Demonstration in den USA: In dem Land stehen sich die verfeindeten politischen Lager unversöhnlich gegegenüber Foto: picture alliance / newscom
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Die USA im Jahr 2020

Der Schmelztiegel zerbricht

Die meisten politischen Trends und Bewegungen, welche die westliche Welt beschäftigen und erschüttern, kommen aus den USA. Immer schneller schwappen die Tsunamis über den Atlantik. Benötigte die politische Korrektheit noch einige Jahre, um Europa zu überspülen, überfluteten die Metoo- und die „Black Lives Matter“-Bewegung dank der neuen Medien es schon nach wenigen Tagen.

Man muß hinzufügen, daß es sich keineswegs nur um importierte Exotik handelt, sondern auch Re-Importe darunter sind. Die „Cancel Culture“ ist die Radikalisierung von Herbert Marcuses „repressiver Toleranz“; die politische Korrektheit und die Identitätspolitik haben ihren geistigen Vorlauf bei den französischen Postmodernisten.

In den vergleichsweise traditionslosen USA kommen solche Ideen zur Reife und kehren mit missionarischer Wucht nach Europa zurück. Der Ideen-Transfers gehörte im 20. Jahrhundert zur „soft power“ der USA, die ihre Machtausdehnung gern als Kreuzzug für Liberalität, Freiheit und Menschenrechte legitimierten.

Im Aufsatz „Die letzte globale Linie“ schrieb Carl Schmitt 1943, der amerikanische Machtanspruch und Interventionismus sei „nicht nur global, sondern auch total. Sie betrifft auch die inneren Angelegenheiten, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Verhältnisse und geht mitten durch die Völker und Staaten hindurch. Sobald die Diskriminierung anderer Regierungen in der Hand der Regierung der Vereinigten Staaten liegt, haben diese das Recht, die Völker gegen ihre Regierungen anzurufen und den Staatenkrieg in einen Bürgerkrieg zu verwandeln. So wird der diskriminierende Weltkrieg amerikanischen Stils zum totalen und globalen Welt-Bürgerkrieg.“

USA winken mit dem „großen Knüppel“

Die Monroe-Doktrin von 1823, die ein Interventionsverbot für raumfremde – europäische – Mächte auf dem amerikanischen Kontinent verhängt hatte, wurde zunehmend offensiv interpretiert. 1904 verkündete Präsident Theodore Roosevelt die nach ihm benannten „Corollary“ („Roosevelt-Zusatz“), die besagten, daß ständige Verstöße gegen die Regeln der zivilisierten Gesellschaft die USA „zur Ausübung einer internationalen Polizeigewalt zwingen“ könnten. Die Warnung galt für die „westliche Hemisphäre“ („Western Hemisphere“).

Daß der Begriff sich nicht auf den amerikanischen Kontinent beschränken mußte, zeigte sich Ende 1907, als eine Armada aus 16 Marinekampfschiffen über die Weltmeere aufbrach und in Südamerika, Australien, Japan, China, Ägypten und Italien vor Anker ging. Wegen ihrer weißen Farbe – die Farbe der Kriegsmarine in Friedenszeiten – hießen sie „Great White Fleet“. In verbindlicher Sprache demonstrierte Roosevelt die Fähigkeit der USA, weltweit mit dem „großen Knüppel“ zu winken und imperialistische Ambitionen durchzusetzen. Sein Neffe fünften Grades, Franklin D. Roosevelt, knüpfte 30 Jahre später daran an.

In Deutschland wird der amerikanische Einsatz im Zweiten Weltkrieg gewöhnlich als idealistische Intervention gegen den NS-Rassen- und Vernichtungskrieg gewertet. Das ist eine eingeschränkte Sicht. In der Darstellung des britischen Historikers John Charmley bedeutete der „Krieg gegen den vollendeten autarken Staat, Nazi-Deutschland“ für Roosevelt und seinen Außenminister Hull die Gelegenheit, neben dem Sieg über die aktuellen Feinde die geopolitische Grundlage für eine neue Weltordnung zu schaffen und das Britische Empire in seiner globalen Rolle endgültig abzulösen.

Kulturelle Verflachung in den USA

Bis weit in das 20. Jahrhundert hatte in Europa ein kulturelles Überlegenheitsgefühl gegenüber den USA geherrscht, das so unterschiedliche Persönlichkeiten wie der spanischen Philosophen José Ortega y Gasset („Der Aufstand der Massen“) oder der holländische Kulturhistoriker Johan Huizinga („Herbst des Mittelalters“) formulierten.

Für Huizinga gingen die „demokratischen Lebensformen“ der USA mit „geistiger Nivellierung und konventionalistischer Einförmigkeit“ einher. Das Fehlen einer aristokratischen Kultur und das puritanische Erbe führten zu rigider sozialer Kontrolle im Alltag: Ähnlich hatte sich fast hundert Jahre zuvor schon Alexis de Tocqueville geäußert.

Kritiker hoben in der Regel den Zusammenhang zwischen Liberalismus, Ökonomisierung, serieller Produktion und Standardisierung sämtlicher Lebensbereiche hervor. Der Reiseschriftsteller und geopolitische Analytiker Colin Ross fand bemerkenswert, wie stark der amerikanische Alltag durch Ketten-Restaurants, Ketten-Läden, -Kinos, -Frisiersalons usw. bestimmt wurde. Er sah darin die „universale Idee des demokratischen Fortschrittsglaubens“ und „die letzte Ausdrucksform der abendländischen Weltidee“ wirken. Eine Endzeit also.

Eine der letzten offenen Kritikerinnen in Deutschland war die Journalistin Margret Boveri. In der 1946 erschienenen „Amerika-Fibel“ beschrieb sie die Hollerith-Lochkarten-Maschine, mit der die Amerikaner statistisch erfaßt und kategorisiert wurden, als Modell für den Fragebogen, welche die Deutschen nach 1945 in den Westzonen auszufüllen hatten. Auch das Schmelztiegel-Ideal, nach dem die Einwanderer aus aller Herren Länder eine neuartige Synthese bilden sollte, bewertete sie kritisch als eine Praxis kultureller Verflachung.

Weltführungsrolle der USA

Doch nach 1945 waren die USA die unumstrittene Vormacht und das Vorbild für die westliche Welt. Für den 2017 verstorbenen Politikwissenschaftler Zbigniew Brzezinski war es daher ganz selbstverständlich, daß die Welt sich politisch, ökonomisch und gesellschaftlich gemäß dem amerikanischen Modell neu ordnen müsse. Die technische und postindustrielle Entwicklung sei auf die „eine Welt“ gerichtet, in der die Nationalstaaten zwar weiter existierten und für emotionale Bindungen und Loyalitäten sorgten, aber in der Praxis nur noch Verwaltungsfunktionen innehaben würden.

Die neue „Weltordnung“ benötige einen Staat mit einer Weltführungsrolle („world leadership“), der für Sicherheit und Stabilität sorge, wofür nur die USA in Frage kämen. Sie seien die erste globale Gesellschaft, abgekoppelt von nationaler und ethnischer Identität. Sie hätte dafür zu sorgen, daß ihre Vorherrschaft für die anderen Ländern in wirtschaftlicher, militärischer, wissenschaftlich-technologischer, kultureller Hinsicht attraktiv sei.

Brzezinski schwebte ein unsichtbares, aber allgegenwärtiges Imperium vor, eine „hegemony of new type“, zusammengehalten von einem Geflecht aus weltumspannenden Allianzen, Institutionen und Normen; ihre Einhaltung müsse als moralische Pflicht verinnerlicht werden. Dazu sollten die nationalen Eliten nach amerikanischen Vorstellungen sozialisiert und konditioniert werden.

Antiweißer Rassismus und weißer Autorassismus

In den Publikationen von Carl Schmitt, Colin Ross („Die westliche Hemisphäre“) oder Giselher Wirsing („Der maßlose Kontinent“, „Das Zeitalter des Ikaros“) erscheinen die USA als ein kompakter liberaler Koloß, der der Welt sein Gesetz aufzwingen will. Nach den materiellen und immateriellen Zerstörungen, die Europa im Zeiten Weltkrieg erlitten hatte, und im Angesicht der militärischen, ökonomischen, technischen und populär-kulturelle Übermacht Amerikas geschah die Unterordnung freiwillig.

Auch der linke Antiamerikanismus der Studentenbewegung war kein Widerstand gegen das US-Ideal, sondern drückte die Enttäuschung darüber aus, daß der Hegemon selber es mißachtete. Kulturkonservative und Rechte, die sich gegen die Amerikanisierung wandten, galten hingegen als hoffnungslose Reaktionäre.

Für den polnischen Diplomatensohn Brzezinski, der nach dem Zweiten Weltkrieg in den USA verblieben war, standen die Aufklärung und die „universale Idee des demokratischen Fortschrittsglaubens“ als geistig-moralische Grundlage des Imperiums außer Frage. Diese Zeiten sind vorbei. Das Fundament des Kolosses löst sich auf, der Schmelztiegel zerbricht, die darin befindlichen Substanzen stoßen sich wie in einem chemischen Trennverfahren voneinander ab.

Die Identitätspolitik stellt die ethnische Herkunft ins Zentrum der jeweiligen Bevölkerungsgruppen. Der gemeinsame Nenner sind ein antiweißer Rassismus und ein weißem Autorassismus. Der Liberalismus beugt das Knie vor der Herrschaft des Pöbels und rechtfertigt die Zersetzung staatlicher Autorität. Das ist schlimmer als alles, was Tocqueville an der amerikanischen Massendemokratie je kritisiert hatte.

USA zeigen Schwäche

In seiner Streitschrift „Rassismus. Ein amerikanischer Alptraum“ zitiert Martin Lichtmesz den Politikwissenschaftler Samuel Huntington, der die Gemengelage aus Rassen- und Ethnokonflikten, einem totalitär gewordenen Neoliberalismus zusammenfaßt:

„Seit mehreren Jahrzehnten haben Interessengruppen und Regierungseliten rassische Quotenregelungen propagiert, die Schwarze und nicht-weiße Einwanderer bevorzugen. Währenddessen hat eine proglobalistische Politik Arbeitsplätze ins Ausland verlagert, die Einkommensungleichheit verschärft und sinkende Reallöhne für Amerikaner aus der Arbeiterklasse propagiert. Tatsächlicher oder wahrgenommener Macht- und Statusverlust sozialer, ethnischer, rassischer oder ökonomischer Gruppen erzeugt fast immer Versuche, diese Verluste wieder ungeschehen zu machen.“

Es müssen nicht einmal Verluste, es können auch eingebildete Benachteiligungen sein, die den Straßenmob aktivieren.

Vielleicht ist es für Konservative und Rechte an der Zeit, das eigene, gut hundert Jahre alte Amerika-Bild neu zu ordnen. Der Koloß ist mächtig, aber nicht kompakt; er weist politische Bruch- und ethnisch-kulturelle Konfliktlinien auf, die sich auch in Europa immer stärker abzeichnen. Vielleicht ist es Zeit für eine neue Art transkontinentaler Interessengemeinschaft, für die Formulierung einer eigenen, europäisch-anglo-amerikanischen Identitätspolitik.

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