Handball
Die deutsche Handballnationalmannschaft feiert den EM-Titel in KrakauFoto: picture alliance/Perenyi
Meinung

Schlechte-Laune-Journalismus aus Hamburg

Es gibt Politikjournalisten, Sportjournalisten und Wirtschaftsjournalisten. Es gibt Feuilletonisten, Reporter, Leitartikler und Kolumnisten. Und es gibt Schlechte-Laune-Journalisten. Deren Metier ist es, stets sehr bemüht bis verbiestert das Haar in der Suppe zu suchen und so der geneigten Leserschaft die eigene Überlegenheit zu demonstrieren.

Wolfram Eilenberger ist so ein Schlechter-Laune-Journalist. Ihm ist der Sieg der deutschen Nationalmannschaft bei der Handball-EM ein Graus, denn das Erfolgsteam „hat keinen einzigen Spieler mit dunkler Hautfarbe oder auch nur südländischem Teint“. Es handle sich um eine Mannschaft ohne jeglichen Migrationshintergrund, klagt Eilenberger in der Zeit. „100 Prozent kartoffeldeutsche Leistungsbereitschaft.“

„Herzhaft, blutnah, widerständig“

Der erklärte Fußballfan Eilenberger mag sich mit Handball nicht so recht anfreunden. „Ehrlicher Sport von ehrlichen Männern für ehrliche Bürger, herzhaft, blutnah, widerständig“, das ist nicht so seine Sache.

Bemüht ironisch offenbart der Schlechte-Laune-Journalist seine abgrundtiefe Abneigung für die neue deutsche Handballbegeisterung: „Mit seiner auf maximale Körperintensität ausgelegten Spiellogik verspricht der Handball mit anderen Worten eben jenes Sehnsuchtsloch zu füllen, das ein rundum familientauglich gemachter, oberflächengeglätteter und spieltaktisch feminisierter Profifußball ins Herz vieler Nostalgiker gerissen hat.“

Zwei-Meter-Hünen krachten ohne Rüstung, lästige Pausen und affiges Event-Buhei aufeinander. „Handball, der neue Männersport für alle, denen Cage-Fighting zu kraß, American Football zu amerikanisch und Darts zu fett ist.“

„Deutsche Reihenhausvergangenheit der achtziger Jahre“

Dann kommt Eilenberg zum Kern seines Problems. Er leidet nämlich nicht nur am deutschen Handballsieg und der allgemeinen Freude darüber, sondern er kommt auch mit dem derzeitigen politischen Stimmungsumschwung hierzulande nur schlecht zurecht.

„Offenbar ist dieser Sport sozialdynamisch irgendwo vor drei Jahrzehnten stecken geblieben. Und genau damit wäre auch die gesellschaftlich-politische Alternative benannt, für die Handball in der nun neu entfachten Imagination des Sportfans steht: Er verweist mit aller Macht auf eine selig verklärte, deutsche Reihenhausvergangenheit der achtziger Jahre. Wenn Fußball Merkel ist, ist Handball Petry.“ Selbstverständlich steht dem Fußball-Kolumnisten von Zeit Online Merkel näher als Petry.

Obligatorischer Nazi-Vergleich

Und damit das auch dem Letzten klar wird, kann sich Eilenberger den obligatorischen Nazi-Vergleich nicht verkneifen. „Ich könnte jetzt noch sagen, daß der einzige Ausländer des Teams, der Trainer, aus Island stammt und das ebenfalls perfekt ins nordisch-arisierte Bild paßt.“ Er habe aber wohl deutlich genug gemacht, warum diese Handballzukunft auch in Zukunft ohne ihn als Fan oder auch nur Zuschauer stattfinden werde. „Handball als Alternative für Deutschland? Danke, nein.“

Zum Glück für Eilenberger findet die nächste Handball-WM erst in zwei Jahren statt. Gelegenheit für Schlechte-Laune-Journalismus wird er vermutlich trotzdem zur Genüge haben. Zum Beispiel Mitte März, wenn der Alternative für „Kartoffeldeutschland“ in Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg der nächste Hattrick gelingt.

 

Die deutsche Handballnationalmannschaft feiert den EM-Titel in KrakauFoto: picture alliance/Perenyi

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