Superwahljahr
Ein Taliban-Kämpfer wartet vor dem Präsidentenpalast in Kabul Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Rahmat Gul
Ein Taliban-Kämpfer wartet vor dem Präsidentenpalast in Kabul Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Rahmat Gul

Taliban erobern Afghanistan
 

Über die Gewalt

Wenn es um den siegreichen Vormarsch der Taliban auf Kabul geht, sollte man das Bild des afghanischen Offiziers nicht vergessen, der vor laufender Kamera in weinerlichem Ton erklärte, daß er und seine Männer am Vortag mit dem Tod bedroht worden waren, weshalb sie kampflos kapitulierten und ihre Stellung samt Ausrüstung und Waffen an den Feind übergaben. Wer in den vergangenen Jahren Gelegenheit hatte, mit Leuten zu sprechen, die die Lage in Afghanistan kannten, dürfte dieses Verhalten so wenig überraschen wie die Flucht des Regierungschefs. Man muß kein Prophet sein, um vorauszusagen, daß alles der Gewalt weichen wird, jenem Faktor im politischen Leben, dessen Wesen heute entweder verkannt oder geleugnet wird.

Was das Verkennen betrifft, so geht es vor allem um die Überdehnung des Gewaltbegriffs, der angeblich jeder menschlichen Begegnung innewohnt, vom Sprech- und Sexualakt über die elterliche Erziehung und die Anweisung des Ausbilders bis zum Aufbau der Institutionen selbst. Strukturelle Gewalt findet der Gewitzte in der Mikroaggression und jeder Art von Diskriminierung und selbstverständlich im „systemischen Rassismus“. Daß Gewalt nach herrschender Lehre böse ist, bedarf keines weiteren Wortes, und das, was die „Nonsens-Denker“ (Roger Scruton) in den vergangenen Jahrzehnten als politische Theorie etabliert haben, lebt davon, eine Welt auszumalen, in der Gewalt nicht mehr vorkommt. Es ist dabei gleichgültig, ob sie vom „herrschaftsfreien Diskurs“, vom „alltäglichen Aushandeln“ des Geltenden oder gleich vom „Gesellschaftsvertrag“ sprechen: Immer geht es um die Utopie einer Staatsordnung, die qua Einsicht und friedlicher Übereinkunft, ohne jeden Zwang, zustandekommt.

Womit wir bei der Leugnung des Faktors Gewalt sind. Der wirkt sich dahingehend aus, daß man die dauernde Notwendigkeit von Staatsgewalt wie die Bedeutung der Gewalt im Akt der Staatsgründung bestreitet. Es ist aber noch kein Staat ohne Androhung oder Anwendung von Gewalt entstanden. Das hatte stets etwas Peinliches, weshalb man die unerfreulichen Aspekte des Ursprungs im Interesse des friedlichen Zusammenlebens kaschierte. Doch das ändert nichts an den Tatsachen: Hinter der „Vereinigung“ von Ober- und Unterägypten, der „Erhebung“ Davids zum König ganz Israels, dem „Synoikismos“, auf dessen Grundlage das antike Athen entstand, oder dem verfassungsrechtlichen Prozedere, das zur Bundesrepublik führte, stand ein Gewaltakt.

Der Export der „Zivilgesellschaft“ hat nichts bewirkt

Im guten Fall erweist sich die Gewalt als „potestas ordinata“, als „geordnete Gewalt“, wirkt schöpferisch, kann gehegt und an Regeln gebunden werden. Aber sie verliert damit nicht ihren Gewaltcharakter. Der Staat muß sein Gewaltmonopol sichern und sich die Möglichkeit erhalten, Zwang zur Erreichung seiner Ziele anzuwenden. Das gilt selbst dann, wenn die Verfassung eine Gewaltenteilung vorschreibt. Wobei nicht vergessen werden darf, daß Gewaltenteilung ein Ergebnis des europäischen Sonderwegs ist, der nicht nur Rechtstaatlichkeit, sondern auch Demokratie erreichbar machte, die die Staatsgewalt keineswegs verschwinden läßt, denn jetzt gilt: „Alle Staatsgewalt geht vom Volk aus“ (Artikel 20 des Grundgesetzes).

Eine entsprechende Verfassung ist die Ausnahme, nicht die Regel. Das heißt, sie kann nur entstehen, wenn sehr seltene Bedingungen glücklich zusammentreffen. In Afghanistan war das nicht der Fall. Weshalb weder die militärische Intervention noch die Entwicklungshilfe, weder die verblasenen Konzepte von „nation building“ noch der Export von „Zivilgesellschaft“ zu irgendetwas führten. Das Scheitern ist auch nicht mit einem „Rückstand“ zu erklären, damit, daß die Afghanen „im Mittelalter“ leben und deshalb nicht „so weit“ sind wie wir.

Afghanen müssen die Initiative zur Besserung selbst ergreifen

Es geht hier nicht um die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, sondern um die Gleichzeitigkeit des Ungleichartigen. Die afghanische Gesellschaft – so weit man davon überhaupt reden kann – beruht auf Fundamenten, die von europäischen oder nordamerikanischen radikal verschieden sind. Weshalb auch zu bezweifeln ist, daß ein neuerlicher oder verstärkter Gewaltakt von westlicher Seite zu einer konstruktiveren Lösung führen könnte. Wenn in Afghanistan etwas zum Besseren gewendet werden soll, hat die Initiative von Afghanen auszugehen. Und sollte es in Afghanistan tatsächlich Kräfte geben, die bereit sind, nicht davonzulaufen, sondern sich den Taliban entgegenzustellen, müßten sie willens sein, diejenigen Gewaltmittel zu beschaffen und anzuwenden, die nötig sind, um einem so entschlossenen und furchtbaren Feind zu begegnen.

Nachbemerkung: Anfang der 1990er Jahre hatte ich einen Schüler im Unterricht, dessen Familie während der sowjetischen Besetzung aus Afghanistan geflohen war. Der Vater, eine eindrucksvolle Persönlichkeit, hatte auf der Seite der Mudschaheddin gekämpft und war dabei schwer verletzt worden. Als der Sohn bei mir einen Besinnungsaufsatz zum Thema „Waren die Spartaner an den Thermopylen Helden und Vorbilder?“ schreiben mußte, bejahte er nicht nur die gestellte Frage, sondern endete mit einem Satz seines Vaters: „Wenn Männer nicht mehr bereit sind, für ihr Volk zu kämpfen, geht das Volk unter.“

Ein Taliban-Kämpfer wartet vor dem Präsidentenpalast in Kabul Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Rahmat Gul
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