚Skandal‘ erhoben. Keiner kann mehr lachen, und alles muss bierernst sein. Wer mit Uwe Steimle eine Veranstaltung macht, weiß was kommt. Es ist mit ihm mal so erfrischend anders.“ Und er ergänzte: „Der Text der DDR-Hymne, den wir nicht singen durften, ist grandios und passt auch heute noch.“
Ein offizielles Comeback hat die DDR-Hymne erst nach der ersten freien Volkskammerwahl am 18. März 1990 erlebt. Jetzt, da es das erste demokratische Parlament in Ostdeutschland gab, wurde sie mit Text als Symbol der Freiheit jeden Abend im DDR-Radio gespielt – letztmals kurz vor Mitternacht am 2. Oktober 1990. Direkt danach, um 0 Uhr, folgte die dritte Strophe des Deutschlandliedes. Die Nation war nach 41 Jahren staatlich wieder vereint. Der Auftrag der DDR-Hymne „Deutschland, einig Vaterland“ hatte sich endlich erfüllt.
Wäre es nicht schön, wenn wir auch gesellschaftlich trotz aller politischen Spaltereien wieder ein „Deutschland, einig Vaterland“ wären?





