„Erziehung trägt Gesinnung“

Beschädigte Kindheit ist gleich rechtspopulistischer Erwachsener?

Erwachsene, die die überfordernde und immer komplexere Welt nicht mehr verstehen, sollten Kinderbücher lesen. Noch besser, sie lesen Bücher von Kinderärzten, beispielsweise das neue Buch von Herbert Renz-Polster: „Erziehung trägt Gesinnung. Wie der weltweite Rechtsruck entstehen konnte – und wie wir ihn aufhalten können“. Je tiefer der Griff in die psychomythologische Mottenkiste, um so größer die wissenschaftlichen Erkenntnisse des Autors, vorgestellt in einem Interview im Spiegel Nummer 13.

Der Erfolg der Rechtspopulisten in Europa und in den USA sei auf lauter beschädigter Kindheiten zurückzuführen, sagt Renz-Polster. Nach diesem psychopolitischen Heureka wird jedem Leser klar, daß die Kindheit der rechtspopulistischen Anführer so richtig verkorkst gewesen sein muß. Donald Trump, Marine Le Pen, Viktor Orbàn, Alexander Gauland – sie alle waren nicht achtsam genug in der Wahl von Vater und Mutter.

Kinderarzt, Terrorismusexperte und Pastor der antiautoriätren Religion

Gemäß dieser Logik hätte es die 68er-Bewegung gar nicht geben dürfen, denn körperliche Gewalt in der Erziehung war in der Nachkriegszeit normal, auf jedem Kinderpopo tobte sich der Rohrstock aus. Und dennoch gab es die 68er. Wahrscheinlich waren sie sich ihrer wahren Bedürfnisse nicht bewußt. Durch eine kompetente Psychoanalyse hätten sie ihre wahre Berufung erfahren. Dann wäre Daniel Cohn Bendit Gründungsmitglied des Front National und Uschi Obermeyer 1. Vorsitzende der NPD geworden.

Der Autor ist nicht nur Kinderarzt, sondern auch Terrorismusexperte. Zumindest nach seinem Selbstverständnis. Denn er weiß, daß es terroristische Anschläge nicht gäbe, „wenn Eltern und Pädagogen besser mit Kindern umgingen“. Exakt. Wäre Gudrun Ensslin in der Kommune 1 aufgewachsen und nicht in einem autoritär-repressiven evangelischen Pfarrhaus, dann wäre das schon mal ein pädagogisch-prophylaktischer Schachzug gegen terroristische

Anschläge gewesen. Der Leser wird immer schlauer und erfährt auch ganz nebenbei, daß die Kindheiten in Deutschland noch nie so gut waren wie jetzt. Nun offenbart sich der dritte Beruf des Herrn Renz-Poster, er ist auch noch Pastor der antiautoritären Religion.

Nur noch glückliche Kinder

Doch das von allen Autoritäten befreite Bewußtsein hat das deutsche Sein 2019 irgendwie nicht so richtig verändert. Kinder und Jugendliche waren noch nie so übergewichtig. Suchterkrankungen und psychische Erkrankungen noch nie so auf dem Vormarsch. Abgerundet wird das Ganze durch geschlechtsneutrale Erziehung, von der Inklusion völlig überforderte Lehrer und einigen Helikopter-Eltern.

Das müssen wohl die idealen Zutaten für die glücklichsten Kindheiten aller Zeiten sein. Wenn da nur nicht die bösen Rechtspopulisten wären. Aber wenn demnächst „Erziehung prägt Gesinnung“ ein Bestseller wird, dann ist auch dieses Problem gelöst. Dann wachsen nur noch glückliche Kinder mit linkspopulistischem Bewußtsein auf. Gelungene Kindheit, gelungene Politik.

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Dr. Burkhard Voß ist Facharzt für Neurologie und Psychiatrie sowie Autor von „Albtraum Grenzenlosigkeit“, Solibro Verlag.

Enttäuschter Junge (Archivbild): Nicht achtsam genug bei der Wahl der Eltern Foto: picture alliance/imageBROKER

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