Joachim Kuhs
Trump denkt nach
US-Präsident Donald Trump Foto: picture alliance / abaca | Pool/ABACA

Was bleibt von Trumps Amtszeit?
 

Die ungebändigte Masse

Zu den seltsamen Begleiterscheinungen der Debatte um den „Sturm“ auf das Kapitol am 6. Januar gehört die religiöse Konnotation. Die Rede war von einem „Menetekel“ für die westliche Welt, von der Schändung des „Tempels“ der Demokratie. Aber das ist nur die eine Seite, die andere der „Exorzismus“, den der bizarre Schamane mit dem Büffelhörnerkopfputz vollzogen hat, getragen von der Überzeugung der Besetzer, daß sie „das Böse“ oder gleich „Satan“ bekämpften.

Bringt man das Gewollt-Hysterische der offiziellen Kommentare in Abzug und ergänzt das Bild der Trumpisten um den Unernst ihres Vorgehens, das Clowneske der Aktion und das ständige Posen vor den mitgebrachten Aufnahmegeräten, stellt man indes ernüchtert fest, daß hier weder ein Sakrileg stattfand noch ein neues „1933“ versucht wurde, nicht einmal ein postmoderner Putsch- oder Revolutionsauftakt.

Die Masse ist dümmer, hemmungsloser und heroischer …

Es ist im Grunde auch unerheblich, welche Folgen die Vorgänge für die Beurteilung der Präsidentschaft Trumps haben. Den Ausschlag gibt, daß man es mit einer Massenaktion als solcher zu tun hatte. Typisch am Vorgehen der „Besetzer“ war die Spontaneität ihres Ausbruchs, das Mitreißende in dem Augenblick, als der erste Regelverstoß ungeahndet blieb, die Ratlosigkeit nach dem Erfolg, das Fehlen von Gliederung und gezieltem Vorgehen.

Typisch insofern, als man seit langem um das Gefälle zwischen der Gesamtintelligenz einer Masse und der Durchschnittsintelligenz der Beteiligten weiß. Eine Eigenschaft, die die Erregbarkeit der Masse erklärt, ihre Anfälligkeit für Agitation und die Möglichkeit, sie zu Taten zu verleiten, die der einzelne bei ruhiger Überlegung niemals begehen würde. Die Masse ist dümmer und hemmungsloser, aber auch heroischer als der, der für den Moment in ihr aufgeht.

Einige Kommentatoren haben deshalb auf vergleichbare Vorgänge – von den Ausschreitungen der „Black Lives Matter“-Bewegung bis zur „Umzingelung“ des Pentagon im Rahmen der Anti-Vietnam-Proteste – hingewiesen. Das ist zwar politisch unerwünscht, gibt aber doch Aufschluß darüber, daß nicht erst seit gestern diffuse Strömungen latent vorhanden sind, sich unter gegebenen Umständen rasch verstärken und punktuell zusammenschließen. Ähnliche Phänomene sind aus allen Epochen bekannt.

Die Gesellschaft hat selbst Massencharakter angenommen

Allerdings wuchs ihre Bedeutung unter den Bedingungen der Moderne. Sie hat alle älteren Ordnungen, die dazu dienten, Massen zu bändigen, in Frage gestellt. Versuche, diesen Prozeß einzufangen, rückgängig zu machen oder eine dauerhafte neue Formation zu erreichen, sind bisher gescheitert.

Die Gesellschaft hat selbst Massencharakter angenommen. Was die Versuchung wachsen ließ, diese „Massengesellschaft“ durch forcierte Vermassung zu kontrollieren. Dazu müssen alle hemmenden Bestände, ganz gleich, ob es um Sitte, Religion, kulturelle Überlieferung geht, geschwächt oder beseitigt werden. Ziel ist die geräuschlose Durchsetzung ähnlicher Lebensumstände überall, ergänzt um eine Indoktrination, deren Kern der Gleichheitsgedanke bildet.

An der Geschichte der westlichen Welt in der Nachkriegszeit ist zu beobachten, wie erfolgreich dieses Vorgehen sein kann. Allerdings handelt es sich nicht um einen Automatismus. Hannah Arendt meinte, daß die Vermassung notwendig an Grenzen stößt, „wenn die Gesellschaft auf verhältnismäßig kleinem Raum die Unterschiede klar ans öffentliche Licht bringt und damit eine Fülle von Konflikten erzeugt“. Letztlich bewegen wir uns permanent in „verhältnismäßig kleinem Raum“. Das gilt, auch wenn der durch die Medien und die Globalisierung künstlich erzeugt wird.

„Populistische“ Bewegungen als Störungen?

Gleichzeitig wächst seine Störanfälligkeit, und man kann „populistische“ Bewegungen als Störungen betrachten, die der Vermassungsprozeß selbst hervorruft. Kaum ein Kommentator widerstand der Versuchung, die Akteure von Washington als „Hinterwäldler“, „Hillibillies“, „weißen Trash“ zu charakterisieren, auf ihre Häßlichkeit, ihre Schratigkeit, ihr Übergewicht und die Verwüstung der Gesichter durch Drogenkonsum zu sprechen zu kommen.

Übersehen wird dabei nur, daß die Entbehrlichen und die Verlierer nicht einfach dumm oder schlecht oder beides sind, sondern daß ihr kompaktes Auftreten direkt mit der Vermassung zu tun hat. Das erklärt viel von der Macht des Ressentiments in diesem Populismus, seiner elementaren Kraft und Vulgarität, dem Fehlen einer echten Programmatik und der Schwäche der Führer. Die werden, trotz der Attitüde des „starken Mannes“, rasch zu Gefangenen der eigenen Basis, deren Erwartungen selbst bei dauernder Radikalisierung nicht erfüllbar sind.

Was ist die wichtigste Aufgabe des Staatsmannes?

Die Amtszeit Trumps sollte deshalb auch unter dem Gesichtspunkt betrachtet werden, welche Grenzen dem Populismus von Natur gezogen sind. Was Trump nach oben getragen hat, war die Tatsache, daß er als Massenmensch die Unterstützung der Masse fand. Die vielen haben sich in dem einen wiedererkannt und ihre Sehnsucht auf ihn projiziert. Das hat der eine zu nutzen gewußt, auch um durchaus bemerkenswerte politische Erfolge zu erzielen. Genügen konnte das aber nicht.

Letztlich weil Trump blind dafür war, an welcher Stelle er die Bedingungen des Populismus hätte überschreiten müssen, um Entscheidendes zu leisten. Friedrich Naumann, der als einer der ersten die wesentlichen Probleme unseres Zeitalters erkannte, meinte auf die Frage, was die wichtigste Aufgabe des Staatsmannes sei: „Aus Massen Menschen machen.“

JF 3/21

US-Präsident Donald Trump Foto: picture alliance / abaca | Pool/ABACA
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